«Licht sorgt für Drama»


Guy Studer FH SCHWEIZ | 04.12.2018

Priska Olivetti ist Innenarchitektin. Ein Gespräch über perfekte Räume, eine Sprühwolke und Utopie im Praxisbezug.

Frau Olivetti, seit 20 Jahren entwerfen Sie Innenräume. Gibt es einen Raum, den Sie noch gestalten möchten?

Es wäre reizvoll, ein Gewächshaus in einen Wohnraum zu verwandeln.

 

Ist das Ihr Ernst?

Ja. Die Herausforderungen wären natürlich gross: Licht, Feuchtigkeit, Hitze, Kälte und die vielen Pflanzen. Aber genau diese Herausforderungen würden die Arbeit spannend machen.

 

Mögen Sie Pflanzen?

(lacht) Sie haben mich ertappt! Pflanzen bedeuten mir extrem viel.

 

Auch als Teil der Inneneinrichtung?

Klar. Denken Sie an einen Blickfang oder Raum-trenner. Eine Pflanze ist vielseitig einsetzbar.

 

Wie viele Pflanzen besitzen Sie zu Hause?

Es sind viele. Ich wohne in einer Altbauwohnung. Mein Zuhause entwickelt sich ständig weiter. Ich bin eine Sammlerin. Ich stosse auf ein kleines Möbel, eine Vase oder eine Pflanze. Ich bringe das Stück nach Hause und integriere es ins Bestehende. Anderes miste ich aus oder stelle es um. Ich lebe in stetiger Veränderung.

 

Als Innenarchitektin setzen Sie klare Raumvorstellungen um. Am Tag X muss der Raum so und so aussehen. Beruflich agieren Sie folglich anders als privat. Sehe ich das richtig?

Beruflich plane ich auf einen klar definierten Zustand hin. Das stimmt. Stetige Veränderung ist nicht gewünscht. Am Tag X muss der Raum so gestaltet sein, wie ich das mit dem Bauherrn vorab erarbeitet und definiert habe. Ich überreiche ein fertiges Produkt.

 

Gibt es den perfekten Raum?

(kurze Pause) Wir müssten klären, was unter «perfekt» zu verstehen ist. Aber ja, im Grundsatz gibt es den perfekten Raum. Das ist ein Raum, der auf die Person wirkt, die sich darin aufhält. Und dieses Wirken hängt vom Raumzweck ab. In einem Wohnzimmer muss Behaglichkeit aufkommen. Ist dies der Fall, dann hat der Raum seinen Zweck erfüllt. Er ist perfekt.

 

Muss der Raumzweck erkennbar sein?

Nein, muss er nicht. Es geht nicht um eine bewusste Wahrnehmung. Der Raum muss den Menschen umfassend berühren. Der Raum löst in ihm etwas aus. Und das hängt mit dem Raumzweck zusammen.

 

Wo verorten Sie die Arbeit der Innenarchitektin in diesem Zusammenhang?

Als Innenarchitektin bin ich Gestalterin. Der perfekte Raum ist ein funktionierender Raum. Und das Gestalten des Raums trägt massgeblich dazu bei, dass der Raum seinem Zweck entsprechend funktioniert.

 

Sie können den perfekten Raum planen. Wo liegen die Schwierigkeiten dieser Planung?

Der Bauherr kann sich den Raum oft nicht vorstellen, da er noch nicht existiert. Das ist eine Schwierigkeit. Zudem kann er seine Vorstellungen oft nicht zutreffend beschreiben. Seine Sprache ist nicht fachsprachlich. Er weiss nicht, wie er zum Beispiel eine Wandoberfläche beschreiben soll. Eine gute Innenarchitektin ist sich dessen bewusst. Sie versteht, was der Bauherr wünscht, sucht und braucht. Wenn er von rustikalem Stil spricht, muss sie sicherstellen, dass er weiss, was das heisst, sonst spricht man aneinander vorbei. Daher sind gute Menschenkenntnisse und tolle Kommunikationsskills essenziell für diesen Beruf.

 

Besitzen Sie einen Lieblingsraum?

Das ändert sich fortwährend. Ich liebe Räume, die etwas mit mir anstellen. Sie sprechen meine Sinne an. Es gibt ein Erlebnis, das dies illustriert: An der Architekturbiennale in Venedig von 2010 hing eine Sprühwolke in einer Halle. Eine Rampe führte spiralförmig hinauf zur Wolke und durch sie hindurch. Es war feucht und neblig darin. Ich sah nichts. Der Luftgeschmack änderte sich, auch die Temperatur. Und die Rampe wackelte. Dieser Raum berührte mich intensiv. Das ist der Inbegriff meines Lieblingsraums.

 

In einer Sprühwolke kann man schwerlich leben. Was nehmen Sie von einem solchen Erlebnis mit?

Ein bestimmtes Gefühl in einem bestimmten Innenraum.

 

Was fällt Ihnen spontan zum Begriff Vase ein?

Schön mit Blumen und schön ohne Blumen.

 

Licht.

Licht sorgt für Drama! Daher nur punktuell einsetzen.

 

Denkmalschutz.

Wertvolles muss geschützt werden. Denkmalschutz ist eine Limitierung, die ich mag.

 

Das müssen Sie erklären.

Ich baue gerne im Bestand. Umnutzungen, Erweiterungen, Sanierungen: Das entspricht mir. Der Denkmalschutz setzt am Bestehenden an und ist mit Einschränkungen verbunden. Diese Einschränkungen betrachte ich als Herausforderung, nicht als Problem. Ich treffe in jedem Bestand auf eine Basis, und das inspiriert mich. Ich trete mit diesem Bestand in einen Dialog. Aus diesem Dialog entsteht meine Gestaltung.

 

Wann haben Sie entschieden, Innenarchitektin zu werden?

Kurz nach der Primarschule.

 

Sie nahmen das Innenarchitekturstudium nach einigen Jahren in der Praxis in Angriff. Wie haben Sie gemerkt, dass die Zeit reif dafür war?

Ich verlor damals meine Stelle als Innenausbauzeichnerin. Gleichzeitig merkte ich, dass ich mich beruflich weiterentwickeln musste. Beides kam zusammen. Ich schätze es sehr, dass ich nicht direkt nach dem Lehrabschluss ins Studium eingestiegen bin. Die Jahre in der Praxis haben mich geprägt. Ich begann das Studium mit einer breiten Basis. Ich konnte mich im Studium ausschliesslich auf das Design konzentrieren.

 

Was durften Sie aus dem Studium mitnehmen?

Sich loslösen von Kosten, Machbarkeit und Ausführbarkeit; Utopisches wagen; frei sein – diese Herangehensweise an die Gestaltung hat mich geprägt. Daraus entstand ein Vorgehen, das mich bis heute begleitet. Sich nicht zu früh einschränken, am Anfang gross und in alle Richtungen denken – stets im Wissen, dass man jederzeit zurückbuchstabieren kann. Diese Arbeitsmethode hat für mich mit Praxisbezug zu tun. Darin lag die grosse Qualität des Studiums.

 

Freiheit und Utopie sind also Bestandteile des Praxisbezugs.

Genau. Die Überlegungen zu Kosten, Machbarkeit und Ausführbarkeit sind natürlich zentral. Sie folgen aber im zweiten Schritt. Hätte ich das nicht im Studium gelernt, könnte ich es heute nicht mit grossen Vorteilen in der Praxis anwenden.

 

Wieso engagieren Sie sich in der Berufsvereinigung der Innenarchitektur?

Die Förderung des Berufsstands ist wichtig. Es geht mir vor allem um die Wahrnehmung unserer Leistungen. Oft wird die Innenarchitektur auf Dekorationsaufgaben reduziert: Wir würden allein richtige Kissen, geeignete Teppiche oder passende Vorhänge auswählen. Das greift viel zu kurz. Wir sind Baufachleute! Wir sind Experten wie die Bauingenieurin oder der Architekt.

 

Worin liegt der Unterschied zwischen Innenarchitektin und Architekt?

Was uns unterscheidet, ist der Massstab. Ich bin die Spezialistin für den Innenraum, der Architekt kümmert sich ums Grössere – um das Gebäude und um dessen Bezug zur Umgebung. Ausserdem ist meine Verbindung zum Bauherrn enger. Innenarchitektur und Architektur sind zwei Spezialgebiete des Bauens. Der Übergang zwischen den Gebieten ist fliessend. Beide Disziplinen besitzen ihre spezifischen Qualitäten.

 

Sie rücken den Menschen im Innenraum ins Zentrum, der Architekt das Gebäude. Licht, Klima, Möbel, Farben, Oberflächen, Materialien und Volumen bestimmen das Raumgefühl dieses Menschen. Müssen Sie auch etwas Psychologin sein?

(lacht) Wir haben gesehen, dass Menschenkenntnisse wichtig für den Beruf sind. Eine Innenarchitektin muss gut zuhören und Zwischentöne heraushören können. Empathie ist gefragt. Es gibt viele menschliche Weichfaktoren, die unsere Arbeit bestimmen.

 

Gibt es eine ideale Zusammenarbeit zwischen Innenarchitektin und Architekt?

Die Zusammenarbeit hängt vor allem von den Personen ab. Von ihrer Professionalität! Was mich betrifft, ist es einfach: Hat der Architekt ein Konzept für sein Gebäude erarbeitet, setzt meine Arbeit daran an. In seinem Konzept werden Fragen beantwortet, die die Grundlage für meine Arbeit bilden. Darauf baue ich meine Entwürfe und die Gestaltung des Innenraums auf. Schwierig wird es, wenn kein Konzept vorliegt, wenn der Architekt aus einem Gefühl heraus entworfen hat. Ein Gefühl beantwortet meine konkreten Fragen nicht.

 

Die letzten zwei Fragen: Was halten Sie vom Tischtuch?

Wenig. Es verdeckt einen schönen Tisch.

 

Und von der Zimmerecke?

Ein gemütlicher Ort. Im Rücken zwei Wände, unten der Boden. Eine Zimmerecke bietet immer Schutz.

 

Dieses Interview ist als Erstpublikation im Magazin INLINE von November 2018 erschienen.

Kommentar erfassen