Käse beschallen ‚Äď ein Experiment der Hochschule der Künste Bern HKB schreibt Mediengeschichte

Christian Pauli
Projektleiter HKB geht an Land | HKB
  • 06.12.2019
  • 5 min
Eine ungewöhnliche Ausschreibung der Hochschule der Künste Bern HKB stellt eine Frage in den Raum und sorgt für weltweites Aufsehen. Ein Rundgang durch die Geschichte des Kooperationsprojektes Käse beschallen in der Berner Gemeinde Burgdorf.

Das ¬ęExperiment zwischen Klang und Kulinarik¬Ľ nahm im Jahre 2017 seinen Anfang. Die¬†Hochschule der K√ľnste Bern HKB¬†lancierte ein Kooperationsprojekt namens¬†HKB geht an Land. Die Idee: Ungew√∂hnliche Begegnungen zwischen Stadt und Land, Kunst und Gesellschaft, Studium und Arbeitsmarkt schaffen neue k√ľnstlerische Formate. Studierende und Dozierende der HKB begeben sich auf Augenh√∂he mit Kultur-Akteur*innen und Einwohner*innen in Gemeinden im Kanton Bern. Die Kooperation wird mit wechselnden Gemeinden realisiert.¬†

In diesem Zusammenhang kam es im Oktober 2017 zu einer folgenreichen Begegnung zwischen Beat Wampfler, K√§seproduzent und Micha Harenberg, Professor Sound Arts HKB. Anl√§sslich eines so genannten Speed-Datings wurde diese Frage formuliert:¬†Beeinflussen Schallwellen den Stoffwechselprozess von K√§se so, dass sonochemische Auswirkungen aromastofflich nachweisbar und kulinarisch sp√ľrbar sind?

Das Experiment

Ab September 2018 wurden im K√§sehaus K3 in Burgdorf neun Laibe K√§se in Holzkisten gelagert, die mit f√ľnf verschiedenen Musikst√ľcken und drei verschiedenen Sinuswellen gezielt beschallt werden; eine Holzkiste blieb als Referenzkiste unbeschallt:

  1. Yello ‚Äď Monolith
  2. Mozart - Die Zauberflöte
  3. Vril ‚Äď UV
  4. Led Zeppelin - Stairway to Heaven
  5. A tribe called quest - We Got (the Jazz)
  6. Sinus 200hz
  7. Sinus 1000hz
  8. Sinus 25hz
  9. Keine Beschallung (Referenz)

Im M√§rz 2019 kommt eine sensorische Konsensanalyse der¬†Z√ľrcher Hochschule f√ľr angewandte Wissenschaften ZHAW¬†¬†zu diesen Schl√ľssen:¬†

"(1.) Der beschallte K√§se ist im Vergleich zur unbeschallten Referenzprobe generell von milderem Geschmack. (2.) Der mit Hip-Hop beschallte K√§se ist (‚Ķ) auff√§llig fruchtig und unterscheidet sich so deutlich von den anderen Proben. (3.) Um herauszufinden, ob eine eindeutige Kausalit√§t zwischen der Beschallung der K√§selaibe mit Musik und sensorisch wahrnehmbaren Unterschieden besteht, muss ein gr√∂sser angelegter Versuch durchgef√ľhrt werden."¬†

Am 14. März 2019 werden die neun Käselaibe anonymisiert einer kulinarischen Jury vorgesetzt: 

Stefan Berger, Stadtpr√§sident Burgdorf; Roland Sahli, CEO Gourmino AG; Fritz Sommer, Sortenorganisation Emmentaler Switzerland: Leiter Qualit√§t; Anton Wyss, K√§ser aus Mutten und K√§ser des Klangk√§ses; Andrea Staudacher, Insektenk√∂chin; Celia Sidler, K√ľnstlerin; Benjamin Luzuy, Fernsehkoch RTS; Jurysprecher: Peter Kraut, Stv. Fachbereichsleiter Musik HKB.¬†

Die Resultate der kulinarischen Jury und der sensorischen Konsensanalyse werden gleichentags an einer Pressekonferenz veröffentlicht.

Im April 2019 wurden f√ľr einen Pr√ľfbericht des Institut f√ľr Lebensmittel- und Getr√§nke- innovation ILGI der ZHAW vier K√§seproben (3x beschallt, 1x unbeschallt) je dreimal chemisch analysiert: Bestimmung wichtiger K√§seschl√ľsselaromastoffe / Ermittlung des Spektrum der freien und gebundenen Aminos√§uren. Das Fazit: ¬ęDie analytisch-chemischen Untersuchungen ausgew√§hlter Aromastoffe und Aminos√§uren ergaben, dass in der K√§seprobe, welche mit tiefen Frequenzen (low freq) beschallt wurde, die h√∂chsten Gehalte an freien und gebundenen Aminos√§uren bestimmt werden konnten. Damit decken die Resultate der chemischen Analyse die Ergebnisse der sensorischen Tests.¬Ľ

Eine kleine grosse Mediengeschichte

Parallel zu Definition, Entwicklung und Realisation des Projektes Käse beschallen spielte sich eine aussergewöhnliche Mediengeschichte ab.

Am 4. Juli 2018 wurde das Projekt¬†K√§se beschallen ‚Äď Experiment zwischen Klang und Kulinarik¬†erstmals √∂ffentlich am Rande des Jahresmediengespr√§ch der HKB erw√§hnt. Es erschienen Berichte in 15 Tageszeitungen, auf vier Radiostationen und rund 50 Online-Erw√§hnungen in der Schweiz, Deutschland und √Ėsterreich. Am 14. M√§rz 2019 luden die HKB und K3 zur Pressekonferenz √ľber¬†K√§se beschallen ‚Äď Experiment zwischen Klang und Kulinarik: √úber 50 Journalist*innen print, online, Radio und Fernsehen meldeten sich an.¬†

Die Medienresonanz entwickelt eine spektakul√§re Eigendynamik: Zwischen April 2018 und Mai 2019 erscheinen Berichte in √ľber 80 L√§ndern. So sehen die Zahlen der online Eintr√§ge aus: USA: 1052 / Frankreich: 363 / Deutschland: 136 / Schweiz: 136. Die potentielle Reichweite der Online Medien betr√§gt 6‚Äô245‚Äô9091'028. Aber auch Qualit√§tsmedien wie BBC, France Tele 1, ARD und die Frankfurter Allgemeine Zeitung erstellen grosse Berichte.¬†

Der Kurzkommentar zu dieser aussergew√∂hnlichen Mediengeschichte: K√§se beschallen beinhaltet zentrale Motive und Treiber f√ľr ein Medienhype

  • Storytelling: die Geschichte ist eine plausibel und nachvollziehbare, authentische¬†feel good story.
  • Thema: Fragen und Thesen zur Ern√§hrung, zu Produktion und Konsumation von Lebensmittel ist ein globales Mode- und Trendthema.
  • Personifizierung: Der K√§seproduzent Beat Wampfler ist eine medientaugliche Titelfigur.
  • Dymamik: Die Medien kopieren sich unentwegt, um diese Story nicht zu verpassen.

Wie weiter?

Das Projekt¬†K√§se beschallen¬†im Rahmen von¬†HKB geht an Land¬†ist abgeschlossen. Die experimentelle Forschungsarbeit hat ein riesiges Potential an den Tag bef√∂rdert und wird entsprechend weitergef√ľhrt werden. Als Auftrags- und Wirtschaftspartner fungiert die GmbH¬†K√§sehaus K3. Als Projektpartner sind der Studiengang Sound Arts der Hochschule der K√ľnste Bern (Beschallungstechnologie), sowie die Z√ľrcher Hochschule f√ľr angewandte Wissenschaften / Zentrum f√ľr Lebensmittelkomposition und ‚Äďprozessdesign (chemische Analyse) involviert. Ein Soundingboard bestehend aus Beat Wampfler (K3), Micha Harenberg (HKB), Christian Pauli (HKB) und Tilo Huehn (ZHAW,¬†vgl auch INLINE Februar 2018) begleitet das Projekt.

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