Er misst den «Groove» einer Firma


Guy Studer FH SCHWEIZ03.03.2020

Wenn es in Firmen nicht so läuft wie erwünscht, dann werden oft die Dienste von Daniel C. Schmid in Anspruch genommen. Er fühlt einer Organisation den Puls, misst ihren Groove. Besonders angetan haben es ihm die Bezüge zum Jazz.

Bereits die Vereinbarung zum Gespräch mit Daniel C. Schmid läuft untypisch. Nach der Mail-Anfrage an ihn klingelt Minuten später das Telefon. Er erklärt sich spontan bereit zu einem Treffen, unkompliziert und schon bald. Bei einem Dozenten und gefragten Referenten erwartet man kaum eine solch prompte Rückmeldung. 


Wenige Tage später beim Gespräch im Café wird Schmid in anderem Zusammenhang erklären: «Sehen Sie, ich habe einen Trick: Wenn mich ein potenzieller Kunde schriftlich anfragt, nehme ich fünf Minuten später den Hörer in die Hand und rufe zurück. Darauf ist niemand gefasst, man ist überrumpelt, positiv überrascht und gleich in einer Ja-Haltung.» Und das Wichtigste dabei: «So etwas geht nur analog!»


Als Leiter der HWZ Academy berät und trainiert Daniel C. Schmid Organisationen unter anderem in Personal- und Führungsfragen. Viele würden die Digitalisierung als Kür betrachten, «dabei wird ohnehin alles digital, sie ist vielmehr Pflicht». Schmid setzt im post-digitalen Zeitalter an, wo die Kür nur im analogen Bereich liegen kann.


Der Takt muss stimmen
Und hier schlägt er die Brücke zwischen Business und Musik. «Was macht die Musik aus? Es ist der Live-Moment, die Interaktion zwischen den Musikern, der Groove.» Ihm fällt immer wieder auf: «Organisationen sind oft nicht richtig eingetaktet.» Deshalb versucht er als Erstes herauszufinden, wie eine Organisation tickt. «Wenn ich zum Beispiel um 15 Uhr verabredet bin, erscheine ich bereits um 14.45 Uhr und sitze einfach in den Empfang und beobachte.» Wie verhalten sich die Mitarbeitenden, wie lange geht es, bis jemand das Taschentuch aufhebt, das Schmid bewusst fallen gelassen hat? «Oder wie lange dauert es, bis mich überhaupt jemand begrüsst?» So liest er die ersten Zeichen heraus. «Da sieht man bereits, wie stark sich die Leute mit ihrer Arbeitgeberin identifizieren.» In Workshops oder Seminaren wird den Mitarbeitenden der Puls gemessen: «Meine Trainer erhalten dort kapillare Informationen, etwa wie überhaupt die Stimmung gegenüber dem Workshop ist, ob die Mitarbeitenden freiwillig kommen oder geschickt werden. Damit lässt sich bereits einiges bestimmen.»


Schmid betrachtet sich und sein Team als Dirigent und Musiker. «Wir versuchen, etappenweise den Ziel-Zustand zu erreichen – also dass aus der Organisation eine Sinfonie wird.» Ein Gesamtwerk, in der alle nach demselben Takt spielen.


Die Jazz-Combo als ideales Vorbild 
Mit Musik hatte Schmid bereits früh zu tun. Während seines Studiums nahm er Unterricht an der Jazzschule Bern und arbeitete in einer Agentur für Jazzmusik, wobei er in Berührung mit internationalen Grössen der Szene kam. «Die Frage, ob ich Musik zu meinem Beruf mache, stand schon im Raum und ich trage bis heute Musik in mir herum.» Dazu hatte er durch seine berufliche Tätigkeit immer wieder unterschiedliche Blickwinkel auf Organisationen. So führte das eine zum anderen – die Jazzmusik als Vorbild für eine Firma.
Besonderen Gefallen findet Schmid in seiner Forschung am Prinzip der «Rotating Leadership»: Zwei oder mehrere Jazzmusiker improvisieren über ein Grundtaktmuster und wechseln sich fliessend ab mit der Melodie. Die Motive greifen ineinander, während alle auf demselben Groove spielen. Wer einen Einfall hat, übernimmt den Lead, den ein anderer mit spielerischer Selbstverständlichkeit übernimmt, abändert oder in etwas Neues überführt. Der Groove bleibt.


Dieses Modell übertragen Schmid und sein Forschungspartner Dr. Peter A. Gloor (MIT/Galaxyadvisors) auf sogenannte COINs (Collaborative Innovation Networks) – was für kleine Innovationsteams innerhalb einer Organisation steht. Eine Jazz-Combo wird dabei als ideales Modell einer perfekt funktionierenden COIN genommen. Hier kommt Schmid wieder auf die Kür in einer Organisation zurück: Im Idealfall ergänzen sich die Mitarbeitenden so wie Jazzmusiker. Sie ticken auf derselben Wellenlänge.  «Ich habe es auch schon selber bei Spitzenjazzern erlebt. Zwei Musiker sind beim Proben gleich ab Beginn im Groove, es stimmt auf die Millisekunde», erzählt er fasziniert. Auch in der Wirtschaft gelte weiter: Wer eine Idee hat, übernimmt den Lead. Die Hierarchie ist flach. Man lernt gegenseitig voneinander.


Schmid ist überzeugt, dass dieses Thema an Wichtigkeit gewinnen wird. «Durch die Transformation nimmt der Freiheitsgrad bei der Arbeit stark zu.» Stichwort flexibles Arbeiten, Homeoffice. Umso wichtiger sei es, gemeinsame, analoge, Nenner zu finden, zum Beispiel Vertrauen. «Wenn dieses stimmt, kann kommen, was will. Vertrauen ist nicht digitalisierbar.»


Dieser Artikel erschien als Erstpublikation im Magazin INLINE Februar 2020

Zur Person

Dr. Daniel C. Schmid hat an der Uni Zürich Geschichte und Germanistik studiert, mit dem ursprünglichen Ziel, Gymilehrer zu werden.  Später hat er an selber Stätte in Geschichte promoviert. Dazu kommen diverse Weiterbildungen, unter anderem am IMD und an der FHNW.  Seine beruflichen Stationen führten über das SIB Schweizerisches Institut für Bildungsökonomie sowie Consulting-Tätigkeit im In- und Ausland. Seit 2016 leitet er die HWZ Academy, seit Mitte 2019 ist er Managing Director der Swiss HR Academy – eines Joint Venture zwischen der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management, der HWZ und dem Kaufmännischen Verband Schweiz. Als Wissenschaftler war er beteiligt an internationalen Forschungsprojekten und hat diverse wissenschaftliche Publikationen verfasst.

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