«Eltern sollten sich mehr dafür interessieren, was ihre Kinder online erleben»

Kinder und Jugendliche bewegen sich heute ganz selbstverständlich durch die digitale Welt – zwischen Snapchat, TikTok, Roblox und Co. Die Eltern verlieren dabei häufig den Überblick. Zum fehlenden Wissen gesellt sich die Sorge vor möglichen Gefahren. Als Medienpädagoge unterstützt Mirco Manetsch nicht nur Kinder und Jugendliche im Aufbau von Medienkompetenz, sondern zunehmend auch deren Mütter und Väter. Im Interview spricht der Absolvent des CAS Medienpädagogik an der OST – Ostschweizer Fachhochschule darüber, welche Fehler Eltern vermeiden sollten, welche Risiken sie oftmals unterschätzen und wie sie ihre Kinder am besten schützen können.

 

Autorin: Ursula Ammann

 

Welche Rolle spielen die Eltern in der Medienerziehung?

Mirco Manetsch: Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen. Was sie vorleben, prägt. Die Bemühungen der Schule sind wichtig, doch ihr Einflussbereich ist begrenzt. Kinder und Jugendliche konsumieren Medien zum allergrössten Teil in ihrer Freizeit. Auch dort brauchen sie jemanden, der sie begleitet.

Unterschätzen Eltern ihre Verantwortung diesbezüglich?

Gewissenhafte Eltern sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Oft scheinen sie sich aber nicht im Klaren darüber zu sein, wie sehr sie von ihren Kindern gespiegelt werden. Es ist deshalb entscheidend, dass Mütter und Väter als Vorbild vorangehen. Wenn sie beispielsweise möchten, dass die 14-jährige Tochter das Handy beim gemeinsamen Nachtessen weglegt, müssen sie sich ebenfalls daran halten. Selbst wenn das bedeutet, in dieser Zeit keine geschäftlichen Mails oder Anrufe zu bearbeiten respektive entgegenzunehmen. Für die Tochter ist die Snapchat-Nachricht nämlich genau so wichtig. Offline-Zeit mit der Familie zu verbringen heisst aber auch, nicht jeden glücklichen Moment mit dem Handy festzuhalten. Dazu neigen Eltern manchmal, was verständlich ist. Aber es vermittelt den Kindern eine Botschaft – nämlich, dass Erlebnisse erst dann wertvoll sind, wenn sie fotografiert, gefilmt und eventuell sogar noch gepostet werden.

Welche Fehler machen Eltern abgesehen davon am häufigsten in der Medienerziehung?

Ein häufiger Fehler ist es, sich aus einem Gefühl der Unwissenheit und der Ohnmacht heraus gänzlich aus der Verantwortung zu ziehen – nach dem Motto «Ich habe doch sowieso keine Ahnung mehr». Manche glauben auch, alles technisch lösen zu können: Zum Beispiel, indem sie Bildschirmzeitbegrenzungen einrichten oder gewisse Apps sperren.  


Mirco Manetsch war über 20 Jahre lang im Journalismus tätig. Unter anderem produzierte er für das rätoromanische Radio und Fernsehen RTR die Kindernews-Sendung «Minisguard».

Während dieser Zeit entwickelte sich sein Interesse zunehmend in Richtung Medienpädagogik. 2024 schloss er den CAS Medienpädagogik an der OST – Ostschweizer Fachhochschule ab und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute begleitet und unterstützt er als Mitarbeiter von Art Computer (Abteilung Art Education) Schulen, Lehrpersonen, Kinder sowie Eltern, sich sicher, reflektiert und kompetent in der digitalen Welt zu bewegen.



Dann bringt es also gar nichts, den Medienkonsum der eigenen Kinder mit technischen Voreinstellungen im Zaun zu halten?

Bei den Kleineren mag das noch funktionieren, aber sobald die Kinder älter sind, lernen sie schnell, wie sie Sperren umgehen können. Dann endet das Ganze in einem Katz-Maus-Spiel. Deshalb gilt: Technische Massnahmen können für den Moment hilfreich sein, das Problem hat man damit aber nicht an der Wurzel gepackt. Viel nachhaltiger ist es, Kinder und Jugendliche in ihrer Medienkompetenz zu fördern. Deshalb sollten Eltern vermehrt inhaltliche Diskussionen führen. Es ist kontraproduktiv, mit den Kindern über die Einhaltung der Bildschirmzeit zu streiten und ihnen Vorwürfe zu machen, weil es ihnen so schwerfällt, das Handy wegzulegen. Besser wäre es, gemeinsam zu analysieren, warum das so ist.

Es ist kontraproduktiv, mit den Kindern über die Einhaltung der Bildschirmzeit zu streiten und ihnen Vorwürfe zu machen, weil es ihnen so schwerfällt, das Handy wegzulegen. Besser wäre es, gemeinsam zu analysieren, warum das so ist.

Welche Mechanismen machen es so schwer, das Handy wegzulegen?

Nehmen wir Snapchat als Beispiel: Die App belohnt jedes gegenseitig versendete Foto oder Video mit einem Flämmchen. Wer viel kommuniziert, sammelt entsprechend viele davon. Nach einer Funkstille von mehr als 24 Stunden verschwinden die Flämmchen wieder. Dieser Mechanismus animiert Kinder und Jugendliche dazu, ständig miteinander in Kontakt zu sein und sich teilweise belanglose Inhalte zu schicken – oft nur, um die Flämmchen und damit symbolisch auch Freundschaften aufrechtzuerhalten. Ein weiteres Beispiel ist TikTok: Den Nutzerinnen und Nutzern werden zwischen Videos, die ihren Interessen sehr gut entsprechen, immer wieder Inhalte angezeigt, die weniger gut passen. Dadurch lösen die besonders passenden Videos stärkere Glücksgefühle aus, was dazu beiträgt, dass man länger auf der Plattform bleibt. Wenn Kinder, Jugendliche und ihre Eltern erkennen, dass mithilfe solcher Tricks möglichst viele Daten über sie gesammelt werden, um Werbung immer gezielter auf sie zuzuschneiden – und dass es dabei letztlich vor allem ums Geld geht – ist das ein wichtiger erster Schritt.

Welche einfachen Regeln können Eltern aufstellen, um den Überblick über den Medienkonsum ihrer Kinder zu behalten? Was ist von Zeitlimits zu halten?

Man kommt eher wieder davon weg, zeitliche Empfehlungen auszusprechen. Der Medienkonsum sollte immer im Verhältnis stehen zu anderen Aktivitäten. Wenn das Kind beispielsweise den halben Tag draussen an der frischen Luft gespielt und soziale Kontakte gepflegt hat, ist es unproblematisch, wenn es nachher mit einem Bildschirmmedium entspannt. Zeitlimits sind also eher Leitplanken. Als sehr hilfreich erachte ich örtliche Einschränkungen wie handyfreie Zonen. Dass zum Beispiel vereinbart wird, dass das Handy nicht ins Schlafzimmer oder auf den Esstisch gehört. Wichtig ist auch hier wieder, dass alle sich daran halten und dass man im Gespräch darüber bleibt.  

Vor 30 Jahren mussten Eltern darauf achten, dass der Nachwuchs nicht zu viel fernsieht und sich nicht das Falsche anschaut. Heute wachsen Kinder mit Smartphones, Social Media und Streamingdiensten auf: Ist Medienerziehung vor diesem Hintergrund überhaupt noch zu bewältigen?

Die Überforderung ist nachvollziehbar. Ich rate Eltern deshalb, zusammen mit den Kindern «auf die Reise» zu gehen und die Herausforderung als Chance zu sehen, den eigenen Medienkonsum zu reflektieren und Neues dazuzulernen. Hierzu gibt es unzählige Möglichkeiten: sei es, indem man KI gemeinsam Fragen stellt und diese dann analysiert oder indem man online zusammen ein Spiel spielt. Mit dieser Teilhabe sollten Eltern aber möglichst beginnen, sobald das Kind mit Medien in Berührung kommt und nicht erst, wenn es 13 ist. Nur so fühlt es sich für das Kind auch natürlich an.

Müssen Eltern auf allen Kanälen präsent sein, um verstehen zu können, was ihre Kinder so machen?

 Es geht nicht darum, immer dabei zu sein und sich selbst auf sämtlichen Plattformen anzumelden. Es kann zwar helfen, sich ein bisschen auszukennen. In erster Linie geht es aber darum, dass die Eltern ein aufrichtiges Interesse zeigen an den Erfahrungen, die ihre Kinder in der digitalen Welt machen, und diese auch zu thematisieren. Wenn ein Kind draussen gespielt hat, fragen wir es, wie es war. Genauso sollten Eltern auch nach dem Gamen nach ihren Erlebnissen fragen. Bei alledem gilt es, wertefrei zu bleiben. Denn sobald Eltern alles Digitale verteufeln oder sich im Sinne von «Gib mir dein Handy, ich möchte sehen, was du da schaust» kontrollierend verhalten, verschliesst sich das Gegenüber. Der regelmässige Dialog auf Augenhöhe hingegen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kind den Eltern auch mitteilt, wenn es etwas Negatives erlebt, beispielsweise im Zusammenhang mit Cybermobbing oder Sextortion.

Seitens der Eltern besteht sehr oft die Sorge, das Kind könnte durch die digitale Welt den Kontakt zur Realität verlieren, eine Konzentrationsschwäche entwickeln oder vielleicht sogar eine Sucht. In meinen Augen gibt es aber noch weitaus grössere Gefahren, die vielmals unterschätzt werden, allen voran das Cybergrooming.

Mit welchen Unsicherheiten und Ängsten sind Eltern besonders häufig konfrontiert?

Sehr oft besteht die Sorge, das Kind könnte durch die digitale Welt den Kontakt zur Realität verlieren, eine Konzentrationsschwäche entwickeln oder vielleicht sogar eine Sucht. In meinen Augen gibt es aber noch weitaus grössere Gefahren, die vielmals unterschätzt werden, allen voran das Cybergrooming: Sobald ein Kind online ist, ist es mit der ganzen Welt verbunden und kommt so vielleicht auch mit Personen in Kontakt, die keine guten Absichten haben. Durch das Internet steht die Kinderzimmertür faktisch für jeden offen: Die Gefahren reichen von der schleichenden Radikalisierung durch Extremisten bis hin zu schwerwiegenden Delikten wie Sextortion oder gezielte Kontaktversuche durch Pädophile. Dies passiert oft auch dort, wo man sie gar nicht erwartet: zum Beispiel über die Chatfunktion in Spielen.

Wie können Eltern ihre Kinder vor problematischen Inhalten oder Kontakten am besten schützen?

Indem sie ihre Kinder unterstützen, Medienkompetenz aufzubauen und ein gesundes Misstrauen zu entwickeln. Das ist der beste Schutz. Die Herausforderung besteht darin, auf Gefahren aufmerksam zu machen, dabei aber nicht mit Verboten zu reagieren, sondern mit Interesse und Verständnis. Für Eltern, die sich dazu gezielt selbst Medienkompetenz aneignen wollen, gibt es verschiedene Angebote. Oft auch seitens der Schulen.

Wir leben im Zeitalter der KĂĽnstlichen Intelligenz. Welche neuen Herausforderungen oder Gefahren bringt das mit sich? Und was heisst das fĂĽr Eltern?

Eine zentrale Gefahr besteht beispielsweise darin, dass massenhaft KI-generierte Inhalte verbreitet werden, die täuschend echt wirken, aber gefälscht sind. So lassen sich beispielsweise Tausende Videos erzeugen, die gezielt dazu beitragen können, Menschen zu radikalisieren und schrittweise in ein «Rabbit Hole» zu ziehen. Hinzu kommen automatisch generierte Antworten, die nicht auf echter Recherche beruhen oder teils auch auf Basis veralteter Wertevorstellungen entstanden sind. Diese Antworten werden oft gar nicht hinterfragt. In meiner Arbeit stelle ich aber fest, dass das Thema Künstliche Intelligenz bei den Eltern nicht so viel Besorgnis auslöst wie das Thema Social Media. Vielleich auch deshalb, weil viele Erwachsene Künstliche Intelligenz mittlerweile ganz selbstverständlich nutzen.  

Wenn Sie Eltern drei Tipps geben könnten, welche wären das?

Erstens: Pflegt den Dialog mit euren Kindern über Erfahrungen und Erlebnisse, die sie in der digitalen Welt gemacht haben. Bleibt dabei wertefrei und zeigt Verständnis. Zweitens: Nehmt euch die Zeit, die digitale Welt gemeinsam mit euren Kindern zu erleben und daraus Kompetenzen zu erarbeiten. Drittens: Versucht, euch auf positive Aspekte der digitalen Welt zu konzentrieren, denn diese bietet auch viel Gutes.

CAS Medienpädagogik im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

In einer von Künstlicher Intelligenz (KI) geprägten Welt ist Medienpädagogik als flexibles Modell zu verstehen, das sich an vielfältige Bedürfnisse und Anforderungen anpasst. Der CAS Medienpädagogik im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz an der OST – Ostschweizer Fachhochschule befähigt die Teilnehmenden, die Herausforderungen und Chancen des medialen Wandels zu verstehen und Medienpädagogik sinnvoll einzusetzen.

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