Beziehungsstress, Prüfungsstress, Freizeitstress, Planungsstress, Leistungsstress, Stress bei der Arbeit, Stress in der Familie, Stress mit dem Vermieter, Stress mit der Bank: Stress ist im alltäglichen Sprachgebrauch eines der meistverwendeten Wörter und gemäss WHO eine der grössten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Doch wie definiert sich Stress genau, wie wirkt er sich auf den Körper und die Psyche aus? Wann wird er schädlich und wie kann man ihm entgegenwirken, um mental gesund zu bleiben?
Manuel P. Stadtmann, Professor für Psychische Gesundheit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule, forscht und lehrt zum Thema Stress. Er leitet zudem die beiden Weiterbildungen CAS Stress und Stressmanagement sowie CAS Personzentrierte Psychische Gesundheit.
«Bei Stress wird die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse aktiviert», erklärt er. «Der Körper schüttet Hormone aus, um kurzfristig Energie bereitzustellen: Blutzucker, Herzfrequenz und Muskelanspannung steigen, Entzündungsprozesse werden gehemmt, die Aufmerksamkeit nimmt zu.» Dieser Mechanismus sei urbiologisch bei uns angelegt und fürs Überleben notwendig und sinnvoll. Denn durch die Aktivierung des Sympathikus – einem Teil des vegetativen Nervensystems, der den Körper in einen Zustand erhöhter Leistungsbereitschaft versetzt – seien Lebewesen in der Lage, sich einer Bedrohungslage kurzfristig anzupassen und mit Kampf oder Flucht zu reagieren.
Eine kurzanhaltende, vorübergehende Stressphase ist in der Regel nicht schädlich.  «Problematisch wird es aber, wenn dieses System dauerhaft anhält und keine Erholungsphasen mehr folgen», sagt Stadtmann. Durch chronischen Stress sei der Cortisolspiegel im Körper ständig erhöht, womit das Risiko für Schlafstörungen, Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kognitive Beeinträchtigungen steige.
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Stessresilienz ist kein Persönlichkeitsmerk-mal, sondern ein dynamischer Prozess, der durch Lebensstil, Arbeitsbedingungen und soziale Rahmenfaktoren gezielt gefördert werden kann.
Prof. Dr. Manuel P. Stadtmann
Leiter des Kompetenzzentrums für Psychische Gesundheit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule
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Warum aber sind einige Menschen schneller gestresst als andere? Geht es hierbei ausschliesslich um erlerntes Verhalten oder ist dies auch biologisch zu erklären? Es gebe in der Tat genetische Unterschiede in der Reaktion auf Stress, etwa im Cortisol-Stoffwechsel, sagt Manuel P. Stadtmann. «Gleichzeitig entsteht Stress nicht ausschliesslich durch die Situation selbst, sondern durch die subjektive Bedeutung, die wir ihr zuschreiben». Ob die Lage als bedrohlich wahrgenommen werde, sei wiederum von verschiedenen psychologischen Einflussfaktoren abhängig; Von der Lernerfahrung beispielsweise, aber auch von der Bindungserfahrung in der Kindheit. Zudem spielen die Coping-Stile eine Rolle – also die Strategie, mit der ein Mensch auf Stresssituationen reagiert. Ist der Coping-Stil problembezogen, wird versucht, die Stressquelle aktiv zu verändern oder zu bewältigen. Ist er emotionsbezogen, steht die Regulation der eigenen Gefühle im Vordergrund.
Die gute Nachricht: Es gibt einige gut belegte Methoden zur Stressbewältigung. «Meta-Analysen zeigen, dass sich diese signifikant positiv aufs Stressempfinden, aber auch auf Angst und Depression auswirken», sagt Manuel P. Stadtmann. Zu diesen Techniken gehören etwa Achtsamkeitsübungen, Visualisierungen oder die kognitive Umstrukturierung.
Entscheidend ist gemäss Manuel P. Stadtmann, dass die Methode zur Person passt und dass sie sich möglichst niederschwellig in deren Alltag integrieren lässt. «Kleine, feste Rituale wirken besser als ambitionierte Pläne», sagt der Experte. So seien etwa zwei Minuten Reorientierung, kurze Bewegungseinheiten oder Reflexionsfragen am Arbeitsende realistisch.
Er rät dazu, die Strategien zur Stressbewältigung an bestehende Routinen zu koppeln und diese nicht als Zusatzaufgabe verstehen. So könne man beispielsweise während einer Zugfahrt eine kurze Achtsamkeitsübung durchführen: bewusst fünf Dinge wahrnehmen, die man sieht, vier Geräusche, die man hört, drei Körperempfindungen wie den Kontakt zum Sitz oder die Hände auf der Lehne, und zwei Gefühle, die man in diesem Moment spürt.
«Stessresilienz ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein dynamischer Prozess, der durch Lebensstil, Arbeitsbedingungen und soziale Rahmenfaktoren gezielt gefördert werden kann», erklärt Manuel P. Stadtmann. Zentral seien deshalb auch ausreichend Schlaf, regelmässige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und stabile soziale Beziehungen.
Was aber, wenn man sich trotz aller Strategien dauerhaft gestresst fühlt und es einem nicht gelingt, abzuschalten? «Spätestens wenn Stress den Schlaf, die Leistung oder Beziehungen dauerhaft beeinträchtigt oder sich Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit einstellen, sollte professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden», betont Manuel P. Stadtmann. «Hilfe frühzeitig zu suchen, ist Ausdruck von Kompetenz, nicht von Schwäche.»
Stress wurde von der Weltgesundheitsorganisation zu einer der grössten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt. Im CAS Stress und Stressmanagement erlangen die Teilnehmenden das Wissen und die praktischen Fähigkeiten, um Stress in verschiedenen Lebensbereichen zu erkennen, zu verstehen und effektiv zu bewältigen.
Soziale, psychologische und biologische Faktoren bestimmen den Grad der psychischen Gesundheit im Leben eines Menschen. Der CAS Personzentrierte psychische Gesundheit vermittelt Fachkräften die erforderlichen Kompetenzen, um die Lebenssituation von Personen mit psychischen Belastungen professionell einzuschätzen und geeignete Interventionen anzubieten.