«Wer Pech hat, wird als Bergsteiger nicht alt»


Guy Studer FH SCHWEIZ19.11.2020

Bruno Hasler ist passionierter Bergsteiger und Bergführer sowie Leiter Ausbildung und Sicherheit beim SAC. Sein Ingenieurstudium FH kommt ihm dabei zugute. Denn am Berg wie im Industriebetrieb gilt: Wer hoch hinaus will, braucht ein gut funktionierendes Team.

Es ist ein freundlicher, frühherbstlicher Tag Anfang September in Bern. In der schattigen Gartenwirtschaft behalten die wenigen Gäste ihre Jacken an. Bruno Hasler (61) erscheint im T-Shirt. Er ist Extrembedingungen gewohnt. Den passionierten Bergsteiger und Leiter Ausbildung und Sicherheit beim Schweizer Alpen-Club SAC führten Expeditionen schon auf mehrere Kontinente und in die höchsten Gebirge. Zur schlichten Kleidung passt seine Bescheidenheit: «Ich weiss nicht, ob das spannend ist, was ich zu erzählen habe», wird er zum Schluss des Interviews fast entschuldigend anmerken. Zuvor hat er von mehrwöchigen Abenteuern im Himalaya berichtet, von einer schwierigen Erstbesteigung und von dem nötigen Glück des Bergsteigers, dem Tod einige Male knapp entronnen zu sein.  


Als Bündner mit den Bergen aufgewachsen

Er bestellt einen Süssmost und beginnt zu erzählen. Als gebürtiger Bündner war er von Kindsbeinen an mit den Bergen verbunden. Sein Vater nahm ihn jeweils mit auf Touren. «Später habe ich dann ihn mitgenommen.» Zusammen haben sie im Laufe der Zeit unter anderem das Matterhorn und den Mont Blanc bestiegen. Für den Bergler stellte sich somit früh die Frage, ob das auch sein Beruf werden soll. Zumal er kein so begeisterter Schüler war. «Um der Schule rasch zu entkommen, habe ich eine Stifti angefangen, dann aber bemerkt, dass es da ja auch eine Berufsschule gibt», sagt er und lacht. «Doch diese gefiel mir dann eigentlich ganz gut.» Und so stand er mit 20 Jahren vor der Entscheidung, ob er die Bergführer-Ausbildung machen oder doch ans «Tech» gehen wollte. Er interessierte sich für Maschinenbau, insbesondere im Zusammenhang mit Wasserkraft. «Ich sagte mir, Bergführer kann ich immer noch werden.» Und so ging er nach Rapperswil an die FH, um sein Ingenieurstudium anzupacken.

Die geografische Entfernung zu den Bergen wuchs, seine Passion blieb. Nach dem Studium arbeitete Bruno Hasler im Bereich Wasserturbinenbau in der Westschweiz. «Jedes Jahr ging wieder einer meiner Kollegen in die Bergführer-Ausbildung und sagte mir: ‹Komm doch auch›.» Gleichzeitig tickte die Uhr, denn die Bergführer-Ausbildung konnte man damals nur bis zum 28. Altersjahr in Angriff nehmen. Als er 30 war, schien die Uhr abgelaufen, das Thema abgehakt. Hasler wechselte die Stelle und kam zurück in seine Heimat nach Chur, rückte wieder näher an die Berge. Als kurz darauf die Altersvorgabe für die Bergführer fiel, war der Moment doch gekommen und er nahm die Ausbildung in Angriff. Sein Chef aber wollte seinem Wunsch nach Teilzeitarbeit nicht nachkommen. «Also setzte ich nun voll auf die Karte Bergführer.»


Nicht die Höhe zählt, sondern die Schwierigkeit

Wenn er von Bergtouren erzählt, ist Hasler in seinem Element. Schwierig muss eine Tour sein, aber nicht unmöglich. Er sucht die Herausforderung. «Vielleicht ist es auch das Ungewisse, das mich reizt.» Immer höher und weiter? Er denkt kurz nach: «Jein. Immer höher nicht, sonst hätte ich auch den Everest anpeilen müssen.» Doch zum einen meidet er die Massenrouten, zum anderen geht es ihm nicht um die Trophäenjagd. Eher gelte die Devise «immer anspruchsvoller». Zudem geht es ihm um den Spass mit Freunden, darum, gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen.

Vielleicht war das einer der Gründe, warum er nur einige Jahre vollberuflich als Bergler arbeitete. «Wenn ich als professioneller Bergführer Touren leitete, versuchte ich den Leuten immer klarzumachen, dass das gemeinsame Erlebnis wichtiger ist als das Erreichen des Gipfels.» Doch stünden bei vielen Gästen persönliche Ziele im Vordergrund. «Wenn sie den Gipfel erreichen, war die Tour super, ansonsten für die Katz.» Eine Haltung, die Hasler widerstrebt. Einerseits deshalb, aber auch aus bleibendem Interesse und Leidenschaft an seinem Erstberuf kam er wieder vom Vollzeit-Bergführer ab. «Wie beim Ingenieurs-Job merkte ich einfach, dass es das alleine auch nicht sein kann.» Der Zufall wollte, dass bei seinem ehemaligen Arbeitgeber in Chur wieder eine Stelle frei wurde. Und diesmal war sein Chef einverstanden mit der Teilzeitlösung. Nun konnte er zu 60 Prozent als Anwendungstechniker arbeiten und in den Saisons jeweils als Bergführer unterwegs sein. Daneben übte er weitere Tätigkeiten, zum Teil im Ehrenamt, aus. Unter anderem als J+S-Leiter und -Trainer, Klassenlehrer bei der Bergführer-Ausbildung im Kanton Graubünden sowie fünf Jahre als Präsident des Bündner Bergführerverbandes.


Der Weg ist das Ziel 

Über die Jahre hinweg hat Hasler Expeditionen in Südamerika, Afrika und Asien erlebt. Am meisten Erinnerungen weckt die Erstbesteigung der Arwa Spires 2002 im Himalaya. Den Namen muss er buchstabieren. Er hat Verständnis: «Die kennt niemand, auch in der Szene sind sie kaum bekannt.» Nur schon die Entdeckung des Berges, dessen drei Gipfel wie ein zusammengewachsener Dreizack senkrecht in die Höhe ragen, war eher Zufall. «Wir haben sie in einem Buch auf einem Bild entdeckt, in dem britische Bergsteiger ihre Tour auf einen Nachbarberg dokumentierten.» Die Expedition dauerte sieben Wochen. Alleine die An- und Rückreise mit mehrtägiger Wanderung zum Basiscamp im Niemandsland nahm zwei Wochen in Anspruch. «Ausser zwei deutschen Bergsteigern sind wir die ganze Zeit keiner Menschenseele begegnet», beschreibt Hasler das Erlebnis. Die Expedition war mit der Besteigung zweier Sechstausender-Gipfel auch ein Erfolg. Zwei Achttausender-Besteigungen gehören ebenfalls zu seinem Repertoire. Am berühmt-berüchtigten Nanga Parbat hat er sich versucht. «Den Gipfel haben wir nicht erreicht, dennoch war es eine der eindrücklichsten Touren.» Das Sprichwort «Der Weg ist das Ziel» ist bei ihm mehr als eine Floskel.

Wenn es um Erfolg geht oder wie man am ehesten dazu kommt, sieht er viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Bergsteigen und der Wirtschaft. Je mehr man die eigenen Ziele hintanstellt und sich dem Teamwork unterordnet, desto eher wird man auch das Ziel erreichen. Bestes Beispiel dafür sieht er in der Besteigung des Shivling, ebenfalls ein Sechstausender im Himalaya. «Wir waren eine durchschnittliche Expeditionsgruppe mit Laien unter uns. Nebenan versuchte sich auch eine französische Gruppe aus Top-Bergsteigern», erzählt Hasler. Diese hätten sich aber nicht über die Routen einigen können, hätten innerhalb der Gruppe gegeneinander gearbeitet und schliesslich die Tour abbrechen müssen. «Trotz tieferen Niveaus haben wir aber den Gipfel erreicht, weil das Teamwork funktionierte.»


Wegen Frau nach Bern gezogen

Die Kombination von Bergsteiger und Ingenieur konnte Bruno Hasler ausleben, bis er seine spätere Frau kennenlernte. Dann musste er alsbald die Heimat verlassen. «Sie war Lebensmittelingenieurin und konnte praktisch überall eine Stelle finden, nur nicht im Bündnerland.» So schaute er sich um und kam schliesslich zu seiner heutigen Stelle beim SAC. Er kann seine Erfahrung einbringen. «Im Bereich Sicherheit ist es sicher von Vorteil, dass ich als Ingenieur analytisches Denken und Erfahrung im Projektmanagement mitbringe. Insofern konnte ich so beide Berufe vereinen.» Seit 2000 ist er nun beim SAC und bis heute glücklich. Dieser verzeichnet in den letzten Jahren allgemein Zuwachs. «Das ist erfreulich, schliesslich gehen die Mitgliederzahlen in anderen Sportarten ja leider zurück.» Die Coronakrise hat zu einem weiteren Schub geführt. «Gefühlt waren im Sommer mehr Menschen am Wandern als üblich.» Auch im Winter erwartet Hasler durchaus mehr Sportler neben den Pisten und Loipen als üblich. 

Glücklich wie im Beruf ist er auch im Privaten, wenn auch mittlerweile geschieden. «Wir pflegen aber ein gutes und freundschaftliches Verhältnis.» Die gemeinsamen Kinder im Teenager-Alter zieht er mit auf. Bergtouren unternimmt er mittlerweile mit seiner Partnerin. Und wenn er die Möglichkeit hat, wird er noch einige weitere Expeditionen nach Afrika und Asien mit ihr unternehmen, wie er am Schluss anmerkt. Das Bergfeuer in Bruno Hasler ist noch lange nicht erloschen.


Drei Fragen an Bruno Hasler

Stimmt der Spruch «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung» auch in den Bergen?

Je weiter hoch es geht, desto dünner wird die Luft, auch im übertragenen Sinn. Im Schneesturm auf den Gurten ist kein Problem, auf dem Everest kommt schlechte Kleidung natürlich nicht in Frage.


Haben Sie schon brenzlige Situationen erlebt?

Es gibt den Spruch: Glück muss man als Bergsteiger nicht haben. Aber mit Pech wird man nicht alt. Auch an mir sind schon kopfgrosse Steine haarscharf vorbeigeflogen. Einmal streifte einer meinen  Helm am Hinterkopf und fiel auf den Rucksack. Einige Zentimeter weiter vorne und ich wäre tot gewesen. Das war wohl schon Glück. Mit Pech wäre ich aber sicher nicht mehr am Leben.»


Wo gibt es Parallelen zwischen dem Bergsteigen und dem Ingenieursberuf?

Entscheidend ist im Betrieb wie auch am Berg die Teamarbeit. Ich bin überzeugter Teamplayer. Man erreicht immer mehr, wenn man gemeinsam entscheidet und vorgeht, als wenn ein Chef oder Patron alleine bestimmt. Nicht dass ich ganz gegen Hierarchien bin, gerade am Berg muss die Führungsverantwortung klar geregelt sein. Die Frage ist aber, wie geführt wird und Entscheide herbeigeführt werden.


Dieser Artikel ist als Erstpublikation im Magazin INLINE Ausgabe November 2020 erschienen.

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