Wenn Frauen sich was trauen


Michelle Ischi | Wirtschaftsrechtsstudentin ZHAW School of Management and Law27.04.2020

«Im Geschäftsleben sollten Sie Ihre Weiblichkeit nicht zusätzlich unterstreichen und nicht Ihre Beine, sondern Ihre Kompetenzen zeigen» - wie mir dieser Satz zuerst alle Zuversicht genommen und mir dann doppelt so viel wieder zurückgegeben hat.

Als kleines Mädchen war ich immer unheimlich von erfolgreichen und selbständigen Frauen beeindruckt. Ich habe mir manchmal an der Bahnhofstrasse fast den Nacken verrenkt, um der Frau im Business-Kostüm, mit Handy am Ohr und in High-Heels, hinterher zu starren. Von Tag eins war für mich klar: genau so möchte ich auch einmal in der Welt umher stolzieren. 15 Jahre später stehe ich nun kurz vor meinem Bachelorabschluss und damit vor dem grossen Beginn meiner beruflichen Karriere. Wie alle anderen Studierenden habe auch ich mich gefragt, bei welchen Firmen und in welcher Position ich gerne starten möchte. Daher habe ich mit meinen Mitstudierenden die «Lange Nacht der Karriere» an der ZHAW besucht. Der erste und auch bleibende Schock kam dann jedoch gleich zu Beginn beim CV-Check. Als es um das Thema Vorstellungsgespräche ging, fragte ich ganz diskret, ob auch ein Kleid eine passende Outfitwahl sein kann. Nach einer kurzen, aber doch peinlichen Stille, sagte die Firmenvertreterin: «Ich würde Ihre Weiblichkeit in der heutigen Wirtschaft nicht unbedingt zusätzlich noch unterstreichen und ausserdem wollen wir Ihre Kompetenzen sehen und nicht Ihre schönen Beine». Dieser Satz traf mich wie eine Wucht und hat mich von diesem Tag an immer wieder beschäftigt. Ich wollte und kann nicht glauben, dass es in der heutigen Zeit tatsächlich noch einen Unterschied macht, welches Geschlecht Mitarbeitende haben. Ferner sah ich nicht ein, warum mich eine Hose weniger weiblich erscheinen lässt und was das Ganze mit meinen Kompetenzen zu tun hat. Vor Jahren hatte ich das Buch «Lean In» von Sheryl Sandberg gelesen, die über ihren Karriereweg als Frau erzählt und solche Probleme ausführlich behandelt. Ich war unglaublich inspiriert und dachte mir, dass sich die Situation bis zu meinem Karrierestart bestimmt gelegt hat und junge Frauen nicht mehr nur als werdende Mütter oder baldige Teilzeitangestellte angesehen werden. Dieser Gedanke verflog innert Sekunden, als ich mit dieser eben erwähnten Firmenvertreterin sprach. Ich hegte Zweifel und dachte, dass es für Businessfrauen eben doch anders aussieht, als meine Mitstudentinnen und ich geglaubt haben. Doch wissen konnten wir das natürlich nicht. Daher habe ich beschlossen, bei den Personen nachzufragen, die es am besten wissen: den Karrierefrauen selbst.


Mit Geschichten von Frauen aus Führungspositionen

Zu Beginn der Planung dieses Events hätte ich niemals erwartet, dass sich irgendjemand in einer etablierten Position auch nur im Entferntesten dafür interessiert, an einer Hochschule eine Präsentation über sich selbst zu halten. Business-Leute erschienen für mich seit meinen Erlebnissen an der Bahnhofstrasse immer unerreichbar. Aber dann war da plötzlich eine Zusage der COO von Mobility in meiner Mailbox. Und nicht nur das, innerhalb von zwei Wochen hatte ich alle drei erforderten Zusagen für den Event bekommen. Drei Frauen aus entscheidenden Positionen von Mobility, Deloitte und Bär&Karrer hatten sich erfreut bereit erklärt, Mitte Dezember an der ZHAW vorbeizukommen. Jede davon mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen Message. Die definitive Planung konnte damit losgehen.


Als die Referentinnen, das Datum sowie der Raum fix reserviert und voraus gebucht waren, wurde ich langsam nervös. Der Gedanke, dass etwas schieflaufen könnte oder am Ende nur die Hälfte der angemeldeten Leute kommen würde, liess mich nicht los. Und überhaupt, was für Smalltalk führe ich mit Geschäftsleuten, die ich nie zuvor gesehen habe und zu denen auch keine berufliche Verbindung besteht? Glücklicherweise wurden mir alle diesen Sorgen in dem Moment genommen, als die Referentinnen durch die Türe traten. Sie boten mir alle sofort das Du an und waren interessiert und offen für den bevorstehenden Event. Selbst Mikrofonprobleme wurden weggelächelt und geduldig abgewartet. Nach den Präsentationen wurde jede Frage aus dem Publikum offenherzig beantwortet und auch am abschliessenden Apéro haben sich die Referentinnen lange mit den Teilnehmenden unterhalten und wertvolle Tipps und Tricks für alle möglichen Situationen weitergeben. Das Feedback seitens der Teilnehmenden war darauffolgend durchgehend positiv und noch am selben Abend wurde ich mehrfach darauf angesprochen, wann im nächsten Semester wieder ein solcher Event stattfinden wird – eine unerwartete Wendung, die mich doch ein bisschen mit Stolz erfüllt hat.


Mit Mut und Selbstbewusstsein

Selbstverständlich stand und fiel mein Event mit den Beiträgen der Referentinnen. Und mit diesen hätte ich nicht glücklicher sein können. Alle haben sich sehr viel Mühe gegeben, sich Gedanken gemacht und vor allem einen freien Abend geopfert, um jungen Studierenden Mut und Motivation zuzusprechen. Was ich herausgefunden habe, ist, dass Frauen nicht weniger Chancen haben als Männer, wir müssen nur genauso mutig und selbstbewusst sein, die Möglichkeiten zu ergreifen. Dabei kommt es nicht darauf an, woher wir kommen oder unter welchen Umständen wir aufgewachsen sind. Jedes angestrebte Ziel ist erreichbar, wenn es mit viel Leidenschaft und Disziplin verfolgt wird. Mit guter Planung und einem unterstützenden Netzwerk, ist es auch allen möglich, eine gute Mutter und gleichzeitig eine erfolgreiche Karrierefrau zu sein. Jede Entscheidung liegt bei uns selbst und unserer Bereitschaft, für unser Ziel zu kämpfen und etwas zu leisten. Mit Ehrgeiz, Leidenschaft und einem Quäntchen Glück steht uns allen nichts im Weg – ausser vielleicht wir selbst.


Es ist mir durchaus klar, dass ich an diesem Abend nicht die Welt verändert habe. Doch ich durfte neue Mitstudierende kennen lernen und mich an ihrer Begeisterung sowie etlichen Erklärungen wie: «Vielen Dank, das war unglaublich hilfreich und inspirierend!» erfreuen. Und wenn wir einander unterstützen und motivieren können, verändern wir die Welt ja doch vielleicht ein kleines bisschen. 

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