Tanzende Roboter, Taschen aus PET-Flaschen und Maschinen-Abos: Wie durch Megatrends Innovationen entstehen

Humanoide Robotik, Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit sind Megatrends, die sowohl die Gesellschaft als auch die Wirtschaft über die nächsten Jahrzehnte massgeblich prägen werden. Sie verändern die traditionelle Arbeitswelt, bieten gleichzeitig aber auch Potenzial für innovative Geschäftsmodelle. Doch für manch ein Unternehmen stellt sich die Frage, wie es an den Entwicklungen teilhaben soll. Samuel Böhni, Leiter des CAS Innovation Management an der OST – Ostschweizer Fachhochschule, rät zu Offenheit und zum Austausch. Und er erklärt, warum man eher auf Bojen als auf U-Boote setzen sollte.


Er ist 1.65 gross, 65 Kilo schwer und kann Lasten von bis zu 15 Kilogramm tragen. Sein Name ist AEON. Zum Einsatz kommt er neu in einem Automobilwerk in Leipzig. Vor wenigen Tagen gab die BMW Group bekannt, in der Produktion in Deutschland erstmals mit humanoiden Robotern zu arbeiten.

Auch in anderen Bereichen sind menschenähnliche Roboter längst keine Science-Fiction mehr. Zum Beispiel in der Pflege. Vor rund einem Jahr zog der Roboter Pepper in einem Altersheim in St. Gallen die Aufmerksamkeit auf sich. Im Rahmen eines Pilotprojektes tanzte er mit den Seniorinnen und Senioren und spielte Quiz mit ihnen.

Ob in der Pflege oder in der Produktion: Roboter werden den Menschen zwar nie ganz ersetzen, sie können das Personal aber entlasten, indem sie monotone, körperlich besonders anstrengende oder gefährliche Aufgaben ausführen.

Grosses Potenzial – insbesondere an der Schnittstelle zur Künstlichen Intelligenz

«Die humanoide Robotik ist einer der Megatrends der heutigen Zeit», sagt Samuel Böhni, Projektleiter und Dozent am IDEE Institut für Innovation an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Er engagiert sich auch in der Weiterbildung von Fachkräften. So leitet er den CAS Innovation Management. Dieser Kurs vermittelt unter anderem Wissen zu Trend- und Zukunftsforschung. Zudem werden die Teilnehmenden befähigt, in ihren Unternehmen den Nährboden für innovative Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen zu schaffen.

Megatrends wie Nachhaltigkeit, KI oder humanoide Robotik verschwinden nicht einfach wieder, sondern werden uns auch in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen.

Samuel Böhni,
Kursleiter CAS Innovation Management



Die humanoide Robotik bietet gemäss Samuel Böhni insbesondere an der Schnittstelle zum Megatrend Künstliche Intelligenz ein stark wachsendes Potenzial. Dieses erstrecke sich über sämtliche Bereiche und Branchen. «Gerade in der Produktion und in der Logistik wird es in den kommenden Jahren rasante Fortschritte geben», sagt der Experte. Aber auch im Dienstleistungssektor sieht er viele Möglichkeiten – sei es in der Gastronomie, in der Reisebranche, im Banking oder auch bei Handwerksbetrieben, die dadurch ihre Lagerbewirtschaftung automatisieren könnten.

Ressourcen effizienter nutzen und Abfall vermeiden

Neben der humanoiden Robotik und der Künstlichen Intelligenz gehöre das Thema Nachhaltigkeit weiterhin zu den Megatrends, sagt Samuel Böhni. Hier sei aktuell insbesondere die Kreislaufwirtschaft zu nennen. Die Idee dahinter: Rohstoffe, Materialien und Produkte sollen möglichst lange im Umlauf bleiben, damit Ressourcen geschont, effizienter genutzt und Abfall weitgehend vermieden werden kann. Aus diesem Gedanken entstehen zunehmend neue Geschäftsmodelle. Das zeigt sich etwa am Beispiel von Elektronikhändlern, die wiederaufbereitete Smartphones auf den Markt bringen. Oder an Bekleidungsunternehmen, die Lastwagenplachen, Fischernetze oder PET-Flaschen in Taschen, Bikinis oder Jacken umwandeln.

Aber auch andere nachhaltige Geschäftsmodelle gewinnen an Bedeutung – etwa im Bereich Sharing Economy. «Teilen statt besitzen» lautet die Devise. Prominentes Beispiel ist das Mobility-Carsharing. Eine kürzlich veröffentliche Studie mit Beteiligung der OST ergab, dass ein Mobility-Auto fast 18 Autos ersetzt und dadurch schweizweit 40 000 Autos eingespart werden können, was wiederum den Platz- und Materialverbrauch senkt.

Sharing-Modelle weiten sich zunehmend auf andere Bereiche aus: zum Beispiel auf Werkzeuge und Baumaschinen, die nicht mehr zum Verkauf, sondern im Abo zur Miete angeboten werden.

Nachhaltigkeit als wettbewerbsentscheidender Faktor

Inwiefern ist es für Unternehmen lukrativ, auf Nachhaltigkeit zu setzen? Für Samuel Böhni stellt sich die Frage anders: nämlich vielmehr, ob man es sich – auch als Gesellschaft – noch leisten kann, nicht nachhaltig zu wirtschaften. Nachhaltigkeit beschränke sich jedoch nicht nur auf die ökologische Ebene, sondern habe auch eine soziale und nicht zuletzt eine wirtschaftliche Dimension, betont der Experte. So sei nachhaltiges Handeln für Unternehmen wettbewerbsentscheidend. «Einerseits lassen sich dadurch Kosten einsparen», sagt Böhni. «Anderseits werden Unternehmen in vielen Branchen nur noch als Anbieter berücksichtigt, wenn sie bestimmte Nachhaltigkeitsstandards erfüllen.»

Technische Machbarkeit, Bedürfnis, Wirtschaftlichkeit, gesellschaftlicher Impact

«Megatrends wie Nachhaltigkeit, KI oder humanoide Robotik verschwinden nicht einfach wieder, sondern werden uns auch in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen», betont der Experte. Wer frühzeitig auf Entwicklungen reagiere, könne diese proaktiv mitgestalten und geniesse Wettbewerbsvorteile. Das gelte nicht nur für die Grossen, sondern auch für KMU.

Doch wie können Unternehmen Trends in nachhaltige Geschäftsmodelle transferieren? Gemäss Böhni braucht es dafür Erkenntnisse in vier zentralen Bereichen: Erstens müsse geprüft werden, ob eine Idee technisch überhaupt umsetzbar sei. «Dabei geht es aber nicht darum, dass das Unternehmen selbst über das Technologiewissen verfügt», sagt er. «Wichtiger sind Netzwerke, über die man Zugang zu Know-how bekommt.» Zweitens stelle sich die Frage, ob tatsächlich ein Bedürfnis im Markt bestehe. Drittens gelte es zu eruieren, ob das Geschäftsmodell auch wirtschaftlich tragfähig sei. «Und viertens sollte geklärt werden, ob die Idee langfristig gesellschaftlich und ökologisch nachhaltig ist.»

Bojen statt U-Boote

Samuel Böhni rät Unternehmen auch, sich mit Branchenverbänden auszutauschen. Denn dort vereine sich oftmals viel Erfahrung. «Viele Verbände verfügen zudem über innovationsfördernde Gefässe, indem sie Veranstaltungen organisieren oder Fördermittel bereitstellen.»

Wichtig sei auch, Innovation nicht im stillen Kämmerlein zu betreiben, sondern offen und transparent zu agieren, sagt er. «Früher funktionierte Innovation oft wie ein U-Boot: Man tauchte unter, um im Verborgenen etwas zu entwickeln. Heute gleicht die Innovation eher Bojen im Wasser, die sinnbildlich sind für eine Netzwerk aus Partnern, Hochschulen und Start-ups, die bei der Weiterentwicklung von Ideen helfen können.»

CAS Innovation Management

Innovationen sind entscheidend für den Erfolg von Unternehmen und Organisationen. Der CAS Innovation Management vermittelt die grundlegenden Kompetenzen, um Innovationen erfolgreich im Unternehmen oder Organisation zu etablieren und die Innovationsfähigkeit nachhaltig zu gestalten. Der Kurs befähigt dazu, Innovationen strukturiert zu fördern und gezielt zu verankern. Er beleuchtet Innovationen umfassend von der strategischen Ausrichtung über kulturelle bis hin zu methodischen Aspekten und legt besonderen Wert auf die Entwicklung nachhaltiger und anpassungsfähiger Innovationsansätze.

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