Die hier vorgestellte Masterarbeit wurde vom SBAP ausgezeichnet. Der Berufsverband verleiht den Preis für Masterarbeiten für herausragende Arbeiten im konsekutiven Masterstudiengang am Departement Angewandte Psychologie. Pro Vertiefungsrichtung (A+O, KlinP, E+P) wird an der Diplomfeier jährlich je ein Preis vergeben. Die drei gleichwertigen Preise gehen an innovative angewandt-psychologische Masterarbeiten, die Neues explorieren und noch wenig bearbeitete Fragestellungen der Angewandten Psychologie thematisieren. Die ausgezeichneten Arbeiten werden im Punktum von den Autor:innen vorgestellt.
Der Schweizerische Berufsverband fĂĽr Angewandte Psychologie SBAP ist eine assoziierte Mitgliederorganisation von FH SCHWEIZ.
Im Turnunterricht gibt es häufig zwei Gruppen: Mädchen und Buben. Wer sich nicht in diese beiden Kategorien einordnen kann, fällt durchs Raster. Für Jugendliche wie Benji (14) sind solche Erfahrungen schmerzhaft: «Das Schlimmste für mich ist, wenn die Lehrerin sagt: ‹Macht Mädchen- und Bubengruppen.› Das ist Schmerz im Herz.» Die binäre Vorstellung von Geschlecht ist noch immer die Norm und steht im Widerspruch zur Existenz von Menschen mit nonbinärer Geschlechtsidentität sowie zum wachsenden Verständnis von Geschlechtervielfalt in Fachkreisen. Geschlechtsidentität bezeichnet das innere Wissen einer Person, welches Geschlecht sie hat. Nonbinär ist ein Sammelbegriff für Identitäten, die sich weder als klar männlich noch als klar weiblich verorten lassen.
In der Schweiz ist noch wenig bekannt über das Erleben von Jugendlichen, die sich dem nonbinären Spektrum zuordnen. In unserer Masterarbeit haben wir darum ihr Erleben untersucht an einem Ort, der für Jugendliche besonders prägend ist: die Schule.
Benji (14) beschreibt anhand einer Dixit-Karte eine Situation, in der er sich gezwungen sah, queerfeindliche Aussagen von Mitschüler:innen mit anzuhören: «Ich bin da. Ich höre alles. Sie wissen es nicht, aber ich muss diesem Nonsens zuhören.»
Wir interviewten acht junge Menschen aus der Deutschschweiz im Alter von 14 bis 20 Jahren. Neben unseren Fragen wählten die Jugendlichen aus einem Stapel Bildkarten des Brettspiels Dixit jene aus, die am besten zu ihren Erfahrungen passten, und teilten ihre Gedanken dazu mit uns. Die vieldeutigen Bildkarten ermöglichten einen intuitiven Zugang zu Erinnerungen und Gefühlen und machten Erlebtes sichtbar. Aus dem gewonnenen Datenmaterial entwickelten wir mittels computergestützter thematischer Analyse nach Braun & Clarke (2006) ein Dreiecksmodell nonbinären Erlebens in der Schule.
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Das Dreiecksmodell beantwortet in stark verdichteter Form die Frage, wie die Jugendlichen die gesellschaftliche Norm der Geschlechterbinarität im Schulalltag erleben.
Drei zentrale Themen prägen ihr Erleben: kein Platz, Ablehnung und Druck.
• Kein Platz: Das Gefühl, nicht dazuzugehören. Nonbinäre Identitäten sind im Schulalltag kaum sichtbar und werden meist nicht mitgedacht.
• Ablehnung: Erfahrungen von Queerfeindlichkeit, Zurückweisung und Infragestellung nonbinärer Identitäten.
• Druck: Die Notwendigkeit, die eigene Identität zu verbergen, sich anzupassen oder eine Vorbildrolle zu übernehmen.
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In unserem Modell bildet Kein Platz die Spitze. Fehlende Sichtbarkeit begünstigt Ablehnung und Druck . Wenn Schulen geschlechtliche Vielfalt nicht berücksichtigen, wird eine nonbinäre Identität leichter infrage gestellt. Die Jugendlichen übernehmen häufig selbst die Wissensvermittlung – eine exponierte und verletzliche Rolle. Jugendliche, die Ablehnung beobachten oder erfahren, stehen oft unter Druck, ihre nonbinäre Identität zu verbergen. Umgekehrt führt der Anpassungsdruck dazu, dass sie bestimmte schulische oder soziale Situationen meiden, um Ablehnung zu vermeiden. Die Jugendlichen berichten, dass sie sich häufig in Verhalten und Ausdruck anpassen, um Akzeptanz zu erfahren.
Die Auswirkungen sind deutlich spürbar: Zugehörigkeitsgefühl, Wohlbefinden, Konzentration und Selbstbild der Jugendlichen leiden – alles Faktoren, die entscheidend für Bildungschancen, Schulerfolg und die psychische Gesundheit sind. Unsere Masterarbeit zeigt zudem, dass die binäre Vorstellung von Geschlecht an Schulen verbreitet ist und im Schulalltag immer wieder reproduziert wird. In diesem Umfeld bewegen sich die Jugendlichen in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, authentisch und akzeptiert zu sein, und dem Bedürfnis, sich vor Ablehnung und Queerfeindlichkeit zu schützen. Ihre Erfahrungen spiegeln jene Stressoren wider, die Matsuno et al. (2024) im Minderheitenstressmodell für nonbinäre Menschen beschreiben.
Ziel unserer Masterarbeit war es, Ansatzpunkte zu finden, wie das Wohlbefinden und die Integration von Jugendlichen mit nonbinärer Geschlechtsidentität im Schulalltag gestärkt werden können. Aus den Ergebnissen unserer Masterarbeit lassen sich diese hier stark verdichteten Empfehlungen ableiten: Geschlechtervielfalt sollte in der Schule als Teil gesellschaftlicher Realität sichtbarer gemacht werden, und es braucht Schritte hin zu einer inklusiveren Schule. Beides kann sich unserer Ansicht nach gegenseitig stärken und der gesamten Schule zugutekommen. Fachliche Unterstützung bei der Umsetzung entsprechender Massnahmen bietet etwa das Netzwerk Lehrplan Q, das im Themenfeld Geschlechtervielfalt Weiterbildungs- und Unterstützungsangebote für Lehrpersonen, Schulleitungen und politische Entscheidungsträger:innen bereitstellt.
Sabina Hutter arbeitet zurzeit in einem Ambulatorium der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJPP). Sie setzt sich für das Verständnis von Jugendlichen mit Transidentität ein. Dieses Thema hat sie in ihrer Bachelor- und ihrer Masterarbeit aufgegriffen und in Weiterbildungen vertieft. Im Herbst beginnt sie die Weiterbildung in Kinder- und Jugendpsychotherapie am IAP in Zürich.
Christine Scheidegger arbeitete neben ihrem Psychologiestudium in der Organisationsentwicklung und als Milieutherapeutin. Die Begegnung mit genderdiversen jungen Menschen prägte ihr Interesse am Erleben nonbinärer Jugendlicher, das sie in ihrer MSc-Arbeit vertiefte. Aktuell ist sie im Rahmen ihres MSc-Praktikums in einer sozialpsychiatrischen Klinik tätig und beginnt ihre Weiterbildung zur Psychotherapeutin am GFK-Ausbildungsinstitut.
Literatur
Braun, V. & Clarke, V. (2006): Using thematic analysis in
psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2),
77–101.
Lehrplan Q.: Projekt «Lehrplan Q». Queere Bildungsangebote.
https://lehrplanq.ch/
Matsuno et al. (2024): «The default is just going to be getting
misgendered»: Minority stress experiences among
nonbinary adults. Psychology of Sexual Orientation and
Gender Diversity, 11(2).
Roubira, J.-L. (2008): Dixit (Kartenspiel). Verlag: Libellud.