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Die hier vorgestellte Masterarbeit wurde vom SBAP ausgezeichnet. Der Berufsverband verleiht den Preis für Masterarbeiten für herausragende Arbeiten im konsekutiven Masterstudiengang am Departement Angewandte Psychologie. Pro Vertiefungsrichtung (A+O, KlinP, E+P) wird an der Diplomfeier jährlich je ein Preis vergeben. Die drei gleichwertigen Preise gehen an innovative angewandt-psychologische Masterarbeiten, die Neues explorieren und noch wenig bearbeitete Fragestellungen der Angewandten Psychologie thematisieren. Die ausgezeichneten Arbeiten werden im Punktum von den Autor:innen vorgestellt.
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Blinde und hochgradig sehbeeinträchtigte Menschen stehen im Alltag vor spezifischen Herausforderungen, die weit über das fehlende Sehvermögen hinausreichen. Studien zeigen ein erhöhtes Risiko ür Depressionen, Angststörungen und ausgeprägte Einsamkeit (Demmin & Silverstein 2020). Ein erheblicher Teil dieser Belastungen lässt sich auf gesellschaftliche Exklusionsmechanismen zurückführen, die das Selbstwertgefühl untergraben und soziale Teilhabe erschweren (Livneh & Antonak 2005). Trotz dieser Befunde existieren bislang nur wenige spezifische psychologische Angebote für diese Zielgruppe. Gerade ressourcenorientierte Methoden, die Selbstwirksamkeit und Zielverfolgungskompetenz fördern, können hier wertvolle Unterstützung bieten.
Der Weg zu dieser Studie begann bereits mit unserer gemeinsamen Bachelorarbeit (Rey & Wallimann 2022), in der wir Herausforderungen und Ressourcen während des Sehverlusts bei degenerativen Augenerkrankungen untersuchten. Durch narrative Interviews mit Betroffenen identifizierten wir nicht nur die vielfältigen Bewältigungsstrategien, sondern auch den dringenden Bedarf an barrierefreien psychologischen Interventionen.
Im Masterstudium an der ZHAW stiessen wir auf das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM). Es unterstützt Menschen dabei, Ziele zu formulieren und diese nachhaltig zu verfolgen, und berücksichtigt dabei kognitive, affektive und körperliche Prozesse (Storch et al. 2022).
Zentral ist die Arbeit mit Mottozielen, Identitätszielen nach Gollwitzer (1987), die eine positive, selbst gewählte Identität fördern. In der ZRM-Vorlesung und der darauf aufbauenden Trainerausbildung stellten wir fest, dass das ZRM damit und mit seiner konsequent ressourcenorientierten Ausrichtung besonders relevant für Menschen sein dürfte, die in ihrem Alltag häufig mit defizitorientierten Zuschreibungen konfrontiert sind.
Doch viele zentrale Elemente des klassischen ZRMTrainings – wie die Arbeit mit Bildern, das Embodiment (körperliche Verankerung des Mottoziels) oder Unterlagen – sind stark visuell orientiert. Dies stellt für blinde und hochgradig sehbeeinträchtigte Menschen eine erhebliche Barriere dar, die eine direkte Teilnahme erschwert. So kam uns die Idee, das ZRM im Rahmen unserer Masterarbeit für diese Zielgruppe anzupassen.
Im Januar 2025 führten wir ein dreitägiges ZRM-Training mit acht blinden oder stark sehbeeinträchtigten Personen und zwei Assistenzpersonen durch. Dr. Julia Weber, Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation Zürich (ISMZ) und Referentin der Masterarbeit, leitete das Training.
Roman Rey hat als Sohn gehörloser Eltern schon früh erlebt, mit welchen Barrieren Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft konfrontiert sind. Nach einer Karriere im Journalismus begann er im Oktober letzten Jahres den MAS Integrative Psychotherapie mit prozessfokussiertem Schwerpunkt an der ZHAW.
Siril Wallimann ist im Alter von 20 Jahren aufgrund eines bösartigen Tumors erblindet. Neben ihrem Studium arbeitet sie als psychosoziale Beraterin. Zudem engagiert sie sich für die Inklusion von Menschen mit Sehbehinderungen – unter anderem durch Sensibilisierungskurse, die Prüfung von Websites und Produkten auf Barrierefreiheit sowie als Co-Autorin von Audiodeskriptionen. Nach dem Studium strebt sie eine Laufbahn als Psychotherapeutin an.
Beide verbindet die Vision einer inklusiven Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt leben. Sowohl ihre gemeinsame Bachelorarbeit als auch ihre Masterarbeit verstehen sie als Beiträge zu dieser Vision – und die gemeinsame Arbeit möchten sie auch in Zukunft fortführen.
Die Anpassungen betrafen dabei sowohl die methodische Umsetzung als auch die Kursmaterialien. Die grössten Herausforderungen lagen nicht in den Kernprozessen des ZRM selbst, sondern in der barrierefreien Gestaltung einzelner Methoden. Anstelle der klassischen Bilderwahl arbeiteten wir mit Wunschelementen – einer projektiven Technik, bei der Teilnehmende aus verschiedenen Kategorien (Tier, Pflanze, Person) Elemente mit positivem Gefühl auswählen.
Für die Entwicklung des Embodiments wählten wir statt der Erarbeitung eines Bewegungsablaufs die Fantasiereise-Methode, bei der der Fokus mehr auf mentalen Vorstellungen oder subtilen Körpergefühlen oder Bewegungen liegen kann. Zudem haben wir die Arbeitsblätter in ein barrierefreies Word-Dokument übertragen, das sowohl mit Screenreader als auch mit Braillezeile genutzt werden kann.
Unsere qualitative Studie folgte einem pragmatischen Forschungsdesign, das nicht nur auf Erkenntnisgewinn zielt, sondern auf die Entwicklung konkret anwendbarer Interventionen (Morgan 2014). Diese Herangehensweise steht im Einklang mit dem translationalen Charakter des ZRM selbst, das Grundlagenforschung systematisch in praxisorientierte Tools überführt – und gleichzeitig aus deren Anwendung fortlaufend neues Wissen generiert.
Die Datenerhebung erfolgte durch nicht teilnehmende Beobachtung, systematische Dokumentation sowie halbstrukturierte Interviews rund einen Monat nach dem Training. Die Auswertung mittels thematischer Analyse fokussierte auf zwei Hauptbereiche: die Adaptation der ZRM-Prozesselemente und die relevanten Kontextfaktoren.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass das ZRM grundsätzlich erfolgreich für diese Zielgruppe adaptiert werden kann, sofern Organisation, Methodik und Durchführung konsequent angepasst werden. Die subjektiven Wirksamkeitserfahrungen der Teilnehmenden bestätigen das ZRM als effektives Selbstmanagement-Instrument auch für Menschen mit Sehbehinderungen.
Die Arbeit mit Wunschelementen und Fantasiereisen wurde durchweg positiv aufgenommen – auch von geburtsblinden Teilnehmenden. Besonders geschätzt wurde die Gruppe: Sie bot Sicherheit und gegenseitige Unterstützung. Ein wichtiger Befund war zudem die soziale Nachhaltigkeit: Viele Teilnehmende hielten auch nach dem Kurs Kontakt, tauschten sich aus und unterstützten sich gegenseitig.
Neben positiven Rückmeldungen konnten wir auch Learnings für die Umsetzung künftiger Trainings gewinnen. So wurde die Notwendigkeit von Assistenzpersonen für organisatorische Aufgaben deutlich. Schwierigkeiten bei Erinnerungshilfen – Gegenständen im Alltag, die ans Mottoziel erinnern – deuten darauf hin, künftig auf nichtvisuelle Varianten zu setzen.
Die anwesenden Assistenzpersonen nahmen ebenfalls am Training teil. Dies stellte zwar eine Doppelbelastung dar, da sie sowohl ihre Assistenzaufgaben wahrzunehmen als auch den eigenen Prozess zu durchlaufen hatten. Die Teilnahme erwies sich jedoch in zweierlei Hinsicht als gewinnbringend: Erstens wirkte sich die aktive Beteiligung der Assistenzpersonen am gesamten Prozess positiv auf das Gruppenklima aus. Zweitens zeigte sich, dass das ZRM auch bei den spezifischen Herausforderungen unterstĂĽtzen kann, die mit der Rolle als Assistenzperson verbunden sind.
Für uns war dieses Projekt nicht nur Forschung, sondern auch ein Lernprozess. Wir haben erlebt, dass bewährte Methoden wie das ZRM ihr Potenzial auch dann entfalten können, wenn man sie mutig neu denkt. Gleichzeitig hat uns die Arbeit gezeigt, dass Inklusion nicht mit einzelnen Anpassungen beginnt, sondern mit einer Haltung: Methoden müssen von Anfang an barrierefrei konzipiert statt nachträglich angepasst werden. Wir haben auch einen persönlichen Rubikon überschritten. Wir möchten unsere Erkentnisse in der Praxis nutzen und mit dem ZRM Menschen mit Sehbehinderungen, ihre Angehörigen, Assistenzpersonen oder Unternehmen, die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, unterstützen.
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Wir freuen uns ĂĽber eine Kontaktaufnahme:
* Mail an Roman Rey
* Mail an Siril Wallimann
Der Schweizerische Berufsverband für Angewandte Psychologie gibt Psychologinnen und Psychologen in diesem Land eine starke Stimme. Sie profitieren von den Aktivitäten für eine gute Bildung, eine starke Interessensvertretung in der Politik und für ein Qualitätslabel, welches für seriöse, wissenschaftlich fundierte und praktisch erprobte psychologische Leistungen steht.
SBAP. Schweizerischer Berufsverband fĂĽr Angewandte Psychologie
Konradstrasse 6 - 8005 ZĂĽrich
Tel. 043 268 04 05
www.sbap.ch
Literatur
Demmin, D.L., & Silverstein, S.M. (2020): Visual Impairment and Mental Health: Unmet Needs and Treatment Options. Clinical Ophthalmology, Volume 14, 4229–4251.
Gollwitzer, P.M. (1987): Suchen, Finden und Festigen der eigenen Identität: Unstillbare Zielintentionen. In H. Heckhausen, P. M. Gollwitzer, & F. E. Weinert (Hrsg.), Jenseits des Rubikon (176–189). Springer Berlin/Heidelberg.
Livneh, H., & Antonak, R.F. (2005): Psychosocial Adaptation to Chronic Illness and Disability: A Primer for Counselors. Journal of Counseling & Development, 83(1), 12–20.
Morgan, D.L. (2014): Pragmatism as a Paradigm for Social Research. Qualitative Inquiry, 20(8), 1045–1053.
Rey, R., & Wallimann, S. (2022): Herausforderungen und Ressourcen während dem Sehverlust (Unveröffentlichte Bachelorarbeit). Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Storch, M., Krause, F., & Weber, J. (2022): Selbstmanagement – ressourcenorientiert (7. Aufl.). Hogrefe AG.