Raus aus dem Elfenbeinturm!


Anna-Marie Bertram und Magdalena Ridder | Studentinnen | Psychologie10.12.2020

Ob Newsletter, Online-Blog oder Unterhaltung im Freundeskreis: Wissenschaft greifbar, erlebbar zu machen und dabei alle mitzunehmen, ist ein grosses Bestreben von WissenschaftlerInnen. Die Corona-Krise zeigt hier die bisherigen Versäumnisse auf und kann als Chance für ein Umdenken gesehen werden.

Es ist ein altbekanntes Phänomen: Sobald man erwähnt, dass man Psychologie studiert bzw. studiert hat, hat das Gegenüber Fragen: «Bewirkt das tägliche Öffnen von Instagram eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Essstörung?» – «Was genau bedeutet Burn-out eigentlich?» – «Warum wird weggeschaut, statt einzugreifen, wenn jemand Hilfe braucht?» Dies sind nur wenige von vielen Fragen, die uns schon beim Frühstück mit Freundinnen oder im Familienkreis erreicht haben. Unsere Antworten darauf beziehen sich dann aber oft ausschliesslich auf evidenzbasierte Studien, Meta-Analysen oder Fachdiskussionen über selbige. 


Unterschiedliche Wissensgrundlagen 

Bereits hier beginnt das grosse Problem der (in diesem Fall privaten) Wissenschaftskommunikation: unterschiedliche Wissensgrundlagen! In den ersten Semestern werden uns Karl Popper und sein Falsifikationismus anhand des Beispiels des schwarzen Schwans beigebracht. Wir lernen den Sinn von Meta-Analysen, Erhebungsverfahren und der Weg von der Idee bis zur Publikation einer Studie. Wenn man dann aber daheim von einem spannenden Pre-Print berichtet, ist es möglich, dass Teile der eigenen Familie diese Begeisterung nicht auf Anhieb teilen. Würde man dann erläutern, dass diese Ergebnisse noch nicht peer-reviewed sind, sorgt diese Erklärung eventuell für mehr Fragezeichen in den Augen des Gegenübers als Antworten. 


Wie problematisch dieser grosse Unterschied zwischen wissenschaftlichem Wissen und Alltagswissen wirklich ist, zeigt die Debatte um die Studie des Virologen Christian Drosten sehr eindrücklich. In Deutschland ist der Virologe Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, im Zuge der Cororna-Krise zu grosser Bekanntheit gekommen, indem er in einem Podcast ein «Corona-Update» herausgibt und die deutsche Regierung berät. 


So weit also ein Beispiel für herausragende Wissenschaftskommunikation – bis die Boulevardzeitung «Bild» diese Schlagzeile veröffentlichte:«Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch. Wie lange weiss der Star-Virologe schon davon?» Die erwähnte Studie befindet sich im Pre-Print und wurde, wie in diesem Stadium völlig üblich, von anderen WissenschaftlerInnen kritisiert und kommentiert. Die «Bild»-Schlagzeile traf in der Bevölkerung aber auf einen wunden Punkt, da über dieses Vorgehen im Alltag kaum etwas bekannt ist. In Redaktionen ist es eher aussergewöhnlich denn Alltag, dass zwischen WissenschaftsjournalistInnen und JournalistInnen aus anderen Ressorts sauber getrennt wird. Journalismus über Konflikte in der Politik erfordern aber ein anderes grundsätzliches Wissen über die interne Logik als Journalismus über Wissenschaft. Hier muss die Wissenschaft selbst deutlich aktiver werden. Ihr, liebe LeserInnen, sind als Verbindungsglied zwischen Theorie und Praxis genau die Zielgruppe dieses Textes.


Auf die Vermittlung kommt's an 

Neben den stark unterschiedlichen Wissensgrundlagen ist ein richtiges Vermitteln von Risikokommunikation ein weiterer Knackpunkt der Wissenschaftskommunikation. Die Kompetenz der allgemeinen Bevölkerung, wissenschaftliche Themen wie Risikoberechnungen und Entscheidungen unter Unsicherheit zu verstehen, kann nicht nur den Einzelnen bei Entscheidungen lenken, die direkt sein Leben beeinflussen können, sondern auch in Gesetzgebungen und Finanzierungsentscheidungen einfliessen. Ein Verständnis für bedingte Wahrscheinlichkeiten ist aber in der Allgemeinbevölkerung kaum vorhanden und wird durch falsches Vermitteln von Werten und Kennzahlen noch weiter verschlechtert. Hier gibt es allerdings viel praktisch anwendbare Forschung, wie die Kommunikation dieses schwierigen Bereiches der Psychologie verbessert werden kann.


Lücke im Lehrplan 

Der letzte Punkt, den wir als bisheriges Versäumnis in der Aussenkommunikation wahrnehmen, ist ein praxisorientiertes Training für WissenschaftlerInnen während des Studiums. Wir alle erhalten zwar in den einzelnen Kursen immer wieder auch Praxistipps, doch wird dies nirgends einheitlich und erschöpfend in einem separaten Kurs behandelt. Auch wenn in den vergangenen Jahren bereits eine Ausweitung und teilweise auch Professionalisierung der Aussenkommunikation von wissenschaftlichen Instituten zu beobachten ist (in der vor allem PR-Experten eingesetzt werden, um die wissenschaftlichen Inhalte nach den aktuellen Medienkriterien aufzubereiten und diese Journalisten zur Verfügung zu stellen), geht in diesem Prozess meist ein Teil der wissenschaftlichen Substanz verloren (Sumner et al. 2014; Yavchitz et al. 2012). 

Um dies zu verhindern, ist es wichtig, dass WissenschaftlerInnen lernen, effektiv mit einer Vielzahl an Zielgruppen zu kommunizieren. Wichtig für einen separaten Kurs sind hierbei ein weiterführendes Training und die Möglichkeit, die theoretisch erlernten Tipps in der Praxis zu testen und vor allem die mündliche Kommunikation und die Kommunikation auf sozialen Plattformen zu behandeln. Diese kritische Lücke im Lehrplan muss geschlossen werden, denn es reicht nicht aus, (Wissenschafts-)JournalistInnen für das öffentliche Verständnis der Wissenschaft verantwortlich zu machen (Brownell, Price & Steinman 2013).


Dieser Text wurde als Erstpublikation im punktum veröffentlicht.

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