Mein Tag als Architektin


Guy Studer FH SCHWEIZ | 13.11.2018

Annina Wassermann hat 2012 zusammen mit ihrer Cousine ein Architekturbüro gegründet. Die FH-Absolventin erzählt über den hektischen Alltag, Bauchgefühle gegenüber Bauherren und Baustellenluft.

«Ich starte zweimal in den Tag. Das erste Mal zu Hause, mit meinem Mann und mit den Kindern. Dann um 8 Uhr das zweite Mal im Büro, wenn der Tag als Architektin beginnt. Ich trinke mit meiner Cousine einen Espresso. Wir besprechen, was ansteht, oder wir kommen auf Fragen zurück, die uns im Büro gerade beschäftigen.

 

Wir haben das Büro gemeinsam gegründet. Ich bin Architektin FH, sie Architektin ETH. Wir sind überzeugt, dass dies ein Gewinn für das Büro ist. Mein Vorteil liegt vermutlich im Konstruktiven, ihrer im Konzeptionellen. Aber in unserem Büro, wir beschäftigen mittlerweile fünf Architekten, macht jeder alles. Und jeder trägt Verantwortung. Mein Weg über Lehre und FH-Studium war der richtige. Ich fand so ins Berufsleben, gleichzeitig schuf ich mir ein Netzwerk von Fachleuten, auf das wir regelmässig zurückgreifen.

 

Ein Architekturbüro zu leiten, ist eine hektikreiche Aufgabe. Ich muss jederzeit bereit sein für alles, was kommt. Der Vormittag ist geprägt von Gesprächen. Wenn ein Mitarbeiter mit einer Frage kommt, dann nehme ich mir Zeit dafür. Wir pflegen einen familiären Umgang untereinander. Die Kommunikation spielt eine entscheidende Rolle in meinem Berufsalltag. Bin ich auf der Baustelle, haben die Handwerker oft kaum Zeit, um ein Detail zu besprechen. Es ist trotzdem wichtig, den Kontakt zu ihnen zu pflegen. Dieser Austausch erlaubt mir, Neues zu lernen und die Qualität unserer Arbeit hoch zu halten, obwohl der Termin- und Kostendruck sehr hoch ist.

 

Zu meinen Aufgaben gehört die Akquisition von Wohnbauprojekten. Das mache ich nicht ungern. Wichtig ist, von Anfang an eine offene Beziehung aufzubauen. Die Bedürfnisse und Anliegen des Bauherrn müssen wir sehr genau abholen. Daher investieren wir viel Zeit und Energie in die Anfangsphase eines Projekts. So entstehen weniger Leerläufe. Das zahlt sich aus.

 

Jeder Bauherr muss uns vertrauen. Oft sind es Kleinigkeiten, die darüber entscheiden. Wir müssen diese Kleinigkeiten vorwegnehmen. Ein feines Sensorium ist dafür nötig. Bei Entscheidungen spielt das Bauchgefühl immer eine Rolle.

 

Mit dem Nachmittag kommt die Phase, die konzentriertes Arbeiten zulässt. Ich arbeite vier Tage die Woche. Der Mittwoch ist mein Familientag. Es kommt vor, dass ich am Wochenende arbeite, vor allem dann, wenn ein Abgabetermin ansteht.

 

Wenn man die Arbeit der Architektin betrachtet, könnte man meinen, dass sich vieles wiederholt: wieder ein Einfamilienhaus, wieder eine Terrasse, wieder ein Anbau. Das ist aber falsch: Jeder Ort ist anders, auch jeder Mensch. Jede Aufgabe weist neue Parameter auf. Es gibt nicht die eine Lösung, die man aus der Schublade greift und sagt: ‹Voilà, so machen wir das, wie letztes Mal.› Wir suchen immer die passgenaue Lösung. Das klingt banal, aber so ist es.

 

Es gibt zwei Phasen in einem Projekt, die ich sehr mag: die Studie am Anfang und die Fertigstellung. Während der Fertigstellung zum Beispiel kommt das Adrenalin hoch. Es wuselt auf der Baustelle. Es ist wichtig, dass wir uns in dieser Phase auf jedes Teammitglied verlassen können, und das können wir.

 

Ich trage die Arbeit im Kopf mit nach Hause. Sie beschäftigt mich auf dem Heimweg und wiederholt auch über Nacht. Das gehört zur Selbstständigkeit. Der Computer und das Telefon bleiben aber im Büro. Ich muss selten dem Bauherrn auch zu Hause zur Verfügung stehen.»

 

Dieser Artikel erscheint auch im Magazin INLINE von November 2018.

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