Im Kreislauf mit der Kunst

Dominik Lipp
  • 08.02.2023
  • 6 min
Ich brauche alles, aus Allem kann entstehen und vergehen. Zum Thema Nachhaltigkeit ist es interessant zu erfahren, dass ich beinahe keine neuen Materialien benötige um neue Arbeiten zu tun. Ich begleite Dinge auf Ihrem Kreislauf.

Als bildender Künstler malte ich über zwanzig Jahre bis ich die Rohstoffe meiner jetzigen Arbeiten zusammengetragen habe - bis ich in meiner künstlerischen Entwicklung einen Schritt weiter gegangen bin. 

Seit einigen Jahren gebe ich meinen Malereien einen neuen Wert und mache Ordnung.

Während ich bemalte Leinwände in Streifen schneide und zu "Bildrollen" rolle,

fräse ich die Malereien auf Holz in Streifen und erhalte einen wunderbaren neuen Rohstoff für neue Bilder, PerformanceArt, Möbelstücke und vieles mehr.

Den Dingen neue Werte geben- Neues entstehen lassen- Nachhaltig weiternutzen.

 

Vor diesem Schritt stand meine Arbeit der Nachhaltigkeit- dem Kreislauf auch nahe.

In den Farbtuben waren meine Bilder, wie im Stein des Steinbildhauers die Figur schon enthalten ist.

Ich drücke sie auf die Milchtüte und mische die Farben zu meiner Malerei.

Die Milchtüten werden so zur Malerei.

Den Pinsel putze ich am Lumpen 

der auch zur Malerei wird.

Farbe tropft auf den Boden.

Der Boden wird ebenfalls Malerei.

Übrige Farbe leere ich über Figuren die neue Skulpturen werden.

Sogleich werden die Tubendeckel zum Bild.

Die Tuben landen im Blechkessel als leere Verpackungen der Bilder

und werden auch zur Kunst…

 

Wer sieht was er tut entdeckt was daraus entsteht.

Wir sind unterwegs, gemeinsam mit Allem.

Alles ist Eins.

Alles fliesst.

Ein jedes in seiner Gegenwart ist Teil der Ewigkeit und bestimmt sie mit.

Der Lauf des Wassers.

So gesehen scheint mir, mit dem Kreislauf gehen ein grösseres Wort als Nachhaltigkeit.

 

Als im letzten Jahrtausend Geborener, erlebte ich die Zeit der nachhaltigen Produktion von Produkten und bringe meine Schuhe noch immer zum Schumacher. Doch wo würde die immerzu wachsen wollende Wirtschaft bleiben, wenn alle Produkte für eine anscheinende Ewigkeit geschaffen wären?  Vielleicht sollten wir öfters zufrieden sein mit dem Erreichten, um uns dafür weniger von unserem Selbst entfernen bevor wir es überhaupt gefunden haben. So werden wir jedoch angehalten immer neue Dinge zu verbrauchen und dabei vergessen wir ob wir etwas wirklich benötigen oder nicht. Zudem erscheinen mir neue Dinge meist ohne Charme, ich liebe die sogenannte Patina, Dinge die Geschichten erzählen können! Als Künstler und Handwerker erschaffe ich Notwendiges oft selber. Bevor neues Material angeschafft wird, finde ich die passenden Rohstoffe meist im eigenen Fundus. 

 

Bevor die Balken meines Garagenbodens Balken wurden, waren Sie Bäume, zuvor waren sie ein kleiner Samen und noch davor ein anderer Baum der vielleicht Teil eines Schiffes wurde, und noch davor...

Als ich die Garage zu meinem Atelier erklärte, entfernte ich den Zwischenboden, also die Balken aus ihrer scheinbar zeitlosen Funktion.

Fortan dienten sie mir als Wandstaffelei und bekleckerten sich auf ihrem Kreislauf mit viel Farbe und wurden vor ein paar Jahren durch schlanke Latten ersetzt (ja, neue Dachlatten die ich seither wieder für viele andere Dinge verwendet habe…)

Vom Wetter gegerbt standen zwei der Balken nun draussen in ihrem natürlichen Habitat herum.

Die anderen Balken wurden Stützen für meine Pergola.

Mit dem Bau eines Teegarten funktionierte ich die andern beiden Balken zu Portalpfosten um.

Nun bin ich vor zwei Monaten umgezogen und überlasse die Balken unseren Nachmietern.

Ich begleitete die Balken während fünfzehn Jahren auf Ihrem Kreislauf.

Vielleicht entfernen die Nachmieter das Portal und schenken es dem Nachbarn, der seine Heizung damit befeuert

oder sie bauen etwas neues damit, vielleicht ein Schiff und segeln um die Welt.

Vielleicht sinkt das Schiff, hoffentlich ohne die Nachmieter, und wird in tausenden von Jahren von Archäologen wieder ausgegraben….

Ein Stück vom Weg mit den Balken gehen die mal Bäume waren.

 

Es ist alles im Kreislauf, ein jedes Ding folgt seinem Lauf.

Wir begleiten Dinge auf ihrem ewigen Kreislauf und sind selbst nur ein kleiner Teil davon.

Daran sollten wir uns immer wieder erinnern.

So würden wir wohl viel achtsamer umgehen mit unserer Welt.

 

Ein bisschen Ironie sei mir noch erlaubt wenn ich behaupte, dass die Künstler sehr 

Nachhaltig arbeiten, meinen doch viele für die Ewigkeit zu schaffen und hoffen, dass ihr Nachlass nicht einfach so im Abfall landet, sondern Nachhaltig konserviert im Museum aufbewahrt, im ewigen Kreislauf verbleibt.

 

www.dominiklipp.ch

 

  • Die Fotos zeigen eine grosse Bildrolle, und Ausstellungsansichten der Ausstellung "Im Kreislauf der Kunst" im Kunstraum Aarau von 2022, mit neugeschaffenen Bilder von meinen zersägten Bilder, einem Beistelltisch, einem Dreieck aus Tubendeckeln, dem kleinen Bildrollenturm, eine Harasse und einem Tubenkessel woraus alle meine Bilder kamen, auch zu sehen sind die Lumpen und die Milchtütenpaletten. (Alle Fotos von Rob Nienburg)

"Die künstlerische Arbeit von Dominik Lipp (*1974 in Luzern) beinhaltet einen vielschichtigen und spartenübergreifenden Umgang mit Malerei, Installation, Objekten und Performances.

Nach den abgeschlossenen, handwerklichen Berufslehren als Hochbauzeichner und Maurer zieht es Dominik Lipp im Jahr 2000 an die Schule für Gestaltung in Luzern, wobei er sich in der Klasse von Prof. Peter Stobbe vor allem mit malerischen und skulpturalen Techniken auseinandersetzt. Seine künstlerischen Werke orientieren sich an einer experimentellen Anwendung von Acryl- und Ölfarbe in Kombination mit einer pragmatischen Materialanwendung. Die farbintensiven, pastosen Werke – auf Leinwand, Holz oder Alltagsobjekten – sind Resultate einer kreisläufigen Weiterentwicklung der eigenen Arbeit und verkörpern eine humorvolle Umsetzung zwischen Ordnung und Konfusion.

Seit mehr als 20 Jahren ist Dominik Lipp als professioneller und weitreichend vernetzter Performancekünstler tätig und trat bereits weltweit – Italien, Finnland, Schweden, Frankreich, England, Türkei, Thailand etc. – an Festivals und innerhalb von Ausstellungsprogrammen auf. Viele seiner Performances orientieren sich an malerischen Prozessen, die sich im Spannungsfeld von Körper und Geist verorten. Dominik Lipps angewandtes Verhältnis von bildender und performativer Kunst verschmilzt oftmals zu visuellen und physischen Expressionen." 

Text von Michael Sutter, Kurator Kunsthalle Luzern.

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