Erst platzieren, dann qualifizieren: Nachhaltige Arbeitsintegration durch Supported Employment

  • 30.01.2026
  • 9 min
Mit der Integrationsmassnahme «Supported Employment» finden Menschen mit Beeinträchtigungen oder nach langer Arbeitslosigkeit zurück in den ersten Arbeitsmarkt. Regula Buzziol und Reto Hähnel, vom CAS Supported Employment an der OST – Ostschweizer Fachhochschule bringen langjährige Praxiserfahrung in diesem Bereich mit. Sie erklären, warum für eine erfolgreiche Integration meist nur kleine Anpassungen am Arbeitsplatz nötig sind, weshalb die Offenheit der Unternehmen immer weiter zunimmt und inwiefern eine erfolgreiche Integration für unsere gesamte Gesellschaft von Vorteil ist.

Wer profitiert von Supported Employment?

Regula Buzziol: In erster Linie natürlich die wieder integrierten Personen. Arbeit bietet uns Struktur, stärkt unser Sozialleben und gibt uns eine Aufgabe und Sinn im Leben. Den Menschen dabei zu helfen, ist eine besonders schöne Aufgabe. Natürlich profitiert auch unsere Gesellschaft als Ganzes von dieser Massnahme. Denn wenn Personen wieder arbeiten, können sie sich selbst finanzieren, Steuern bezahlen und müssen weniger oder keine Hilfe vom Staat beziehen.


Supported Employment ist eine nachhaltige Arbeitsintegrationsmassnahme, die Personen mit Beeinträchtigung den Eintritt oder Wiedereintritt in die Arbeitswelt erleichtert. Besonders Personen mit gesundheitlichen oder psychischen Beeinträchtigungen, Langzeitarbeitslose, kurz vor der Aussteuerung und Asylsuchende können von dieser Massnahme Gebrauch machen und die Hilfe eines Jobcoaches in Anspruch nehmen.
Das Ziel von Supported Employment ist es, diese Personen langfristig wieder in den Arbeitsmarkt einzubinden.


Beim Supported Employment wird nach dem Ansatz «place, then train» gearbeitet. Dies steht im Widerspruch zum gängigen Vorgehen auf dem Arbeitsmarkt. Inwiefern ist dieser Ansatz für eine erfolgreiche Integration wichtig?

 

Regula Buzziol: Im Schweizer Arbeitsmarkt wird bei Bewerbungen sehr stark auf Ausbildung und Vorkenntnisse geachtet. Das macht es für viele schwierig. Oft können Menschen aufgrund einer Beeinträchtigung nicht mehr den erlernten Beruf ausüben. In diesem Fall geht es darum, zu schauen, welche anderen Fähigkeiten sie mitbringen und wo sie sonst noch eingesetzt werden können. Aus diesem Grund setzen wir im Supported Employment den Fokus auf die Lernfähigkeit der Menschen und arbeiten nach dem Motto «Learning by Doing». Zu Beginn des Prozesses organisieren die Jobcoaches oft verschiedene Schnupperstellen. So können unsere Klientinnen und Klienten herausfinden, welche Berufe ihnen ebenfalls entsprechen würden.

Reto Hähnel: Ein weiterer Vorteil dieses Ansatzes ist, dass die Personen direkt in ihr neues Arbeitsumfeld integriert werden und sich dort dann im neuen Job entfalten und weiterentwickeln können. Da das Umfeld bei der Integration eine so wichtige Rolle spielt, ist dies weitaus effektiver, als wenn ein Beruf in einem Unternehmen erlernt und dann in einem anderen, neuen Umfeld ausgeübt wird.

 

Im Supported Employment setzen wir den Fokus auf die Lernfähigkeit der Menschen und arbeiten nach dem Motto «Learning by Doing.

Regula Buzziol, Kursleiterin CAS Supported Employment


Wie ist dies für Jugendliche, bei denen es um den Einstieg ins Berufsleben geht?

Reto Hähnel: Im Supported Employment ist auch die Supported Education enthalten. Wenn Jugendliche Schwierigkeiten haben, eine Lehre auf dem ersten Arbeitsmarkt zu absolvieren, bieten unsere Jobcoaches ihnen Unterstützung. Wir stehen den Lernenden als Ansprechperson, als Lerncoach und als Vermittlerin oder Vermittler zwischen ihnen und dem Betrieb zur Verfügung.
Oft begleiten wir sie so lange, bis sie ihre Lehre erfolgreich abgeschlossen und eine Festanstellung gefunden haben.

Im Januar 2026 gab der Kanton St. Gallen offiziell bekannt, dass die arbeitsmarktliche Massnahme «Supported Employment» fortgesetzt wird. Was bringen solche Massnahmen? Was ändert sich dadurch?

Reto Hähnel: Speziell für Langzeitarbeitslose über 50 Jahren könnten die Möglichkeiten bezüglich Integrationsmassnahmen noch steigen. Ich halte es daher für sehr sinnvoll, dass sich die Massnahme des Kantons auf diese Personengruppe konzentriert und versucht, das Angebot für sie auszubauen. Hiervon kann unsere Wirtschaft sehr profitieren.

Hat die Bereitschaft von Unternehmen zugenommen, benachteiligte Menschen mit erschwertem Zugang zu Arbeit einzustellen?

Regula Buzziol: Unternehmen werden diesbezüglich immer offener. In den letzten sieben bis acht Jahren hat sich einiges verändert. Gerade bei kleineren gewerblichen Unternehmen merkt man, dass diese sensibilisierter sind als früher.

Wodurch kam es zu dieser Veränderung?

Regula Buzziol: Im Kanton St.Gallen hat die IV in den letzten Jahren zunehmend Veranstaltungen für Arbeitgebende durchgeführt. Diese haben zum Ziel, die Unternehmen für diese Thematik zu sensibilisieren und ihnen die Unterstützung aufzuzeigen, die sie erhalten, wenn sie Personen im Rahmen des Supported Employment einstellen. Auch der bestehende Fachkräftemangel zwingt viele Unternehmen, offener zu werden. Der Generationenwechsel in der Unternehmensführung trägt ebenfalls dazu bei. Führungskräfte führen heute weniger patriarchal, zeigen mehr Offenheit und nehmen ihre soziale Verantwortung eher wahr.

Reto Hähnel, Kursleiter CAS Supported Employment

Es geht meist nicht darum, dass diese Menschen weniger leisten können. Oft reichen schon kleine Anpassungen im Arbeitsumfeld und im Arbeitsalltag, damit diese Personen ihre Arbeit genauso leisten können.

Reto Hähnel: In den Unternehmen herrscht jedoch nach wie vor eine grosse Unwissenheit. Es gibt noch viele Vorurteile, die aufgebrochen werden müssen, und diese Massnahme muss mehr Sichtbarkeit erlangen. Viele Arbeitgebende schrecken bei den Worten «psychische Beeinträchtigung» zurück. Dabei geht es meist nicht darum, dass diese Menschen weniger leisten können. Oft reichen schon kleine Anpassungen im Arbeitsumfeld und im Arbeitsalltag, damit diese Personen ihre Arbeit genauso leisten können.

Ist es für Unternehmen attraktiv, solche Massnahmen anzubieten oder steht vor allem der soziale Gedanke dahinter?

Regula Buzziol: Natürlich steckt immer auch ein gewisser sozialer Gedanke dahinter. Doch Unternehmen haben keinerlei Nachteile, wenn sie Personen einstellen, die Supported Employment in Anspruch nehmen. Im Gegenteil, sie erhalten sogar finanzielle Unterstützung. In den meisten Fällen leisten diese Personen genauso viel wie andere Angestellte. Deshalb sind solche Massnahmen in jedem Fall ein Mehrwert für alle Beteiligten.

CAS Supported Employment

Arbeit bedeutet in unserer Gesellschaft viel. Jedoch finden Menschen mit einer Beeinträchtigung nur erschwert Zugang dazu. Der CAS Supported Employment vermittelt Fachleuten die notwendigen Kompetenzen, um benachteiligte Personen beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt professionell zu begleiten.


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