Digitale Kommunikationsmittel - Und wenn es nur ein Lächeln wäre


Lydia Thalmann | Studentin Psychologie Mitglied SPAB10.12.2020

Die Corona-Krise lässt uns erkennen, wie sehr wir direkten Kontakt mit andern zum Leben brauchen, was physische Nähe für uns bedeutet und wie schnell uns die virtuelle Kommunikation zum Hals heraushängt.

«Man kann nicht nicht kommunizieren.» Dieses Zitat von Paul Watzlawick ist ein gutes Beispiel dafür, wie omnipräsent die Kommunikation in unserem Alltag ist. Die Sprache ist der Schlüssel, um eine Verbindung zwischen zwei Menschen herzustellen, und somit auch ein unerlässlicher Faktor einer Beziehung, des Gefühls von Zugehörigkeit und der Gewissheit, nicht allein zu sein. All diese Dinge sind für uns Menschen ein Muss. Wir sind Herdentiere, wir möchten gemocht werden, wir brauchen die Bestätigung, okay zu sein. 


Mit der Welt verbunden

Heutzutage sind wir 24/7 mit der ganzen Welt verbunden. Dank Social Media und dem World Wide Web können wir bis in die weite Ferne innert Sekunden andere Menschen kontaktieren, Meinungen austauschen und unser Wissen erweitern. Besonders während des Lockdowns verlassen sich viele Unternehmen, Universitäten und private Personen auf virtuelle Kommunikationsmittel. 

Dank des Internets hat die Gesellschaft einen riesigen Sprung in eine näher aneinandergerückte Welt gemacht, und wir alle können davon profitieren. 

Die schönsten Momente im Leben können mit anderen geteilt werden, man findet neue Freunde, fühlt sich endlich von einer Community verstanden. Sei es ein homosexueller Junge aus einem katholischen Zwölf-Seelen-Dorf, der endlich erkennt, dass er nicht alleine ist, oder ein Liebespaar, dass dank Online-Chatrooms zueinander gefunden hat, trotz völlig unterschiedlicher Lebensläufe. 


Die andere Seite der Medaille

Dies ist die eine Seite der Medaille. Doch die Statistik der zunehmenden Suizidfälle von Jugendlichen aufgrund von Cybermobbing, die steigende Zahl vereinsamter Menschen, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, und der explodierende Instagram-Trend, welcher viele zu Schönheitsoperationen und zwanghafter Selbstprofilierung drängt, decken auch die Schattenseite dieser neuen Kommunikationsform auf. 

Besonders die Millennials, die in dieser digitalen Welt aufwachsen, entwickeln früh eine gewisse Abhängigkeit gegenüber den sozialen Medien. Ohne eine Mindest-Onlinepräsenz verliert man schnell an Popularität oder wird gar nicht erst wahrgenommen. Daraus erwächst eine Generation, die früher lernt, Emojis richtig anzuwenden, als im «echten Leben» Kontakte zu pflegen. 


Virtuelle vs. reale Welt

Egal, wie viele virtuelle Freunde man besitzt oder wie viele Follower man sich ergattert hat – sobald der Chat geschlossen, das Handy ausgeschaltet oder das Zoom-Meeting beendet ist, ist man zurück in der realen Welt. 

Stellen Sie sich vor, wie Sie am Ende eines schönen Abends eine gute Freundin, einen guten Freund umarmen und wie Sie anschliessend getrennte Wege einschlagen. Kennen Sie dieses Gefühl der Verbundenheit, der Nähe zu dieser Person, welches noch einige Momente nachklingt? Vergleichen Sie dieses Gefühl mit dem Moment, nachdem das Handy aufgelegt oder ein Skype-Call geschlossen worden ist. Ist es dasselbe Gefühl? 

Eigentlich ist es doch absolut menschlich, dass wir mit unserem Umfeld ohne weiteres kommunizieren. Auch wenn es nur ein Lächeln ist oder ein gemeinsames Augenverdrehen über die lauten Teenager im Abteil nebenan. Wir werden in diesem Moment wahrgenommen und verstanden. 

Gerade eine Krise wie die Corona-Epidemie lässt uns wieder einmal erkennen, wie rasch uns die virtuelle Kommunikation zum Hals heraushängt. Die Welt ist im Wandel, vieles verändert sich in kürzester Zeit, und auch unsere Gesellschaft muss sich noch an diese unbegrenzten Möglichkeiten der Kommunikation gewöhnen. 


Hier und Jetzt

Ich denke, es ist wichtig, das Hier und Jetzt im Trubel von Likes, Insta-Stories und WhatsApp-Nachrichten nicht zu vergessen. Die reale Welt, welche wir durch die Brille des Smartphones teils gar nicht mehr zu erkennen vermögen. 


Nehmen Sie sich das nächste Mal im ÖV die Zeit, um einfach dazusitzen und die Kommunikation geschehen zu lassen, ohne sie zu forcieren. Der Augenkontakt mit einer anderen Person – wahrscheinlich die einzige andere Person ohne Bildschirm vor dem Gesicht – ist unbezahlbar. 


Dieser Text wurde als Erstpublikation im punktum veröffentlicht

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