Bleibt uns noch Zeit und wenn ja, wie viel?


Tereza Kotlanova | Studentin | Hochschule der Künste Bern25.09.2020

Eine der aktuellsten Fragen unseres Jahrhunderts, deren Antwort äusserst beklemmend sein kann. Wahrheit tut bekanntlich weh, doch Ungewissheit und Passivität versprechen einen wesentlich grösseren Schaden, der vermutlich bereits unwiederbringlich angerichtet wurde. Die Produktion "Natur & Oper" des Schweizer Opernstudios, Hochschule der Künste Bern thematisiert ein Szenario, in dem wir mit der Zerstörung und Ausbeutung unseres Planeten konfrontiert werden. Die musikalische und szenische Darbietung regt dabei zum Denken an, ob eine Rettung oder ein Neuanfang überhaupt noch möglich ist.

Bewusstes Umdenken


Mit der Umweltverschmutzung ist es so ungefähr wie mit dem Rauchen. Man geniesst es jahrelang, so zu handeln wie man mag und sich dabei nicht sorgen zu müssen, man sieht nur die Vorteile des unmittelbaren, angenehmen Effekts und bemerkt das entstandene Übel meist erst, wenn es schon zu spät ist. Berührt man hingegen eine heisse Herdplatte, wird sofort reagiert und die Hand so schnell wie möglich weggezogen, gekühlt und anschliessend verbunden.
Diese Reaktionsdiskrepanz repräsentiert das grösste Problem im Falle des Umweltschutzes respektive der Umweltzerstörung und benötigt dringend ein bewusstes Umdenken. Junge Umweltschutz Pioniere wie Felix Finkbeiner (Plant-for-the-planet) und Greta Thunberg (Fridays for future) haben dieses Umdenken bereits gemeistert, doch wie sollen sie die grosse taube Masse davon überzeugen, dass die Herdplatte, die sie seit Jahren berühren, eigentlich glühend heiss ist und zu irreparablen Schäden in unserem Leben führen kann?

Kunst verschafft Gehör


Um in der heutigen Welt gehört zu werden, muss man sich auf nichts weniger als Schreien, Provozieren und eine stete Präsenz in den Medien einstellen. Nur so kann auf eine Veränderung gehofft werden, weshalb Thunbergs Methode somit die einzig wirksame ist, bedenkt man all die zusätzlich irritierenden Faktoren wie gefälschte Studien der Opposition, virale Fake-News und mediale Sabotagen durch mächtige Staatsoberhäupter.
Die gute Nachricht ist, dass neben den Aktivisten noch ein anderes Sprachrohr für die alarmierende Situation existiert, und zwar die Kunst. Schon immer beschäftigten sich Künstler, Komponisten und Schriftsteller mit gesellschaftskritischen Themen und verpackten dabei ein hochaktuelles oder prekäres Sujet in einem musischen Kontext.

Dramaturgisches Konzept


Dies geschieht auch im Opernprojekt "Natur & Oper", worin eine Welt gezeigt wird, in der es Natur nicht mehr gibt. Ob dafür eine Katastrophe verantwortlich ist, die Menschen dies selbst verschuldet haben oder das Ganze nur ein böser Traum ist, steht dabei nicht im Zentrum und bleibt somit ungelöst. Die Stimmung des Untergangs und der Leere wird verstärkt durch die aussergewöhnliche Lokalität der beiden Aufführungen. Das Hochregallager an der Hochschule der Künste Bern verleiht der Produktion eine einzigartige Atmosphäre, die von beängstigender Kälte, erdrückender Einsamkeit und unendlichen Sphären geprägt ist. Die Beteiligten versuchen, sich in diesem Raum zu orientieren und Suchen nach bekannten Fragmenten, Erinnerungen und vertrauten Elementen. Doch ausser der Musik, die sowohl thematisch als auch literarisch zahlreiche Natur-Elemente birgt, gibt es nicht viel, woran sie festhalten können. Zeigt sich dabei ein Anflug von Reue, hätten wir unser Handeln früher überdenken sollen und wird es jemals wieder so sein wie früher?
Mit diesem Denkanstoss endet die unerbittliche, (noch) fiktive Vorstellung einer Welt, in welcher wir nicht leben wollen würden. Doch wann und wie wird das Ende unserer realen Welt kommen?
So viele Fragen am Ende eines Opernabends und jeder wird darauf seine eigenen Antworten finden. Doch am Ende bleibt nur Eines klar zu beantworten: Entscheidet man sich für den einfacheren Weg der Verleugnung der Tatsachen oder befasst man sich mit der unbequemen Wahrheit, löst die mittlerweile festgeschmorrte Hand von der Herdplatte und beginnt, etwas zu verändern?

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