Abschluss während des Lockdowns


Guy Studer FH SCHWEIZ26.08.2020

Mario Marty und Carmen Bischof sind zwei von vielen frischen FH-Absolventen, die ihre Abschlussprüfungen während des Lockdowns antreten mussten. Die Panflötistin und der Holzbauingenieur haben diese ungewöhnliche Zeit besonders intensiv erlebt – konnten aber durchaus auch Positives abgewinnen. Zwei Erfahrungsberichte zum etwas anderen Studienabschluss.

Mario Marty (26), BSc in Holztechnik, 
Vertiefung Timber Structures and Technology
Das letzte Semester war erst knapp einen Monat alt, da kam schon der 16. März und die ausserordentliche Lage. Bereits in der Vorwoche hiess es, wir sollten all unsere Sachen besser gleich mit nach Hause nehmen. Nur Tage später wechselten wir auch schon auf Online-Unterricht. Diese plötzliche Umstellung war schon sehr speziell.

Dabei hatte ich erst noch ein Zimmer in Biel gemietet. In meinem Studiengang machen wir ein einjähriges Praktikum vor dem letzten Semester. Dieses Zimmer nutzte ich also nur ein paar Wochen, bevor ich fix zurück in meine WG in Wil im Kanton St. Gallen zog.

Für mich war das eigentlich gar nicht schlecht. Denn ich konnte mir so das Hin- und Herreisen sparen. Im letzten Semester hatten wir nur noch zweieinhalb Präsenztage pro Woche. Und ich arbeitete zudem 20 Prozent bei meinem Praktikumsbetrieb in der Ostschweiz. Ich konnte also alles von zu Hause aus erledigen. Auch die Prüfungsvorbereitungen gingen so bestens – als Holzbauingenieur mussten wir vor allem verschiedene Berechnungen üben, entsprechende Aufgaben lösen. Das habe ich zusammen mit einem Kollegen gemacht. Kein Problem.

Die Online-Tools für den Fernunterricht kannte ich von der Arbeit, von daher machte mir die Umstellung aus technischer Sicht keine Probleme. Was fehlte, war der direkte Austausch mit den Dozenten. Gerade im letzten Semester, nachdem man im Praktikum Arbeitserfahrung gesammelt hat, könnten sich wertvolle Diskussionen entwickeln. Diese sind nun leider weggefallen. Und für die Dozenten war es sicher eine grosse Herausforderung, in kürzester Zeit voll auf Online-Unterricht umzustellen.

Dann kamen im Juni die Prüfungen. Lange war unklar, wie die überhaupt stattfinden würden. Schliesslich kam der Entscheid, dass alles online über die Bühne geht. Auch das war eine spezielle Erfahrung, wir mussten die Prüfungen vor laufender Webcam schreiben. Es durfte keine andere Person im selben Raum sein. Ich hatte zum Glück zwei Laptops zur Verfügung, damit ich den einen für die Übertragung nutzen konnte und den anderen, um bei Bedarf etwas nachzuschlagen. Die Prüfung musste von Hand geschrieben werden, die Zeit war sehr knapp bemessen. Schummeln? Keine Chance. Auch wenn sich eine zweite Person in den Raum geschlichen hätte – unter diesen Umständen und auch bei der Art der Aufgabenstellung wäre gar nicht daran zu denken gewesen. Auch für einen Austausch, zum Beispiel via Whatsapp, hätten wir kaum genug Zeit gehabt.

Ich musste innerhalb der WG schon schauen, dass ich in Ruhe meine Prüfungen absolvieren konnte. Das war nicht für alle Absolventen leicht. Wer nicht mit zwei Computern arbeiten konnte, bekam Schwierigkeiten. Wir mussten die Prüfungen ja zum Schluss einscannen und hochladen. Bei einem Kollegen stiess der Computer an seine Leistungsgrenze, er brauchte mehrere Anläufe, bis er die Prüfung hochladen konnte. Ich habe ihm dann für die zweite Prüfung einen alten Laptop ausgeliehen als Zusatzgerät.

Mein Fazit, was die Online-Tools betrifft: Diese funktionieren gut für Sitzungen, Unterricht oder Besprechungen, solange man sich gegenseitig gut kennt. Sobald dies nicht der Fall ist, stösst man an Grenzen. Wenn man die Leute nicht so gut kennt, nicht weiss, wie sie ticken, ist es schwierig, schnell voranzukommen. So habe ich das jedenfalls wahrgenommen, als wir bei einer Projektarbeit ein temporäres Kino aus Holz geplant haben.

Nun mache ich erst einmal Ferien im Camper mit Kollegen. Ab August arbeite ich als Projektleiter bei dem Ingenieurbüro, in dem ich das Praktikum absolviert habe. Nebst den täglich anfallenden Arbeiten interessiert mich dabei vor allem die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung in der Holzbranche, was auch Teil meiner Bachelorarbeit war.


Carmen Bischof (28), Panflöte, MA in Musikpädagogik
(Major in Instrumental-/Vokalpädagogik)

Das Fach Pädagogik sowie das Konzert wurden durch den Lockdown zur Herausforderung. Zu Beginn war nicht klar, wie die pädagogische Prüfung absolviert werden sollte. Diese besteht ja darin, vor einer Jury zu unterrichten.
Die Hochschule entschied schliesslich, dass wir stattdessen ein Lernvideo für eine bestimmte Schülerin machen können. Das erfordert eine gute Portion Kreativität. Meine Prüfungsschülerin hat das zum Glück sehr gut aufgenommen. Sie hatte die Aufgabe, in verschiedenen Schritten zu improvisieren und den Raum gleichzeitig zu durchschreiten. Für mich war die Videoproduktion völlig neu. Zum Glück zählten technische Finessen wie Ton oder Schnitt nicht. Es ging nur um den Inhalt.

Aufwendig und speziell war die Organisation meines Abschlusskonzerts. Normalerweise finden diese vor Publikum statt, wie normale Konzerte, einfach mit einer Jury. Erst hiess es, Abschlusskonzerte fänden ohne Publikum statt. Ausserdem würde der Kammermusikteil wegfallen. Das war ein Schock für mich. Denn die Hälfte meines Programms war im Trio. In so kurzer Zeit ein neues Programm zusammenzustellen, wäre kaum möglich gewesen. Schliesslich wurden die Bestimmungen wieder leicht gelockert, das Konzert war ja Anfang Juli. Ich durfte dann doch das Trio-Programm spielen, doch unter Wahrung der Abstandsregeln, was etwas ungewohnt war. Ausserdem wurden zehn Zuhörer zugelassen. Bei mir machte man eine Ausnahme und liess mich gar 30 einladen, weil ich mein Abschlusskonzert in der Jesuitenkirche in Luzern spielte. Der Saal der Hochschule ist kleiner. Ich musste aber von allen Zuhörern die Kontaktdaten angeben.

Das Konzert selber schliesslich war sehr angenehm. Ich hatte etwas Publikum, ausserdem kannte ich die Leute, vor denen ich spielte, was ich schön fand.

Meine Masterarbeit brachte hinsichtlich Lockdown keine Zusatzherausforderung. Wer diese im Zusammenhang mit einer Veranstaltung machte, hatte schon grössere Probleme. Für mein erstelltes Tool mit Kurzgeschichten und Interaktionen habe ich unter anderem ein Video produziert. Meine Schülerinnen und Schüler an den Musikschulen, an denen ich unterrichte, erzählen darin über die Panflöte, die Geschichte des Instruments, über die Pflege und andere Aspekte. Ich habe ihnen dazu einige Infos geliefert, teils haben sie auch selber recherchiert.

Mit dem Video und der Arbeit dazu konnte ich gleich auch meine Schülerinnen und Schüler sehr gut für den Fernunterricht abholen. Und kurze Zeit später hat das Institut für Musikpädagogik der Hochschule Luzern – Musik einen Videowettbewerb zum Thema «Distance Learning» lanciert. Mein Video wurde sogar mit dem ersten Platz ausgezeichnet, was mich natürlich sehr freut.

Gefreut habe ich mich dann auch, als es mit dem Fernunterricht wieder vorbei war und wir wieder mehr oder weniger regulär unterrichten konnten. Über den Bildschirm klappt es einfach nicht wirklich gut. Es ist enorm anstrengend für mich und auch die Schülerinnen und Schüler. Ausserdem kann man nicht gemeinsam spielen aufgrund der Verzögerung.

Nach den Sommerferien werde ich nun weiterhin an den Musikschulen Oberer Sempachersee und Malters im Kanton Luzern Panflöte unterrichten, dazu kommt eine neue Stelle in Einsiedeln SZ. Mit meinem Instrument habe ich zum Glück genügend Unterrichtsmöglichkeiten, ich bin erst die zweite FH-Absolventin in der Schweiz auf diesem Instrument. Allerdings sind es jeweils kleine Pensen – ich komme mit dem Unterricht auf rund 30 Prozent. Doch ich möchte ja auch nicht nur unterrichten, rund 30 Prozent reichen mir hier. Ich mache ja auch gerne selber Musik, vor allem Kammermusik. Und ich suche zudem nach einer Festanstellung im Bereich Kulturmanagement mit 30 bis 40 Prozent. Dieser Berufsmix wäre mein Ziel.


Dieser Beitrag ist als Erstpublikation im Magazin INLINE August 2020 erschienen.

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