Wo wären wir ohne Frust?


Marianne Luchsinger | Studentin02.02.2021

Frust klingt bereits nach Frust, finde ich. Vielleicht, weil es nur einen Vokal hat. Frust. Das könnte fast als Fluchwort durchgehen. Natürlich bin auch ich frustriert. Wer ist es denn schon nicht heutzutage? Ohne es wissenschaftlich beweisen zu können, behaupte ich, dass das Wort in den letzten vierzig Jahren eine Inflation erlitten hat. Heute ist man schnell einmal frustriert oder hat einen Frust. Es erscheint mir, mein Teenager noch mehr als ich. Meist meint man damit, dass etwas grade mal nicht nach Plan gegangen ist.

Ich habe aktuell einen Frust, weil es hier seit zwei Monaten einen neuen, schwarzweissen Kater gibt, der sich in alle Häuser schleicht, Essen stiehlt und in meinem Falle meine kleine Katze verprügelt. Mein Hund liegt da und tut nichts dagegen. Auch das frustriert. «Wozu füttere ich dich eigentlich?», frage ich ihn irritiert. Er öffnet ein Auge, leckt mir über den Fuss und geht wieder schlafen. Ah, so sieht er also seine Daseinsberechtigung. 

Der Kater ist ein unlösbares Problem. Ich bin daran gescheitert, ihn aus meinem Haus zu verjagen. Wie ein Bumerang kommt er, kaum ist die Terrassentüre offen, immer wieder zurück und geht zwecks Selbstbedienung selbstbewusst in die Küche. Und das passt ja zur Definition des Begriffs Frustration: Er kommt vom Lateinischen «frustra» = vergeblich, beziehungsweise «frustratio» = Enttäuschung einer Erwartung. Ich habe die Erwartung, dass ich mit einem Hund und einer anderen Katze im Haus die Butter auf den Tisch stellen können sollte, ohne danach darauf Zungenspuren zu finden. Zumindest nicht Zungenspuren eines fremden Tieres. Denn meine Tiere sind zum Glück gut genug erzogen. Aber diese Erwartung ist vergeblich. Und das frustriert.


Frustration kann ein Problem sein

Ich bin mir bewusst, dass im grossen Universum des Lebens der Schwarzweisse kein wirkliches Problem ist. Ich beobachte mich ja auch selbst mit einem Augenzwinkern, wie genervt ich über diesen frechen Kater bin. Frustration kann aber ein Problem sein. Zumindest zu viel davon. Frustration ist ein breites Kontinuum von milder Irritation über ein knapp verpasstes Tram bis zu einer tiefen Verzweiflung und Hilflosigkeit ob eines unlösbaren Problems. Kurze Frustration vergessen wir meist sofort. Kaum sitzen wir in der nächsten Bahn und haben sichergestellt, dass wir unser Ziel doch noch rechtzeitig erreichen, können wir uns kaum daran erinnern, dass wir so frustriert waren. Längerfristige, nagende Frustration kann aber durchaus schwerwiegende Folgen in Form von Burn-out und Depression haben oder dazu führen, dass wir einfach resignieren und wie geschlagene Hunde in unserem Elend verharren. Erreichen wir unsere Ziele immer wieder nicht, führt dies zu einem Verlust des Selbstwertes und zu inneren Überzeugungshaltungen, die unser ganzes restliches Leben negativ beeinflussen können. Auch wenn ich hier flapsig über einen Kater schreibe, will ich die Verzweiflung, die hinter Frustration stecken kann, in keiner Weise schmälern. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass wir unsere Frustrationen ernst nehmen.


Ergründen, was uns frustriert

Im Idealfall suchen wir zu ergründen, was uns denn genau an einer Situation frustriert. Ist es der Food Waste, wenn der Kater sich über die Butter hergemacht hat? Oder das Geld, das ich jetzt zusätzlich ausgeben muss, um neue Butter zu kaufen, obwohl ich als Studentin eh schon knapp haushalten muss? Oder ist es vielleicht, dass mein Zuhause mein «safe space» ist und ich keine ungebetenen Eindringlinge darin haben möchte? Auch sind Muster wichtig: Leiden wir in unserem Leben immer wieder an ähnlichen oder gleichen Frustrationen? Und warum begeben wir uns (oder landen) immer wieder in diesen Situationen? Das kann ein Hinweis auf ein Lebensthema sein, das wir bearbeiten sollten, falls wir nicht immer die gleichen Frustrationen erleben wollen.


Frustration: eine Mischung aus Gefühlen

Obwohl die meisten von uns Frust oberflächlich als ein uns bekanntes Gefühl verorten, welches wir problemlos benennen können, ist Frustration eigentlich eine Mischung aus verschiedenen Gefühlen: allen voran Wut, Ärger, Hilflosigkeit, Mutlosigkeit, Trauer und Stress. Je nach Situation ist in unserer Frustration mehr von dem einen Gefühl, manchmal mehr von einem anderen zugegen. Zwar akzeptiert die neue Forschung die Hypothese nicht mehr, dass Frustration unausweichlich in Aggression endet. Dennoch entlädt sich Frust oft in Form von Aggression, und zwar nicht nur gegen die Quelle der Frustration, sondern auch oft gegen Unbeteiligte. So ist Frust nicht nur für die Frustrierten schädlich, sondern zusätzlich auch noch für deren Umfeld.


Frust als Motivator

Frustration zeigt sich auch in vegetativen Symptomen wie Anspannung, Verspannungen, einer flacheren Atmung etc. Es ist nicht besonders angenehm. Am liebsten wären wir wahrscheinlich gar nicht frustriert. Und dennoch: Wo wären wir ohne Frust? Selbst kleine Irritationen können uns den Weg zu einem besseren Verständnis von uns selbst zeigen. Im besten Falle motivieren sie uns dazu, etwas zu verändern. Vielleicht gibt es uns das Einsehen, dass wir das Ziel, welches unerreichbar ist, loslassen sollten, um andere Umgangsformen mit dem Thema zu finden. Vielleicht erreichen wir auch einfach eine neue Sicht auf das Problem.


Im Falle «meines» schwarzweissen Katers gibt es da Neuigkeiten. Inzwischen habe ich ihn auf den Namen «Boomerang» getauft. Ich habe ihn eingefangen und auf einen Chip untersuchen lassen. Leider hatte er keinen. Nun versuche ich mit Plakaten herauszufinden, ob er jemandem gehört. Hier im Viertel geht aber niemand davon aus. Wenn sich kein Besitzer meldet, wird er kastriert, und ich suche ihm ein gutes Plätzchen. So habe ich dann den Frust nicht, dass der Brunch angeknabbert ist – und er hat den Frust nicht, dass er sein Essen ergaunern muss und immer wieder verjagt wird. Eigentlich ein Happy End. Und wenn man bedenkt, dass alles mit einem Frust begann, dann ist das ein ziemlich gutes Gefühl.


Dieser Beitrag ist als Erstpublikation im punktum erschienen.

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