A wie Abheben

Rebecca Lehmann
  • 31.05.2018
  • 5 min
Obwohl die bekannteste Vertiefung des Aviatik-Studiums Piloten ausbildet, arbeiten die meisten Absolventen am Boden. Das «Brainstorm Magazin» hat den Studiengang mit dem grössten Frauenanteil an der ZHAW School of Engeneering unter die Lupe genommen.

«Diese Aussicht und dieses Gefühl zu fliegen haben mich umgehauen», beschreibt Kathrin Summermatter den Moment, als sie einen Freund ihres Vaters während eines Fluges ins Cockpit begleiten durfte. In diesem Moment entschied sie sich, Pilotin zu werden. Die 24-jährige Aviatik-Studentin sitzt in der Mensa der ZHAW School of Engeneering, dem ehemaligen Technikum. Neben ihr hat ihre Mitstudentin Marion Röschli Platz genommen. Marion ringt nach Worten, als sie das Fliegen zu beschreiben versucht: «Es ist einfach dieses Gefühl, in der Luft zu sein…» Nach kurzem Überlegen fügt sie an: «Mich interessiert alles an der Luftfahrt.» Das habe sich in ihrem Praktikum bei Swissport, einem internationalen Unternehmen, das sich um die Bodenabfertigung am Flughafen kümmert, bestätigt.

«Vo allem nüt, statt vo öppisem alles»

Im Studiengang Aviatik gibt es drei Vertiefungsrichtungen, Verkehrspilot ist eine davon. Zum Piloten gibt es verschiedene Ausbildungswege, aber nur einen Bachelorstudiengang in der Schweiz. Für Maturandin Kathrin war das ein entscheidendes Argument: «Wenn ich aus gesundheitlichen Gründen einmal nicht mehr fliegen könnte, hätte ich immer noch einen Abschluss, worauf ich aufbauen könnte.» Vor dem Studium muss man eine Eignungsabklärung der SWISS bestehen, die die Vertiefung Verkehrspilot im Dualstudium zusammen mit der ZHAW anbietet. Wer das Assessment schafft, erhält neben den Modulen an der ZHAW Flugstunden bei der SWISS. «Von den 60 Studierenden in unserem Jahrgang wählten fünf diese Vertiefung», sagt Marion und widerlegt damit das Klischee, dass alle Aviatik-Studenten Pilot werden. Denn nebst der Vertiefung Verkehrspilot haben die Studierenden die Wahl zwischen Technical Engineering und Operational Engineering.

In diesem Moment gehen drei Männer am Tisch vorbei, Kathrin ruft sie zu sich und sagt: «Erklär mal, was ihr Techniker macht, Flugzeuge bauen lernt ihr nicht, oder?» Einer von ihnen, Dominic Landert, lacht. «Das stimmt, wir arbeiten auch nicht mit Schraubenziehern in der Werkstatt. Unsere Aufgabe wird es später sein, als Projektleiter zum Beispiel neue Richtlinien umzusetzen.» Wie nach 9/11, als alle Flugzeuge Türen, die man nur noch von innen öffnen kann, erhalten haben; das wäre eine solche Aufgabe.

Marion und Kathrin erkannten im Laufe des ersten Ausbildungsjahres, dass die Luftfahrt Arbeitsfelder beinhaltet, die ihnen noch mehr zusagen, und entschieden sich für die Vertiefung Operational Engineering. In diesem Bereich befassen sie sich mit der Infrastruktur von Flughäfen oder der Umsetzung von Vorschriften des Bundesamtes für Zivilluftfahrt. Beide sehen sich nach drei Jahren Studium eher in einer administrativen Tätigkeit. Aufgrund der vielen verschiedenen Tätigkeitsfelder, die sie kennen gelernt haben, fällt es Marion schwer, sich zu entscheiden, was sie nach dem Studium machen soll. «Wir haben alles etwas angeschnitten, aber nichts so richtig vertieft gelernt», sagt sie. Der Studiengangleiter habe sich einmal treffend versprochen: Bei einer Rede sagte er, sie lernten «vo allem nüt, statt vo öppisem alles». Der Beruf Pilotin kommt für sie nicht mehr in Frage, die vielen Abstürze, die sie im Studium analysierten, haben ihr neuen Respekt vor dem Fliegen eingeflösst. «Es können so viele, kleine Dinge schiefgehen.»

Übelkeit im Flugsimulator


Kathrin würde eher ein Wirtschaftsstudium wählen, wenn sie noch einmal von vorne anfangen müsste. Tourismus und Transport an der Hochschule St. Gallen würde sie eher an ihr Ziel bringen, denkt sie. Im Gespräch werfen die beiden nur so um sich mit englischen Begriffen. «Wir kennen die deutschen Fachwörter nicht, oft gibt es gar keine Übersetzung», sagt Marion. In der Aviatik sei die Fachsprache Englisch, somit werden auch die meisten Vorlesungen auf Englisch gehalten. «Man gewöhnt sich dran», meint Kathrin schulterzuckend. Neben der Fremdsprache sollte man Freude an Naturwissenschaften haben, denn auf dem Stundenplan stehen viel Mathematik- und Physikunterricht. In den praktischen Fächern untersuchen sie Flugpläne, planen einen eigenen Flughafenterminal mitsamt Pisten oder düsen im Flugsimulator über die Wolken. «Mir ist dabei schlecht geworden», erzählt Marion und lacht. «Das passiert vielen. Deine Augen sagen dir, du bewegst dich, aber eigentlich stehst du still, das verwirrt.»

Sie zupft ihr blaues Foulard zurecht. Die Kleidung der beiden erinnert an Flugbegleiterinnen. «Das ist unser Frackwochen-Deal», erklärt Kathrin. Während die Männer sich für 100 Tage den Bart wachsen lassen, handelten die Frauen eine Frauenklausel aus. In diesem Jahr heisst das für die Aviatik-Studentinnen, dass sie das Technikum nur mit Foulard, Bluse oder Rock und Lippenstift betreten dürfen. «Wir konnten mitbestimmen, in anderen Klassen läuft das aber nicht immer so demokratisch ab», sagen sie schmunzelnd. Das liege wohl auch daran, dass die Frauen in ihrem Jahrgang knapp 20 Prozent der Studierenden ausmachen. Das ist im Vergleich zu anderen Studiengängen am «Technikum» viel. Für die beiden ist die hohe Männerquote aber kein Problem. «Man stellt sich ja darauf ein, wenn man ans Tech geht», meint Marion. Nach der Frackwoche sind die beiden fertig mit dem Studium und bereit zum Abheben, aber nur was die Karriere betrifft.

Dieser Artikel erschien als Erstpublikation beim Brainstorm.

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