Wirtschafts-Fachhochschulen mit Praxisnähe – der Vorteil für die Studierenden

Prof. Ernst Wüthrich lic. oec. HSG
  • 12.12.2025
  • 6 min
Welche Vorteile hat die deutliche Praxisorientierung einer Wirtschaftsfachhochschule für die Absolvent:innen? Wie kann dieser Vorteil als Argument bei der Stellenbewerbung eingesetzt werden? Wie weit ist arbeitgeberseits dieser Vorteil bekannt und wie weit wird er bei der Einstellung beachtet? Wie können die Fachhochschulen dafür sorgen, dass sie Praxisorientierung leben und diese bekannt sind?

 

Diese Praxisnähe beginnt dadurch, dass die FH-Studierenden bereits Praxiserfahrung mitbringen. Bei der FH (im Folgenden ist damit speziell die Wirtschafts-Fachhochschule gemeint) zeigt sich diese bei der Praxisnähe der Dozierenden und insbesondere in der Betätigung der Schule in Beratung und Weiterbildung für Firmen und andere Organisationen. Das entspricht auch der vom Fachhochschulgesetz verlangten «angewandten Forschung». Und es ist ja der Unterschied zu den Universitäten, denen ansonsten die Fachhochschulen im Status gleichgestellt sind, aber eben «näher bei der Praxis».

Wie lässt sich der Grad des Vorteils an Praxisnähe einer Schule bemessen? Bei der Zusammensetzung der Dozierenden kann auf deren Werdegang geachtet werden. Je näher diese Praxiserfahrung bei der Aufgabe an der Schule ist, desto höher der Praxisnähe-Grad. Wichtiger ist aber die Betätigung der Schule als Ganzes. Und da meine ich einerseits die Bachelor Thesis, die eigentlich die praktische Abschlussarbeit vom Betriebsökonomie-Studium ist. Hier kann die Schule den Kontakt zu Wirtschaft, Verbänden und Verwaltung der Praxis ganz bewusst pflegen und gute Themen, sowie ebenso gute Betreuung der Arbeiten fördern.

Sie muss das aber auch kommunizieren, damit der Vorteil - insbesondere bei der ersten Stellenbewerbungen der Absolvent:innen - auch greift. Ein gutes Instrument dazu ist die Publikation von Bachelor Thesis, soweit der Auftraggeber diese Öffnung erlaubt. Die Praxisnähe zeigt sich am stärksten in Beratungs- und Weiterbildungs-Tätigkeiten der Schule. Dies insbesondere mit Lehrgängen, Seminaren und Workshops für, beziehungsweise mit Führungskräften, die aktuell in der Praxis sind.

Warum ist das so? Eine Kaderkraft, die die kostbare Zeit für eine berufsbegleitende Weiterbildung aufwendet, sucht nicht nur ein Diplom, sondern auch direkt in der eigenen Praxis anwendbaren Nutzen. Das gilt extrem bei Veranstaltungen ohne Diplom, ohne die «Macht» der Kursleitung, dass eine Prüfung zu bestehen ist.

 

In meiner Praxis war das besonders ausgeprägt bei der USS Unternehmerschule Schweiz. Diesen berufsbegleitenden Lehrgang ohne Diplom durfte ich aufbauen, vermarkten und leiten. Dies als Leiter des IBR Institut für Betriebswirtschaft und Weiterbildung der HWV Aargau-Solothurn (Vorläuferin der heutigen FHNW Hochschule für Wirtschaft in Olten). Zur Kundschaft gehörten primär Jungunternehmer, Jungunternehmerinnen sowie KMU-Chefs, also Selbständige mit begrenzter Zeit für Weiterbildung. Diese waren oft in der zweiten Phase nach der Neugründung oder Übernahme eines Unternehmens. Es ging hier um ganz konkrete Hilfe für die eigene Praxis – nicht um zeitkostbares Büffeln für Noten und Diplom, keine diesbezügliche «Macht» der Lehrperson, aber um hohe Erwartungen an dieselbe. Die Dozierenden mussten eine besonders gute Praxiserfahrung aufweisen, beispielsweise in Finanz- und Rechnungswesen aus einer Treuhandgesellschaft. Mein Konzept war, den Stoff ganz auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe abzustimmen. Dabei wandte ich den Lernziel-Ansatz nach Prof. Rolf Dubs (HSG) an. So ging es im Rechnungswesen nicht darum, einen «bilanzsicheren Buchhalter zu machen». Hingegen musste dieser fähig werden, eine Bilanz zu lesen, geeignete Handlungen abzuleiten und anzuwenden. Im Vergleich zum Unterricht mit Vollzeitstudierenden, wo man sagt: «im Buche steht… merkt euch das für die spätere Praxis», konnte man bei den Praktikern an deren Erfahrungsfundus appellieren – gewissermassen die Praxis in die Schulstube holen.

Die Erarbeitung des Kurskonzepts und -programms erfolgte dann auf dieser didaktisch-methodischen Basis in Workshops mit den für diese Lehrgänge Einzusetzenden. Diese sogenannte USS Unternehmerschule Schweiz wurde zu einem grossen Erfolg. Das zeigte sich an der Medienunterstützung und meinem Mitwirken beim «Unternehmerpreis der Jungen Wirtschaftskammer Thun» (Vorläuferveranstaltung des SEF) sowie darin, dass dieser Speziallehrgang auch im Technopark Zürich angeboten werden konnte und Teilnehmende aus der ganzen Deutschschweiz stammten.

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen der Weiterbildung an der FH in Olten wurde diese führend in berufsbegleitenden, zu bezahlenden Lehrgängen für Führungskräfte in aktueller Praxis. Dadurch stieg auch der Selbstfinanzierungsgrad dieser Schule in erfreulichem Masse.

 

Heute frage ich mich: Wird diese Praxisorientierung von den Fachhochschulen mit praxiserprobten Lehrverantwortlichen als Stärke richtig eingeschätzt, ausreichend praktiziert und als Plus kommuniziert? Es steigert deren Image bei den potenziellen Studierenden und auf Arbeitgeberseite erheblich, bringt Weiterbildungskunden und Inputs aus der Praxis, sowie Rückhalt von Wirtschaft, Bevölkerung und Politik. Das ist mindestens so wichtig wie die Anzahl Dr.-Titel bei der Forschung. Es schadet auch nichts, wenn – gerade zwischen Wirtschaftshochschulen – ein gewisser Weiterbildungs-Wettbewerb entsteht, eine Art indirektes, praxisbezogenes Rating.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des 20-Jahr-Jubiläums der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, die am 1. Januar 2006 ihren Betrieb aufnahm.

 

Prof. Ernst Wüthrich lic. oec. HSG arbeitete nach seinem Studium in der Privatwirtschaft, darunter im Marketingmanagement bei Coca-Cola und Rivella sowie in der Marktforschung bei Nielsen und IHA. Er baute ab 1987 das Institut IBR an der damaligen HWV Olten auf, um Unternehmerinnen und Unternehmern eine praxisbezogene Weiterbildung anzubieten. Dazu dozierte er an der HWV Olten und späteren FHNW.

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