Spielzeugpuppen für Hamburg, Berlin und London


Redaktion FH SCHWEIZ | Redaktion | FH SCHWEIZ27.11.2019

2016 lancierte sie «I’m a Girly» und drängt seither in den weltweiten Spielzeugmarkt. Theresia Le Battistini will die Kindheit von Mädchen und Jungs etwas verlängern, wie sie sagt. Eine Begegnung.

Lucy trägt eine schwarze Bikerjacke, Jasmin ein elegantes Galakleid. Lucys Haar ist glatt und lang, Jasmins lockig und wild. Beide lieben Mode und beide sind Puppen der Marke «I’m a Girly» aus Zürich. Die Puppen sind knapp 50 Zentimeter hoch und begeistern Mädchen und Jungs in halb Europa. Mit ihnen tritt Theresia Le Battistini gegen Spielzeug-Giganten wie Mattel und Hasbro an – und zeigt: Mit einer guten Idee erobert man die Welt.

Die FH-Absolventin gründete «I’m a Girly» vor drei Jahren. Damals hatte sie noch kaum Ahnung von Puppen, aber sie wusste genau, was sie wollte. «Bei ‹I’m a Girly› geht es nicht nur um die Puppe. Wir erschaffen eine Erlebniswelt», sagt sie. Das heisst zum Beispiel: Jede Puppe hat einen eigenen Charakter, der in einem Steckbrief ausformuliert ist. Die Kinder versuchen sich als Stylisten und wählen den zum Charakter passenden Look. Sie probieren mal das eine Outfit, mal das andere; sie überlegen, was zu Lucy oder zu Jasmin passt, und finden ganz neue Kombinationen – und hierfür bietet «I’m a Girly» die Kleider, Schuhe, Taschen und den Schmuck. «Die Puppe neu einkleiden, frisieren, schmücken, Geschichten darüber erfinden, die Geschichten weitererzählen, sich mit Freundinnen austauschen, Spass daran haben. Das ist die Idee», betont die Jungunternehmerin.


Sicheren Job bei Bank aufgegeben

Für diese Idee liess die 39-Jährige einiges hinter sich, auch einen tollen Job bei einer Bank. Es ist Ende 2015: Die FH-Absolventin war gerade Mutter geworden und befand sich im Mutterschaftsurlaub. «Ich stellte mir bereits seit einiger Zeit die Frage, ob es das nun gewesen sei: gute Ausbildung, guter Job, guter Verdienst, viel Sicherheit. Ich beschäftigte mich in der Bank vor allem mit Zahlen, meine Neigung für Farben, Formen und Komposition kam zu kurz.» Sie sei damals mit ihrer Tochter in einem Spielzeugladen gewesen und habe verwundert realisiert, dass die Puppen noch immer so aussahen wie früher. «Dieses Erlebnis krallte sich in mir fest, es gärte eine Zeit lang vor sich hin, und dann hat es Klick gemacht: Die Idee zu ‹I’m a Girly› war da. Ich sah eine Möglichkeit, meine kreative Seite auszuleben.» Sie habe sich dann mit dem Puppenmarkt beschäftigt, viel analysiert, sich umgehört und Fachleute befragt. «Wie ich zu recherchieren hatte, wusste ich aus meinem Job in der Bank. Ich sprach auch mit meiner Familie und fragte meine Freundinnen nach ihrer Einschätzung. Und bald war mir klar: Die Idee passt, ich muss diese Chance packen!»

Sie kündigte noch im Mutterschaftsurlaub ihren Job und entschied sich, Unternehmerin zu werden. Damit wandte sie sich gegen die Sicherheit, was ihr jederzeit bewusst war. «Es gab natürlich Personen, die mir davon abrieten. Sie sagten, ich sei verrückt. Anderseits: Mein Ehemann hielt zu mir, er spürte, dass es das Richtige für mich war, und das war zentral. Wir waren beide bereit, mit weniger Geld auszukommen.»


Kinder entwickeln für Kinder

Theresia Le Battistini besitzt eine gewinnende Art. Sie sprüht vor Energie und kann mit ihrer Begeisterung andere mitreissen. Sie sagt, sie sei hartnäckig und unermüdlich, wenn es darum gehe, etwas zu erreichen, was sie anstrebe. Wenn sie sich für etwas entschieden habe, gebe sie alles dafür. «Das ist ein Vorteil, wenn man sich auf ein Abenteuer wie die Gründung eines Startups einlässt.» Und diese Eigenschaft hatte ihr schon Jahre zuvor genützt: Nach der KV-Lehre entschied sie sich für das berufsbegleitende Betriebsökonomiestudium an der HWZ in Zürich. «Ich arbeitete seinerzeit Vollzeit bei einer Telekom-Firma. Daneben studierte ich und wollte zudem etwas vom Leben haben. Es war nicht einfach, alles unter einen Hut zu bringen, aber ich zog es durch.» Sie sei keine Perfektionistin, und das erachte sie als Vorteil. Man müsse Prioritäten setzen können und sich auf das Wesentliche konzentrieren. So sei man in der Lage, hohe Belastungen über längere Zeit auszuhalten. Sich in Details zu verlieren, sei hingegen kontraproduktiv.

Mittlerweile ist Theresia Le Battistini zweifache Mutter. Ihre Arbeitstage seien gespickt mit Entscheidungen, und zu entscheiden gebe es einiges, und das vom ersten Tag von «I’m a Girly» an. Nach der Gründung folgte eine einjährige Phase der Produktentwicklung und Markenpositionierung. «Unser Zielpublikum sind Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. Darum haben wir die Puppen und Accessoires von Beginn weg mit Kindern in diesem Alter entwickelt. Sie haben uns verraten, wie Puppen und Accessoires aussehen müssten, damit sie damit spielen würden. Diese Ideen haben wir anschliessend so gut wie möglich umgesetzt.» Hergestellt werden die Puppen und Accessoires in China, wo der Grossteil der Spielwaren produziert wird. «Ich hatte kein Know-how auf diesem Gebiet. Ich flog nach Hong Kong und liess mich vor Ort in die Herstellung von Puppen einführen. Für mich war alles neu. Ich musste Produzenten auswählen und Verhandlungen führen. Ich war sehr gefordert. Ich musste viel aufnehmen und rasch lernen. Das war ein Kraftakt.»

Nach einem Jahr war es schliesslich geschafft. Drei fertige Puppen und 120 Accessoires landeten in Zürich. «Stellen Sie sich die Begeisterung vor, als die Ware in unserem Büro ankam. Das ist ein Moment, den ich nie vergessen werde», sagt die Unternehmerin mit Stolz im Gesicht. «Ich habe alles selber finanziert. Mein Mann und ich haben dafür auf ein Eigenheim verzichtet. Als die Puppen da waren, wussten wir wofür.»


Startup schafft Arbeitsstellen 

Planen kann man vieles, aber nicht alles. Und bisweilen gibt das Glück den entscheidenden Ausschlag: Zur Lancierung der drei ersten Puppen organisierte die Jungunternehmerin eine Party in Zürich. Mitarbeitende des Traditionshauses Franz Carl Weber bekamen Wind davon und schauten vorbei. Sie waren von den Puppen derart begeistert, dass sie sie gleich ins Sortiment aufnahmen, und zwar für das nahende Weihnachtsgeschäft. «So sind wir in der Retail-Welt gelandet, per Zufall sozusagen», erzählt Le Battistini nüchtern. «Ursprünglich wollte ich einzig auf Online-Shopping setzen, und dann Franz Carl Weber. Vom Einzelhandelsverkauf hatte ich keine Ahnung. Ich stand erneut vor Herausforderungen.
Und auch das habe ich geschafft.»

Glück und rasches Reagieren auf Herausforderungen seien zwei wichtige Gründe für das schnelle Wachstum ihres Startups, ist die FH-Absolventin überzeugt. Wichtig war auch die Präsenz an der Nürnberger Spielwarenmesse einige Monate später. «I’m a Girly» ergatterte in letzter Sekunde einen Ausstellerplatz und musste in kurzer Zeit einen Stand kreieren, abermals eine neue Herausforderung. Und so ging es Schlag auf Schlag weiter. «Es kam immer etwas Neues auf mich zu, und das ist heute nicht viel anders.» Der grosse Unterschied sei jedoch, dass sie heute von zwölf Vollzeitangestellten unterstützt werde, das gebe ihr Raum und Luft. «Das Startup ist sehr rasch gewachsen. Unsere Puppen gibt es inzwischen nicht nur in der Schweiz, auch in Hamburg, Berlin, London und bald in Frankreich. Dass ‹I’m a Girly› zum Beispiel im Warenhaus Harrods in London zu finden ist, ist sehr wichtig. Diese Präsenz öffnet neue Türen. Im kommenden Jahr wage ich den Sprung in die
USA. Das ist ein Milliardenmarkt.»

Neben dieser Absatzförderung blieb die Entwicklung neuer Produkte keinesfalls still. Kürzlich konnte die Unternehmerin «I’m a Stylist Styling-Head» vorstellen, einen speziellen Puppenkopf, an dem sich die Kinder im Frisieren und Schminken üben können. «Unser Kopf bietet neue Möglichkeiten und zeichnet sich durch besondere Qualität aus. Und auch dieses Produkt entwickelten wir mit dem ‹Kids4Kids»-Ansatz. Zwischenzeitlich unterstützen uns auch Mädchen und Jungs aus London und Berlin bei der Produktentwicklung. Sie liefern die Ideen für die neuen Modekollektionen, die wir jährlich auf den Markt bringen.»


Etwas Kindheit zurückgeben

Theresia Le Battistini ist eine erfolgreiche Startup-Gründerin. Sie ging ein grosses Risiko ein, das sich ausgezahlt hat. Sie gehe gerne zur Arbeit, sagt sie, das könne man als Detail abtun, aber für sie sei das wesentlich. Sie arbeite an neuen Produkten und hecke neue Konzepte aus, das bereite ihr viel Genugtuung. Ausserdem gebe sie den schnell heranwachsenden Kindern etwas Kindheit zurück, weg von der Paukerei für die Schule und all den anderen Ablenkungen. Wenn sie die Freude in ihren Gesichtern sehe, dann wisse sie: «Ich mache etwas, das Kinder glücklich macht.»


Dieser Beitrag erschien als Erstpublikation im Magazin INLINE November 2019.

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