Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Medizin - Bachelorarbeit mit zwei Awards ausgezeichnet


Lena Pritz | Studentin | FHNW22.07.2020

In ihrer Bachelorarbeit untersuchte Lena Pritz die interprofessionelle Zusammenarbeit von Pflege- und Sicherheitsmitarbeitenden auf der Bewachungsstation am Inselspital Bern und wurde dafür gleich zweifach ausgezeichnet. Die Absolventin der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW erhielt für ihre Arbeit den Human Resource-Preis 2019 von der Hochschule für Wirtschaft FHNW als auch den HR-Award 2020 von der Basler Gesellschaft für Personalmanagement verliehen. Lena Pritz gewährt uns an dieser Stelle einen Einblick in ihre Untersuchung und in ein aussergewöhnliches Untersuchungsfeld.

Auf den ersten Blick sieht der lange Korridor mit Stations-, Arzt- und Patientenzimmern aus wie jede andere Krankenstation. Erst auf den zweiten Blick fallen die schweren Metalltüren auf, die jeden Tag 23 Stunden verriegelt bleiben. Es ist 8 Uhr morgens und ausgesprochen ruhig - ruhiger als ich es auf einer solchen Station erwartet hätte. Die Station verzeichnet heute drei «geschlossene Türen», so viele wie schon lange nicht mehr, wurde mir gesagt. Eine «geschlossene Tür» bedeutet höchste Sicherheitsstufe. Soll eine solche Zelle von der Pflege oder vom Oberarzt betreten werden, dann nur unter Begleitung und Aufsicht von Sicherheitsmitarbeitenden. 


Die Tagesleitung der Pflege ist heute gleich für zwei Patienten mit der höchsten Sicherheitsstufe zuständig. Das Frühstück steht an. Die Pflegefachfrau reicht dem Patienten in Zimmer 128 das Frühstücks-Tablet und die Medikamente durch die Durchreichklappe. Drei Sicherheitsmitarbeitende, mit Handschellen und Pfefferspray ausgerüstet, stehen in unmittelbarer Nähe und beobachten jede Bewegung des Inhaftierten ganz genau. Die Zimmerlampe einer weiteren Zelle leuchtet im Stationskorridor rot auf. Ein selbst- und fremdgefährdeter Patient verlangt zum wiederholten Mal durch das Sichtfenster nach Zigaretten. Die Pflegefachfrau weist den aufgebrachten Mann geduldig auf das strikte Rauchverbot und auf die bevorstehende medizinische Untersuchung hin. Die Stimmung ist angespannt. Die Zellentür 125 wird aufgeschlossen. Zwei Aufsichtsmitarbeitende begleiten die Pflegefachfrau in die Zelle, die dritte Person sichert den Bereich bei der Türe und beim Korridor. Blutdruck, Puls und Temperatur werden gemessen - alles unauffällig, alles in Ordnung.


Eine herausfordernde Zusammenarbeit in einem aussergewöhnlichen Untersuchungsfeld

Die Bewachungsstation ist ein Spitalgefängnis auf dem Inselareal und hat den Auftrag, Inhaftierten aus inner- und ausserkantonalen Justizvollzugsanstalten eine adäquate medizinische Versorgung bei akuter Erkrankung oder Verletzung zukommen zu lassen. Dieser kurze atmosphärische Ausschnitt aus einer meiner Ganzschichtbeobachtungen verdeutlicht, dass dieses komplexe Handlungsfeld eine enge und reibungslose Zusammenarbeit zwischen den zwei beteiligten Berufsgruppen, den Pflegefachpersonen und den Sicherheitsmitarbeitenden, verlangt.


Interprofessionelle Kompetenz als eine professionelle Haltung 

In meiner Arbeit verfolgte ich das übergeordnete Ziel, die interprofessionelle Kompetenz aller Beteiligten zu steigern oder anders formuliert, die Zusammenarbeit auf der Bewachungsstation langfristig zu verbessern. Interprofessionelle Kompetenz verstehe ich dabei als eine professionelle Haltung und zeichnet sich durch Akzeptanz und Toleranz fremder Denk- und Verfahrensweisen sowie Wertschätzung gegenüber der anderen Berufsgruppe aus. Interprofessionelle Kompetenz ist dann erreicht, wenn sich Mitarbeitende der Perspektive des eigenen professionellen Denkens und Handelns bewusst werden und mithin die Erkenntnis gewinnen, dass das andere Team nun mal einer anderen Profession angehört, von einem anderen Standpunkt beobachtet und eine andere Sichtweise hat. Dieses Andere ist demnach nicht falsch oder richtig im Vergleich zum eigenen, sondern eben different.


Spannungsfelder abbauen und interprofessionelle Kompetenz steigern

Die qualitative Ursachenanalyse aus Ganzschichtbeobachtungen, Experten-, und halbstandardisierten Interviews halfen mir in einem ersten Schritt, die zentralen Spannungsfelder und Brennpunkte in dieser aussergewöhnlichen Kooperation zu verstehen. Es zeigte sich, dass unter anderem die Herausforderung nicht-geteilter Informationen durch Berufsgeheimnisse, subtile Machtunterschiede zwischen den Teams oder auch die erschwerte Vereinbarkeit der Fachaufträge, die Zusammenarbeit erschweren. Basierend auf diesen Erkenntnissen, entwickelte ich in einem zweiten Schritt konkrete Vorschläge, wie diese Spannungen nachhaltig abgebaut werden können. Mit der Umsetzung der formulierten Handlungsempfehlungen strebte ich nicht nur das Ziel an, die interprofessionelle Kompetenz nachhaltig zu steigern, sondern auch mitarbeiterbezogene Effekte wie eine höhere Arbeitszufriedenheit oder ein höheres Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem anderen Team.


An dieser Stelle bedanke mich nochmals herzlichst bei der Basler Gesellschaft für Personalmanagement und der Hochschule für Wirtschaft FHNW für die wertschätzende Auszeichnungen. Vielen Dank!

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