Richtig reagieren unter Stress: Notfalltauglichkeit in Blaulichtorganisationen

Fabian Caneve und Patrick Boss
Psychologie ZHAW | FH-Absolvent
  • 13.01.2020
  • 7 min
In der Schweiz sind die Blaulichtorganisationen von Kanton zu Kanton unterschiedlich organisiert und so zeigen sich auch Unterschiede beim Vorgehen bei der Rekrutierung und Auswahl des zukünftigen Personals. Einige Arbeitgeber setzen dabei auf stark selektive Assessments, andere verlassen sich mehr auf die Erfahrung und das Bauchgefühl der Personalverantwortlichen. Bewusst ist jedoch allen, dass die Ausübung von Blaulicht-Berufen besondere Anforderungen an die Persönlichkeit stellt.

In der Schweiz sind die Blaulichtorganisationen von Kanton zu Kanton unterschiedlich organisiert und so zeigen sich auch Unterschiede beim Vorgehen bei der Rekrutierung und Auswahl des zuk√ľnftigen Personals. Einige Arbeitgeber setzen dabei auf stark selektive Assessments, andere verlassen sich mehr auf die Erfahrung und das Bauchgef√ľhl der Personalverantwortlichen. Bewusst ist jedoch allen, dass die Aus√ľbung von Blaulicht-Berufen besondere Anforderungen an die Pers√∂nlichkeit stellt. Hardegger und Boss (2018) vom IAP Institut f√ľr Angewandte Psychologie der ZHAW Z√ľrcher Hochschule f√ľr Angewandte Wissenschaften identifizierten f√ľnf spezifische Anforderungsdimensionen, welche sie in ihrem¬†Safe Five¬†Modell beschreiben: Situation Awareness, Regelkonformit√§t, Kritische Grundhaltung, Expositionsbereitschaft und Notfalltauglichkeit. In der hier referierten Studie ging es darum letztere Dimension genauer zu definieren. Im Modell wird sie folgendermassen umschrieben:

Notfalltauglichkeit bezeichnet das zielorientierte Handeln ausserhalb des gewohnten Kontextes. Es geht also darum, in sehr anforderungsreichen oder Unsicherheit erzeugenden Situationen mit grossem Zeit- und/oder Handlungsdruck zu entscheiden und zu handeln und dabei innert n√ľtzlicher Frist auf einen sicheren und stabilen Systemzustand hinzuwirken. (Hardegger & Boss, 2018, S. 92)

¬ęStress macht dumm¬Ľ

Stress beeinflusst unsere kognitiven Prozesse und hat so einen grossen Einfluss darauf, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die subjektiv-psychologische Intensit√§t der aversiven Reize (Birbaumer & Schmidt, 2010). So haben zum Beispiel Zeitdruck und Eile zur Folge, dass man eine Situation nicht mehr richtig und umfassend einsch√§tzen kann und deshalb wichtige Merkmale einer Notsituation √ľbersieht, was zu Fehlentscheiden und Fehlhandlungen f√ľhren kann (Darley & Batson, 1973).

Betrachtet man Notfalltauglichkeit √ľber das Handeln in kritischen Situationen hinausgehend, spielt auch der langfristige Umgang mit Belastungen, die Resilienz, eine wichtige Rolle. Studien zeigen auf, dass sich diese insbesondere aus der erfolgreichen Bew√§ltigung risikoreicher Situationen entwickelt (Fr√∂hlich-Gildhoff & R√∂nnau-B√∂se, 2015). Ein Beleg daf√ľr liefert auch eine k√ľrzlich durchgef√ľhrte Untersuchung an Schweizer Rettungsdienstpersonal, welche aufzeigt, dass Rettungssanit√§ter*innen eine h√∂here Auspr√§gung in Resilienz haben als die Normalbev√∂lkerung (Cajoos & von Tavel, 2019). Einen wichtigen Einfluss darauf, wie Mitarbeitende von Blaulichtorganisationen mit kritischen Ereignissen umgehen, haben nicht zuletzt auch Pers√∂nlichkeitseigenschaften (Klee & Renner, 2013).

Episodische Interviews als Zugang zur persönlichen Erlebnisrealität

Mit je zwei Vertretenden aus Rettungsdienst, Polizei, Berufsfeuerwehr und Notarztdienst f√ľhrte der Erstautor ein episodisches Interview. Aus den Einzelfallanalysen ergaben sich 11 Kategorien aus denen sich die Notfalltauglichkeit zusammensetzt. Mittels des systematischen Paarvergleiches wurde anschliessend die Rangreihenfolge der Wichtigkeit dieser elf Faktoren bestimmt. Dazu bearbeiteten 350 Mitarbeitende von Blaulichtorganisationen (Polizei¬†n¬†= 163, Rettungsdienst¬†n¬†= 134, Feuerwehr und Notarztdienst¬†n¬†= 53) einen Online-Fragebogen, in welchem sie jeweils entscheiden mussten, welche von zwei Verhaltensweisen oder Eigenschaften f√ľr sie subjektiv eher dem Konzept Notfalltauglichkeit entspricht. Durchschnittlich verf√ľgten die Studienteilnehmenden ‚Äď 102 davon waren weiblich ‚Äď √ľber mehr als 13 Jahre Berufserfahrung und waren zum Zeitpunkt der Befragung knapp 40 Jahre alt.

Notfalltauglichkeit als pragmatische Entscheidungsfähigkeit

Die Häufigkeitsauszählung der Wichtigkeitsurteile zeigte, dass die Entscheidungsfähigkeit mit 13.3% auf dem ersten Platz liegt. Gefolgt von der schnellen Auffassungsgabe mit 11% und dem Pragmatismus mit 10.5% der Urteile. Diese drei Kompetenzen scheinen im Notfall eine tragende Rolle zu spielen. Das Schlusslicht bildeten die Kompetenzen Lernfähigkeit mit 5.5% und die Distanzierungsfähigkeit mit 5% der Stimmen. Eine konkrete Massnahme, welche basierend auf den Studienergebnissen umgesetzt werden könnte, ist ein Entscheidungs-Training. Ziel davon ist, dass angehende Mitarbeitende darauf trainiert werden, schnelle Entscheidungen zu fällen, damit die Situation nicht stehen bleibt und alle Beteiligte in eine Handlung kommen. Zudem scheint es ebenso wichtig zu sein, dass man in der Notfallsituation eine pragmatische, stimmige Lösung findet. Dies kann auch bedeuten, dass man von gelernten Abläufen und Handlungen abweichen muss, um unter den gegebenen Umwelt- und Zeitaspekten das Bestmögliche zu leisten.

Uniform ist nicht gleich Uniform

In der Auswertung zeigten sich bei den Berufsgruppen der Rettungssanit√§ter*innen und Polizisten und Polizistinnen kleine signifikante Unterschiede in der Gewichtung einzelner Kompetenzen. So findet man bei der Polizei die Handlungsf√§higkeit auf dem dritten Rang, im Rettungsdienst auf dem sechsten. Ein Grund daf√ľr kann sein, dass Polizist*innen oft als erste auf einem Schadensplatz eintreffen und von ihnen sofortiges Handeln verlangt wird. Weiter wurde bspw. die Team- und Kommunikationsf√§higkeit beim Rettungsdienst signifikant h√∂her eingestuft als bei den Kolleginnen und Kollegen der Polizei. Auch hier k√∂nnen verschiedenste Gr√ľnde die Ursache sein: So werden beispielsweise bei gr√∂sseren Ereignissen Personen aus dem Rettungsdienst schneller von anderen Partnerorganisationen unterst√ľtzt oder es kommt Unterst√ľtzung von not√§rztlicher Seite, sodass sofort eine Anpassung der Teamkonstellation und Kommunikation vorgenommen werden muss. Weiter sprechen Rettungssanit√§ter*innen w√§hrend eines Einsatzes mit verschiedensten Gruppen wie Patienten, Angeh√∂rige oder sp√§ter bei der √úbergabe im Spital mit Fachpersonen. Dabei m√ľssen sie ihren Sprachgebrauch immer der Situation anpassen. ¬†

Fazit

Die Ergebnisse dieser Arbeit liefern einen ersten Anhaltspunkt , welche Kompetenzen im Einsatz eine tragende Rolle spielen. Sie decken sich teilweise auch mit denen von Ripley (1994) aufgef√ľhrten Eigenschaften erfolgreicher Feuerwehrleute, wie zum Beispiel Flexibilit√§t, praktische Veranlagung oder Entscheidungsfreudigkeit. Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse lassen sich bei der Selektion oder im Training einsatzbezogene, berufsgattungsspezifische Schwerpunkte setzen. Die einseitige Ausrichtung der Studie auf das Verhalten im Notfall f√ľhrte dazu, dass gewissen Kompetenzen wie der Lern- oder der Distanzierungsf√§higkeit eine geringere Bedeutung zugeschrieben wurde. Das heisst jedoch nicht, dass diese grunds√§tzlich f√ľr eine erfolgreiche Berufsaus√ľbung unwichtig w√§ren. So kommt die Lernf√§higkeit haupts√§chlich w√§hrend der Ausbildung und den Trainings zum Tragen und die Distanzierungsf√§higkeit hilft dabei, belastende Erlebnisse besser verarbeiten zu k√∂nnen.

QUELLEN

Birbaumer, N.-P. & Schmidt, R. F. (2010).¬†Biologische Psychologie¬†(Springer-Lehrbuch) (7., √ľberarb. und erg. Aufl.). Heidelberg: Springer.

Cajoos, V. & von Tavel, I. (2019). Wie widerstandsf√§hig sind die Profis wirklich?¬†punktum, (1), 25‚Äď26.

Darley, J. M. & Batson, C. D. (1973). ‚ÄěFrom Jerusalem to Jericho‚Äú: A study of situational and dispositional variables in helping behavior.¬†Journal of Personality and Social Psychology,¬†27¬†(1), 100‚Äď108. doi:10.1037/h0034449

Fr√∂hlich-Gildhoff, K. & R√∂nnau-B√∂se, M. (2015).¬†Resilienz¬†(UTB) (4., aktualisierte Auflage., Band 3290). M√ľnchen: Ernst Reinhardt Verlag. Zugriff am 14.11.2018. Verf√ľgbar unter: http://sfx.ethz.ch/sfx_locater?sid=ALEPH:EBI01&genre=book&isbn=9783825245191

Hardegger, S. C. & Boss, D. P. (2018). Kompetenzen in der Welt der Sicherheit.¬†KMU-Magazin, 90‚Äď93.

Klee, S. & Renner, K.-H. (2013). In search of the ‚ÄúRescue Personality‚ÄĚ. A questionnaire study with emergency medical services personnel.¬†Personality and Individual Differences,¬†54¬†(5), 669‚Äď672. doi:10.1016/j.paid.2012.11.006

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