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Recycelte Prothesen: Neue Beine aus Kunststoffverpackungen

Simon Oschwald hat mit seinem ehemaligen Mitstudenten Fabian Engel eine Unterschenkel-Prothese aus recycelten Kunststoffverpackungen entwickelt. Damit wollen sie ein Produkt schaffen, das der riesigen Nachfrage und den geringen Mitteln gewisser afrikanischer Länder gerecht wird. Vor drei Jahren haben sie in ihrer Bachelorarbeit die Konturen gezeichnet, nun nimmt das Produkt Form an – ist allerdings noch zwei Schritte vom Markteintritt entfernt. Was Simon antreibt, mit dem Startup weiterzumachen, erzählt er im Interview.

Simon, wie kommt man auf die Idee, eine Prothese zu designen?

Begonnen hat alles mit Müll. Genauer gesagt mit «thermoplastischem post-consumer»-Kunststoff. So werden die Kunststoffverpackungen genannt, die von uns Konsumenten gekauft und meistens sofort wieder weggeworfen werden. Als Industriedesigner faszinierte Fabian und mich die Idee, aus diesen Kunststoffmassen ein sinnvolles Produkt zu gestalten. Es soll im Industrie- und Produktdesign nicht nur um Konsum gehen. Unsere Vision ist es, unser Wissen zu nutzen, um etwas zu verändern. Auf einer Reise nach Indien begegneten wir einem Projekt, das Kunststoffprothesen herstellt. Nach kurzer Recherche war klar: Die Nachfrage nach Prothesen ist enorm. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit 35 Millionen Menschen eine Prothese oder Orthese benötigen.

 

Wo steht ihr heute?

Im Moment befinden wir uns an einem extrem spannenden Punkt: Die Transformation vom Prototyp zur Industrialisierung steht bevor. Wir waren soeben in Ostafrika, wo wir lokal die Produktions- und Wertschöpfungskette aufbauen. Es ist uns wichtig, dass die Herstellung vor Ort stattfindet. Das differenziert Circleg von anderen Prothesen, die in Afrika genutzt werden. Diese werden nämlich importiert. Es gibt oft Lieferverzögerungen, was problematisch sein kann.

Wir haben vor Ort zudem die letzten Feedbacks zu unserem Prototyp eingeholt. Die Prothesen sollen längerfristig zum Einsatz kommen. Also zum Beispiel Modular aufgebaut sein. Somit können Einzelteile, wie beispielsweise das Prothesenknie oder der -Fuss, ersetzt werden, wenn diese verbraucht sind. Das ist ebenfalls ein Unterschied zu den herkömmlichen Prothesen in Afrika. Gewisse Hilfsorganisationen profilieren sich damit, dass sie tausende von Prothesen verteilen. Dass diese bereits mittelfristig unbrauchbar sind, erzählen sie niemandem.

 

Ihr arbeitet seit drei Jahren daran, eure Idee zu verwirklichen. Unterdessen besteht Project Circleg aus einem sechsköpfigen Team. Wie finanziert ihr euch?

Wir haben das Glück, dass wir von grossen Schweizer Stiftungen unterstützt werden. Mit der Zeit möchten wir jedoch sowohl selbstlaufend vor Ort als auch selbsttragend werden. Wir haben uns deshalb auf unserer Reise viel Zeit für die Kundenakquise genommen und diverse Spitäler sowie Organisationen besucht.

 

Du hast in einem Medienbeitrag gesagt, dass die Umsetzung eurer Idee viel komplexer sei, als zuerst gedacht. Was motiviert dich, das Projekt trotzdem weiterzuverfolgen?

Gerade diese Komplexität ist es, die unser Team antreibt. Darin liegt nämlich das Potenzial. Wir wollen ein gutes, nachhaltiges medizinisches Produkt lokal produzieren und es möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Das ist vielschichtiger, als wir uns am Anfang vorgestellt haben: Es beinhaltet nicht nur ein Produkt, sondern der Aufbau eines ganzen Systems rundherum. Es geht sogar so weit, dass lokale Medizinschulen das Circleg System in das Curriculum der Orthopädieausbildung aufnehmen wollen – was eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Versorgung gewährleisten würde.
Gleichzeitig motiviert es wahnsinnig, wenn wir sehen, was wir bewirken können. Die Leute sind extrem dankbar und die Nachfrage enorm. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Leute ein Bein brauchen. Wir besuchten eine kleine Werkstatt in Nairobi, die Prothesen herstellt. Diese allein hat eine Warteliste von über 800 Personen.

 

Simon, deine Begeisterung ist nicht zu übersehen. Gab es trotzdem Momente, in denen du Lust hattest, alles hinzuschmeissen?

So weit ist es nie gekommen. Es gab Momente, da dachten wir: «Das schaffen wir nicht. Das wird uns zu gross.» Die Leute haben Hoffnung, nehmen die Ideen und Erkenntnisse sogar in die Ausbildung auf, die Spitäler wollen das Produkt kaufen. Da haben wir schon zeitweise Angst vor der Verantwortung bekommen. Unser Teamspirit ist «Go for it»: Wir haben diese Momente schnell überwunden und weitergearbeitet.

 

Ihr habt das Projekt als Freunde aufgebaut. Gibt es da manchmal Zoff?

Klar, aber das Gute ist: Wir pflegen einen mega intensiven Austausch. Alle paar Monate machen wir im Team einen Check-up-Day. Da spricht jeder darüber, wie es ihr oder ihm geht, was nervt und wie sie oder er zum Projekt steht. Dadurch werden die heiklen Themen angesprochen und meist gelöst. Wir haben ein super Team und erleben viel miteinander. Dadurch wachsen wir zusammen und über uns hinaus. Eigentlich ist es «Arbeiten mit Freunden» und das macht einfach Spass.

 

Das tönt jetzt ein bisschen nach heiler Welt.

Ja, weil es für uns passt. Aber es würde sicher nicht für jeden stimmen. Jedes Teammitglied muss viel Verantwortung übernehmen und sich selber eine Struktur geben. Wir haben keine Chef:innen. Der Antrieb muss von jeder und jedem Einzelnen kommen.

 

Was gibst du anderen mit, die eine Projektidee haben?

Machen, einfach machen! Es gibt immer ein «Wenn und Aber», es ist immer zu gross, trotzdem: Lege einfach los! Man wächst ja an und mit dem Projekt. Wir sind zwar mit einer gewissen Naivität an das Project Circleg, aber mit genauso viel Drive und Motivation und das hat uns einige Türen geöffnet.

 

Dieses Interview erschien als Erstpublikation auf watson.

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