Raus aus der Übungskabine, rein in die Internationalen Kurzfilmtage – Dolmetscherinnen im Einsatz

Sokhawy Lo
Studentin Master Angewandte Linguistik, Vertiefung Konferenzdolmetschen
  • 19.02.2024
  • 12 min
Studentinnen des Masters Konferenzdolmetschen durften an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur die Preisverleihung verdolmetschen. Sokhawy Lo hat ihre Studienkolleginnen bei ihrem Dolmetsch-Volontariat begleitet.

Sie berichtet von der Arbeit im Dunkeln, von technischen Schwierigkeiten und ungeplanten Sprachwechseln auf der Bühne. Und, wie die zwei dank guter Vorbereitung, Gelassenheit und maximaler Flexibilität auch unvorhergesehene Herausforderungen meistern.

Es regnet in Strömen. Auf dem Weg zum Kurzfilmfestival begegne ich an diesem Sonntagabend einer bunten Mischung aus Filmliebhaber: innen, die sich auf den Weg zur Preisverleihung der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur machen. Um 17:30 Uhr treffe ich Lena Küng und Lynn Gerlach beim Eingang zum Kesselhaus in Winterthur. Lena und Lynn studieren wie ich den Master Konferenzdolmetschen und werden an den Kurzfilmtagen die Preisverleihung verdolmetschen.

Die Zauberworte: “Wir sind die Dolmetscherinnen”

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Kinosaal, in dem die Preisverleihung stattfindet. Vor dem Eingang hat sich bereits eine Menschentraube gebildet. Das Abgrenzungsband ist gezogen und die Türen zum Saal sind noch geschlossen. Doch wir haben heute einen Sonderstatus. Wir schlängeln uns an den Besucher: innen vorbei, umgehen das Abgrenzungsband und öffnen die Tür. Drinnen bleibt das nicht unbemerkt. Jemand vom Organisationskomitee spricht uns an. Die Zauberworte «Wir sind die Dolmetscherinnen» von Lena öffnen uns aber alle Türen.

Plakat Internationale Kurzfilmtage Winterthur 2023
Plakat Internationale Kurzfilmtage Winterthur 2023
Anmeldung bei der Technik
Anmeldung bei der Technik

Ein Blick hinter die Kulissen

Kurz darauf stehen wir im grossen Kinosaal. Die Kopfhörer der Personenführungsanlage, Bidule oder Flüsteranlage genannt, liegen auf der Treppe bereit.

Die fleissigen Helfer: innen schwirren emsig im Saal herum und treffen die letzten Vorbereitungen. Als erstes melden wir uns beim Pult der Organisator: innen an und Lynn und Lena klären die für Dolmetschende wichtigen Fragen:

  • Wo werden wir arbeiten?
  • Wurden Mikrofone und Kopfhörer getestet?
  • Auf welchem Kanal hört das Publikum die Verdolmetschung vom Deutschen ins Englische?
  • Haben wir genĂĽgend Licht?

Bernhard hat die Anlage getestet. Nur das Licht ist im dunklen Kinosaal noch ein Problem. Er wird den Dolmetscherinnen noch eine Taschenlampe besorgen.

Lynn und Lena nehmen ihre Mikrofone entgegen und Bernhard begleitet sie zu ihren «Arbeitsplätzen». Zwei Sitze hinten rechts im Saal, in der zweitletzten Reihe. Sie sind etwas abseits vom Rest des Publikums, bieten jedoch eine gute Übersicht über den Saal und vor allem direkte Sicht auf die Bühne.

Die Ruhe vor dem Sturm

Ausgerüstet mit ihren Computern, einer Kabelleiste, den ausgedruckten Texten sowie ihren Mikrofonen richten sich Lena und Lynn fürs Dolmetschen ein. Während Lena ihre Notizen durchgeht, holt Lynn Sandwiches und etwas zu trinken. Als Dolmetscher:in weiss man nie, wann es an einer Veranstaltung die nächste Möglichkeit gibt, etwas zu essen zu bekommen. Und Dolmetschen mit leerem Magen macht keinen Spass. Als sie zurück ist, besprechen sie, wer zuerst dolmetscht und wie lange. Gemeinsam gehen sie nochmals die Namen der Gewinner:innen durch. Zum Glück bringt Bernhard ihnen in diesem Moment gerade die neue Version der Texte vorbei. Mit ihm stellen sie sicher, dass sie die Namen für die Verdolmetschung alle korrekt aussprechen.

Vor dem Dolmetsch-Einsatz – Kinosaal, in dem die Preisverleihung stattfindet;
Besprechung mit Techniker (v.l.n.r.: Bernhard Michel, Lena Küng, Lynn Gerlach)
Lynn und Lena bei letzten Vorbereitungen

Die Türen zum Saal werden geöffnet. Das Publikum trifft allmählich ein und die Reihen füllen sich. Und Lena und Lynn werden ganz leise, als sie die Aussprache der Namen nochmals kurz durchgehen. Sie wollen den Anwesenden und vor allem den Gewinner: innen im Publikum nicht die Überraschung verderben.

Kurz bevor die Preisverleihung beginnt, erhält Lena endlich auch noch eine Taschenlampe. Und Lynn setzt ihre Stirnlampe auf, die sie sich mitgebracht hat, und macht sich bereit für den ersten zwanzigminütigen Einsatz.

Die Technik: Freund und Feind der Dolmetscher:in

Das Licht im Saal wird gedimmt und die Moderatorin betritt die Bühne. Es ist kurz nach 18:00 Uhr. Die Moderatorin begrüsst das Publikum und macht darauf aufmerksam, dass die Preisverleihung gedolmetscht wird. Wer möchte, bekommt einen Kopfhörer. Lynn beginnt mit der Verdolmetschung.

Lynn beim Dolmetschen
Lynn beim Dolmetschen

Als die ersten Gewinner:innen ihren Preis entgegennehmen, meldet sich jemand aus dem Publikum bei Lena. Seine Kopfhörer funktionieren nicht. Sie testet die Kopfhörer und überprüft den Kanal. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Der Gast kehrt an seinen Platz zurück, doch wenige Minuten später meldet er sich wieder. Er und seine Begleiter können nun gar keine Verdolmetschung mehr hören.

Da Lena und Lynn sich auf das Dolmetschen konzentrieren müssen, versuche ich mit dem Techniker das Problem zu lösen. Er testet nochmal Mikrofone und Kopfhörer und stellt ein Problem bei einem der Mikrofone fest. Die Dolmetscherinnen dürfen nur noch ein Mikrophon verwenden und die Verdolmetschung ist jetzt auf einem anderen Kanal zu hören. Auf dem Weg zurück stelle ich die Kopfhörer auf den richtigen Kanal ein und retourniere sie an die Gäste. Zurück am Platz informiere ich vorerst Lena und gebe ihr das Mikrofon. Nun ist sie an der Reihe mit Dolmetschen. Währenddessen informiert die Technik auch die Moderatorin und sie macht das Publikum auf den Kanalwechsel aufmerksam.

Filmfestivals: Eine Blackbox

Lena und Lynn wechseln sich alle zwanzig Minuten ab. Das ist bei Dolmetscher:innen so üblich, um konstant eine gute Verdolmetschung zu gewährleisten.

Neben technischen haben Lynn und Lena bei ihrem Volontariat aber auch noch weitere Herausforderungen gemeistert. So war vereinbart, dass sie ausschliesslich von Deutsch auf Englisch dolmetschen sollten.

Jedoch entscheiden sich zwei Regisseure auf der Bühne spontan dazu, ihre Dankesrede auf Französisch zu halten. Das Dolmetscherinnen-Duo dolmetscht auch diese Passagen gekonnt ins Englische, da sie Französisch in ihrer Sprachkombination haben. Auch gab es Momente, in denen die Moderatorin die Verdolmetschung vergass und sich selbst dolmetschte. «Man weiss nie, was einem an einem Filmfestival erwartet», so Lynn, «es ist wie eine grosse Blackbox.»

Abgesehen davon verläuft die Preisverleihung reibungslos und die Gewinner: innen dürfen ihre Preise in Empfang nehmen. Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden ist der Dolmetsch-Einsatz für Lena und Lynn beendet. Doch nun folgt gleich nahtlos die Nachbearbeitung...

Nach dem Dolmetsch-Einsatz ist vor dem Dolmetsch-Einsatz

Nachdem sich das Publikum im Saal gelichtet hat, gehen Lena und Lynn mit dem Techniker die Probleme des Abends durch und tauschen Lösungsansätze aus. Und sie bedanken sich bei den Organisator:innen für ihren Dolmetsch-Einsatz, der ihnen ermöglicht, bereits im Studium Berufserfahrung zu sammeln.

Nach dem Dolmetsch-Einsatz – Nachbesprechung mit den Organisator:innen des Internationalen Kurzfilmfestivals Winterthur (v.l.n.: Lena Küng, Bernhard Michel, Lynn Gerlach, Sarah Christen)
Nach dem Dolmetsch-Einsatz – Nachbesprechung mit den Organisator:innen des Internationalen Kurzfilmfestivals Winterthur (v.l.n.: Lena Küng, Bernhard Michel, Lynn Gerlach, Sarah Christen)

Auf dem Weg zum Bahnhof tauschen wir uns dann noch zu dritt aus, was wir bei diesem Einsatz gelernt haben. So werden wir zum Beispiel bei zukünftigen Einsätzen zur Sicherheit die Personenführungsanlage auch noch selbst testen. Und überlegen:

  • Welche Formulierungen waren etwas holprig?
  • Wie kann ich diesen Teil beim nächsten Mal eleganter formulieren?
  • Muss die Terminologie-Liste ergänzt oder korrigiert werden?
  • Konnte ich die Botschaft der Sprecher: innen dem Publikum vermitteln? Niemand ist perfekt, auch Dolmetscher: innen nicht.

Die Nachbearbeitung hilft uns zu erkennen, was wir beim nächsten Mal verbessern können.

Zum Schluss nochmal ganz an den Anfang: Zur Vorbereitung

Zu jedem Dolmetsch-Einsatz gehört eine systematische Vorbereitung. Wir Dolmetscher:innen müssen wissen, in welchem Kontext wir dolmetschen, wen wir verdolmetschen und für wen wir arbeiten:

  • Was zeichnet das Internationale Kurzfilmfestival Winterthur aus?
  • Welche Filme werden gezeigt? Wer sind die Filmschaffenden?
  • Wer sind die Nominierten? Was ist ihre Botschaft?
  • Wer sitzt im Publikum?

Denn nur wenn man weiss, mit wem man es zu tun hat, kann man schnell genug antizipieren, was eine Person sagen wird. Und nur wenn man das Publikum kennt, kann man die Verdolmetschung an dieses anpassen, so dass man gut verstanden wird.

Master-Studentinnnen Lynn Gerlach (links) und Lena Küng (rechts) nach ihrem Dolmetsch-Einsatz. Mitte: Autorin und Mitstudentin Sokhawy Lo
Master-Studentinnnen Lynn Gerlach (links) und Lena Küng (rechts) nach ihrem Dolmetsch-Einsatz. Mitte: Autorin und Mitstudentin Sokhawy Lo

Im Vorfeld des Festivals studierten Lynn und Lena also die Webseite des Kurzfilmfestivals sowie weitere Onlinequellen. Am Vorabend erhielten sie ausserdem zur Vorbereitung die Namen der Gewinner: innen, Beschreibungen der ausgezeichneten Filme, die Namen der Jurymitglieder, die Begründung der Jury zur Wahl usw. Daraus erstellten sie eine Terminologie-Liste und machen sich Notizen zum Festival und zur Aussprache der Namen.

Ein Dolmetsch-Einsatz ist also bloss ein Bruchteil dessen, was Dolmetscher:innen leisten. Die Vor- und Nachbereitung nehmen in der Regel viel mehr Zeit in Anspruch als der Einsatz selbst.

Dieser Artikel wurde als Erstpublikation am 09.01.2024 auf dem ZHAW-Blog «Language matters» veröffentlich.

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