Meine Erlebnisse in Honduras


Melody Jordan | Studentin FHNW wortAMwort12.12.2020

Bereits als Kind träumte ich davon die Welt zu erkunden und Abenteuer zu erleben. Doch 1. ist alles anders und 2. als geplant. Der Weg war steinig und hatte einige Überraschungen für mich bereit, aber nun schliesslich, 20 Jahre später konnte ich endlich den Schritt tun und die von mir schon lange beobachtete Arbeit des Casa Girasol und der Leitung von Alexander Blum besuchen.

Im letzten Jahr ging es mir nicht sehr gut denn ich machte familiär eine schwierige Phase durch. Wenn der Druck gross ist, setze ich gerne auf die Taktik Verdrängung und buchte den nächstbesten Flug nach Südamerika. Das wollte ich ja schon immer machen und konnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Endlich einen Einsatz in Südamerika machen und weg von hier. So buchte ich meinen Flug am 03. November 2019: Basel - Tegucigalpa. Auf nach Honduras! 


Armes Land mit vielen Chancen

Honduras gehört zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas mit einem Bevölkerungsanteil von rund 80% der unter der Armutsgrenze lebt. Viele Bewohner kann man statistisch nicht erfassen da sie auf dem Land und teilweise ohne Geburtsurkunde aufwachsen. Es gibt politische Unterstützung im sozialen Bereich, doch hat die Erfahrung gezeigt, dass mehr Versprechungen gemacht werden, als gehalten. 

Ich habe im Vorfeld einiges über Honduras erfahren und die Möglichkeiten des Landes sind an sich nicht schlecht. Es gibt riesige Bananenplantagen, viele fruchtbare Gebiete, große Wälder und Küsten um Fischerei zu betreiben. Der Anbau von Bananen, Kokosnuss, Kaffee ist vorhanden; die Klimaverhältnisse unterstützen eine produktive Landwirtschaft doch das Bewusstsein, die politischen Unruhen und nicht zuletzt Unwetter und Stürme machen die Situation schwieriger. 

Trotz allem ist Honduras ein wunderschönes Land mit Potenzial für Tierzucht, Landwirtschaft und Tourismus. Bekannt sind vor allem die verschiedenen Inseln mit wunderschönen Korallenriffen die ein Tauchparadies abgeben. Dort findet man auch die Sommerresidenzen einer Nordamerikaner und gestrandete Hippies die hier ihr eigenes Paradies gefunden haben.


Ein Paradies – aber nicht für Kinder

Eine Sache, die mir relativ rasch auffiel, war die aussergewöhnliche Situation mit den Kindern in Honduras. Kinder zwischen 0 und 14 Jahren machen einen Bevölkerungsanteil von 35,5% aus, was relativ hoch ist. Die verfügbaren Daten zur genauen Situation von Kindern und ihren Rechten sind sehr spärlich. Die Stellung des Kindes in Honduras ähnelt der Situation in Europa zu Zeiten unserer Grosseltern: Das Kind ist kein Mensch mit eigenen, vertretbaren Rechten. Diese Denkhaltung führt dazu, dass es häufiger zu häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch kommt. 

Eine Familie, wie wir sie in der Schweiz kennen (Vater, Mutter, Kinder) ist in Honduras selten anzutreffen. Meist sind es alleinerziehende Mütter oder die Grossmütter, bei denen die Kinder aufwachsen. Aufgrund der fehlenden sicheren und liebevollen Familienstrukturen, landen viele Kinderauf der Strasse, wo sie mit Drogen in Kontakt kommen und der Möglichkeit in einer Jugendbande einzutreten. 

2009 zählte UNICEF mehr als 150 000 Waisenkinder. Diese extreme Lage für Kinder  und Jugendliche in Honduras, war es die mein Wunsch weckte, um die Arbeit von Casa Girasol besser kennen zu lernen.


Eine Woche voller Hoffnung

In der Campwoche für Kinder aus einem Kinderheim für Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren, welche wir Ehrenamtlichen vor Ort planten und durchführten, konnte ich die Mädchen und einige ihrer Geschichten persönlich kennenlernen. Die Erlebnisse der Mädchen sind natürlich nicht mit den Problemen Jugendlicher aus Europa vergleichbar, denn ein Mord in der Familie oder sexuelle Gewalt gehört dort zu den meisten Geschichten. In Gesprächen mit der Sozialarbeiterin der Mädchen, welche in der Lagerwoche dabei war, konnte ich einiges über die Arbeitsweise erfahren. Mit den wenigen Mitteln, die das Heim vom Staat bekommt, wird ein Koch, ein Lehrer, die Miete und eine Sozialarbeiterin bezahlt. Doch nebst zwei Stunden täglichen Unterrichts und ein wenig psychologischer Betreuung wird nicht viel mit den Mädchen gearbeitet, da Mittel und Energie fehlt. 

In einem Monat Arbeit, an dem die Betreuerin 24 Stunden im Haus wohnt, hat sie insgesamt vier Tage frei, und diese am Stück. Logisch, dass ihr eigenes Kind wiederum von ihrer Mutter betreut und erzogen wird. Und genau aufgrund dieser verzwickten Situation sind die Lagerwochen so wichtig. 

Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass wir die Leben verändern, indem wir ein paar Tage lang mit den Mädchen spielen. Aber manchmal reicht ein Tropfen auf einem heissen Stein auch um ihn kurz abzukühlen und nicht explodieren zu lassen. Es gibt Kinder, die in einer solchen Lagerwoche waren, und diese nie mehr vergessen haben. Auch Jahre später erzählten sie, dass diese Woche zur Besten in ihrem Leben gehörte. Und das ist doch mal was! 

Wir haben versucht so viel Zuspruch wie möglich in die Mädchen zu legen und sie soweit es ging zu motivieren in ihre Zukunft zu investieren, um aus diesem Kreislauf auszubrechen. Denn die Kinder sind die Erwachsenen von morgen. Und wenn man etwas in einer Gesellschaft ändern möchte, dann muss man bei den Kindern ansetzen.


Überall Armut – wenn man richtig hinsieht

Es gibt verschiedene Problemfelder in Honduras. Viel hat mit fehlender Bildung und schlechter Information der Bevölkerung zu tun. Und solange sich das nicht ändert, wird auch politisch nichts passieren. 

Eine der sichtbaren und schlimmen Situationen betrifft die Müllhalden. Die Abfallentsorgung in Honduras ist schlecht bis miserabel. Gleichzeitig aber eine Möglichkeit für die Ärmsten Dinge zu finden, die sie wieder verkaufen oder selbst nutzen können. Dass man dabei giftige Dämpfe einatmet die zu lebenslangen gesundheitlichen Schäden führen kann, ist dabei sekundär. Mit einem Stoff um Mund und Nase ist das Problem gelöst. 

Das war das erste was mir auffiel, als wir – beladen mit dem gekochten Essen und sauberen Trinkwasser – auf der Müllhalde ankamen. Über unseren Köpfen kreisten hungrige Geier wie Diener von Tod und Krankheit. Als die Menschen uns sahen, kamen sie sofort zu uns und bildeten eine Schlange während sie darauf warteten einen Teller mit warmen Essen zu bekommen. 

Frauen und Kinder wurden von ihnen durchgelassen und nach vorne bugsiert. Trotz der schrecklichen Umgebung und ihrer Situation waren alle freundlich und machten Witze mit uns. Offensichtlich dankbar, ein wenig Hilfe zu erhalten. Auch wenn das in keiner Weise das Problem löst, ist eine helfende Hand oftmals für den Moment genug um sich wieder als wertvoller Mensch zu fühlen dessen Existenz nicht allen egal ist.


Helfertourismus oder langfristige Hilfe

Aus den USA kommen regelmässig Tourismus-Busse an, welche auf die Müllhalde fahren damit den Besuchern Fotos von den hungrigen, dreckigen und verzweifelten Menschen machen können – am besten noch als Selfie während man eine Banane an ein Kind abgibt... dann hauen sie wieder ab. Dass dies keine Lösung ist, sondern eher erniedrigend, sollte allen klar sein. 

Bei einem Gespräch mit einer Mutter auf der Müllhalde erklärte diese mir eines der Hauptprobleme: Viele Mütter sind gezwungen ihre Kinder mitzunehmen und nicht selten passieren Unfälle. Wie als das Kind dieser Mutter von einer Abfall-Lawine erschlagen wurde. Nicht zu sprechen von Verletzungen durch giftige Dämpfe, Scherben und Spritzen oder Krankheiten durch verdorbene Esswahren und Medikamente. Um wenigstens dieses Problem zu beheben, wird nun Casa Girasol einen Schulbus kaufen, der morgens auf die Müllhalde fährt, um die Kinder der dort arbeitenden Mütter zu betreuen. Die Gespräche mit den Menschen auf der Müllhalde, die mir bereitwillig erklärten, womit sie tagtäglich zu kämpfen hatten, half mir die Situation besser zu verstehen. Für die Mütter bedeutet die Unterstützung durch Betreuung einen riesigen Unterschied. Nicht zu sprechen von den Kindern selbst. 

Auf meine Frage, ob eine warme Mahlzeit überhaupt einen Unterschied für sie mache, antwortete mir eine Frau: «Eine warme Mahlzeit im Bauch ist wie eine Berührung für mein Herz». 

Das hat mir wieder vor Augen geführt, dass wir niemals sehen können, welchen Unterschied eine liebe Geste, kleine Hilfe oder nettes Wort bei unserem Gegenüber auslösen kann. Und auch ich bleibe dran und höre nach diesem Einsatz nicht auf, die Arbeit vor Ort zu unterstützen. Bis heute bin ich in Kontakt mit dem Leiter und helfe bei administrativen oder redaktionellen Belangen. Sobald ich kann, werde ich wieder die Organisation in Honduras besuchen.

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