Lieber mit Kran als mit Puppe gespielt


Guy Studer FH SCHWEIZ23.11.2020

Patrizia Püntener ist ständig in Bewegung. Ob zu Fuss, auf dem Velo oder als technikbegeisterte Ingenieurin mit dem Schraubenschlüssel in der Hand. Doch der rote Faden in ihrem Leben ist das Fliegen. In der Disziplin Hike & Fly ist sie bereits Schweizer Meisterin. Inzwischen steigt sie auch motorisiert in die Lüfte.

Wenn Patrizia Püntener zu erzählen beginnt, ist sie gar nicht so leicht zu bremsen. Sie steckt viel Energie in ihre Leidenschaften, im Beruf wie auch daneben. Das Gesamtbild, welches sich zum Schluss ergibt, ist jenes einer jungen Frau, die sich nicht so leicht in ein Schema pressen lässt und unbeirrt mit Freude ihren ganz eigenen Weg beschreitet.

Beim Schreiben nun stellt sich die Frage, wo zu beginnen. Vielleicht bei der Aktualität: Patrizia Püntener hat im September die Schweizer Meisterschaft im Hike & Fly für sich entschieden. Diese komplexe Sportart kombiniert Gleitschirmfliegen mit Wandern beziehungsweise Laufen. Die Teilnehmenden müssen vorgegebene Punkte in einer entsprechenden Zeit passieren. Entweder zu Fuss oder fliegend. Die Komplexität der Aufgabe besteht darin, die Zeit im Griff zu behalten, dabei abzuwägen, wie ein Ziel besser angepeilt wird, sowie das Risiko richtig einzuschätzen. Zeitüberschreitung etwa gibt empfindlichen Punktabzug. Dass eine ausgezeichnete Kondition bei diesem Sport ebenfalls zentral ist, versteht sich von selbst.


«Coole Art, wieder herunter zu kommen»

Doch wie kommt man zu so einer Sportart? Reicht es nicht, auf den Berg zu wandern, Aussicht zu geniessen und dann hinunterzugleiten? «Eben nicht», antwortet Patrizia Püntener. «Ich war schon immer sehr polysportiv unterwegs, der konditionelle Teil ist mir wichtig.» Sie sei immer schon lieber den Berg hochgelaufen, als die Bahn zu nehmen. Und sie liebt allgemein Herausforderungen. Für sie stimmt das Gesamtpaket. «Wenn man wandern oder klettern geht, ist es einfach eine sehr coole Art, wieder herunterzukommen.» Doch dürfe man nicht alles daransetzen, fliegen zu wollen. Man müsse beim Hike & Fly auch damit leben können, bei ungünstigen Bedingungen den Berg wieder runterlaufen zu müssen, sonst sei es der falsche Sport. «Wer immer unbedingt auch fliegen will, nimmt zu grosse Risiken in Kauf.»

Das Thema Risiko ist so eine Sache. Püntener musste sich schon mehrmals erklären, wenn es um die Gefahr in diesem Sport geht. «Der grösste Faktor bei der Risikoverminderung ist man selber», beginnt sie. «Macht man ein sauberes Risiko-Management und bleibt diszipliniert, dann kann man es auf ein sehr kleines Mass reduzieren.» Es gebe da drei Typen: «Die einen sind sich des Risikos nicht bewusst, welches sie eingehen. Andere sind es sich bewusst, nehmen es aber in Kauf.» Sie zählt sich zur dritten Sorte: «Ich wäge vorher ab und gehe nicht über ein bestimmtes Limit hinaus. Da muss man auch konsequent bleiben.» An der Schweizer Meisterschaft im Hike & Fly sei sie eine der risikoscheusten Fliegerinnen gewesen. «Am einen Tag waren mir die Bedingungen zu unsicher. Da flogen mir einige davon, wodurch ich in Rückstand geriet.» Sie nahm es in Kauf. Und holte den Titel dennoch.
Trotz aller Vorsicht: Auch Patrizia Püntener hatte  schon zwei Unfälle. Es waren keine gravierenden, und sie kam ohne Verletzungen davon. Erfahrungen, aus denen sie gelernt hat.


Der günstigste Weg, in die Luft zu kommen

Das Gleitschirmfliegen liegt bei den Pünteners in der Familie. Die Eltern flogen bereits in der Pionierzeit in den Achtzigerjahren. Den ersten Schnupperkurs besuchten Patrizia und ihre Zwillingsschwester vor rund fünf Jahren. Das Fliegen ist neben der Technikbegeisterung der rote Faden im Leben von Patrizia Püntener. Und der Gleitschirm für sie eigentliches Mittel zum Zweck: «Es ist die günstigste Art, um in die Luft zu kommen.» Gerade auch vor dem Hintergrund, dass ihre Eltern sie dazu erzogen haben, selber für die eigenen Träume aufzukommen.

Bei Träumen soll es bei Patrizia Püntener nicht bleiben: Vor einem Jahr hat sie begonnen, Flugstunden im Motorflieger zu nehmen. Auch wenn sie schon stark ausgelastet ist, scheut sie den Zusatzaufwand nicht. Zudem geht dies Hand in Hand mit ihrer Arbeit bei den Pilatus Flugzeugwerken, wo sie ein Praktikum im Vollzeitpensum absolviert. «Es hilft natürlich im Job enorm, die Arbeit besser zu verstehen.» Durch die Flugstunden hat sich ihr in der Fliegerwelt ein neues Netzwerk erschlossen. So gibt es auch bei den Flugzeugwerken viele Hobbyflieger. «Man merkt plötzlich, wie sich der Kreis wieder schliesst.»

Die bereits erwähnte Begeisterung für Technik hat Patrizia Püntener an die Hochschule Luzern geführt, wo sie letztes Jahr den Bachelor in Maschinenbau abschloss.  Derzeit absolviert sie den Master in Engineering, vorläufig noch mit Vertiefung Energy & Environment. Doch dazu später.

Technik hat sie fasziniert, seit sie denken kann. «Autos, Boote oder Kräne haben mich immer schon interessiert.» Daran, mit Puppen gespielt zu haben, mag sie sich nicht erinnern. Mit ihrer Zwillingsschwester teilte Patrizia stets diese Begeisterung, wobei mit der Zeit die konkreten Interessen auseinandergingen. «Ich war immer dort, wo es um das Mechanische ging, half etwa Velos flicken oder die Sauna installieren.» Mit dem Räderwechsel am elterlichen Auto besserte sie ihr Taschengeld auf. «Meine Schwester hat sich mehr um die Computerdinge gekümmert.» Sie ist heute Ärztin.


Herausforderndes Praktikum

Fliegen und Technik: Insofern ist natürlich das Praktikum bei den Pilatus Flugzeugwerken goldrichtig. Patrizia Püntener ist beim Flight Test Department. Grob zusammengefasst führen dort Ingenieure zusammen mit Piloten Tests an Flugzeugen durch. «Ich unterstütze sie in der Organisation und der Projektarbeit.» Weil derzeit wegen der Coronakrise weniger Testarbeit anfällt, bleibt mehr Zeit für technische Projektarbeit. «Ich erhalte da Einblicke in Themen wie Sensorik, Datenverarbeitung oder Telemetrie. Und momentan helfe ich mit, ein neues Programm zu erstellen, in einer Programmiersprache, die ich noch gar nicht kannte.» Das Praktikum verlangt einiges ab, doch Patrizia Püntener mag die Herausforderung.
Ob sportliche Spitzenleistungen auch solche im Beruf begünstigen? «Ich glaube, es ist wohl Charaktersache. Wer im Sport ambitioniert ist, den Wettkampfgeist hat, sucht dies auch im Alltag. Da gibt es auch die inneren Wettkämpfe mit sich selber.» Püntener ist nun in ihrem Element. Sie erzählt davon, wie sie täglich mit dem Velo – Marke Eigenbau – von ihrem Wohnort Ebikon zur Arbeit in Stans fährt – knapp 20 Kilometer pro Weg. «Ich versuche immer wieder, meine Bestzeit zu unterbieten.» Sie kennt mittlerweile jede Abkürzung sowie die Grünphasen in der Stadt Luzern, weiss dadurch, wo sie etwas Energie sparen kann, wo sie stärker in die Pedalen treten muss. Dabei erzählt sie mit Schalk in den Augen von spontanen kleinen Rennen mit anderen Velofahrern, versichert gleichzeitig: «Die Verkehrsregeln sind für mich aber unantastbar.» Ihre Bestzeit liegt momentan bei rund 41 Minuten für den Arbeitsweg. Nur etwas mehr als mit dem Auto, wobei dort ein Teilstück auf der Autobahn dazugehört. «Und in der Stosszeit bin ich schneller.»

Die Suche nach der Herausforderung wie auch das Interesse hat Patrizia Püntener auch zum Militär gebracht. «Ich renne eben gerne im Feld herum», sagt sie. Auch wenn das wohl etwas untertrieben ist. Sie absolvierte die RS bei den Grenadieren der Militärpolizei – einer Eliteeinheit. Heute steht sie im Rang eines Leutnants. Dass sie sich in einer Männerbastion behaupten musste, machte ihr nicht allzu viel aus: «Man erhält immer die Chance sich zu beweisen», sagt sie. Bringe man dieselbe Leistung wie die Männer, dann falle es bald nicht mehr auf, dass eine Frau da sei. So ist es ihr auch am liebsten. «Ich wollte auch gar keine Extrawurst.» Wäre das so gewesen, hätte es Probleme gegeben, weiss sie. Die Leistung zu bringen, habe viel abverlangt. «Aber die Grenadiere entsprechen nicht dem Klischee des Muskelprotzes ohne Hirn», erklärt Püntener. «Vielmehr ist Ausdauer gefragt, ausserdem muss man auch was im Kopf haben.»


Auch beim Berufswunsch geht es hoch hinaus

Patrizia Püntener ist ständig in Bewegung. Ihr Kalender ist voll. Teilzeitstudium, Vollzeitpraktikum, Leistungssport und Flugstunden. Und neben dem Velo ab und zu Joggen. Findet sie auch noch etwas Restzeit, dann  legt sie sich unter eines ihrer beiden Autos, welche sie sich unter anderem «zum Schrauben» zugelegt hat. «Vor allem beim Landrover Discovery geht die Arbeit eigentlich nie aus. Es ist das ideale Auto, um dazuzulernen», sagt sie lachend. Mehr zum Fahren brauche sie ihren Audi. Selbstredend, dass sie auch bei ihrem Freund, den Eltern und Kollegen die jeweils anstehenden Reparaturen ausführt.
Während die Autos ihr Hobby bleiben werden, richtet sich der berufliche Fokus immer klarer auf die Fliegerei. Ihr Berufswunsch steht auch schon fest: «Wenn irgendwie möglich, möchte ich einmal Flugtest-Ingenieurin werden.» Kein leicht zu erfüllender Wunsch: Es gibt nur wenige Stellen in diesem Bereich und diese sind begehrt. Doch Patrizia Püntener arbeitet akribisch darauf zu. Dazu zählt, dass sie auf das kommende Semester hin von der Hochschule Luzern an die ZHAW School of Engineering wechselt, wo sie ihr Masterstudium in Engineering zwar fortführt, aber neu mit der Vertiefung Aviatik. Diese wird nur dort angeboten. Dass der Traum einmal in Erfüllung geht, scheint damit mehr als nur möglich.


Dieser Artikel ist als Erstpublikation im Magazin INLINE Ausgabe November 2020 erschienen.

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