«Klima und Natur müssen miteinbezogen werden»

Die St. Galler Stadtpräsidentin Maria Pappa setzt sich derzeit vermehrt mit den Aussenräumen ihrer Stadt auseinander. Was ihre italienischen Wurzeln damit zu tun haben und ob sie das Meer vermisst, erzählt die FH-Absolventin im Interview.

Seit eineinhalb Jahren ist Maria Pappa Stadtpräsidentin von St. Gallen. Die SP-Politikerin ist die erste Frau und zudem die erste Seconda in diesem Amt. Davor leitete sie als Stadträtin vier Jahre lang das Bauressort. Aufgewachsen als Tochter kalabrischer Einwanderer hat sie nach der Wirtschaftsmittelschule an der FHS St. Gallen (heute OST) Soziale Arbeit studiert und sich dort mehrfach weitergebildet. Zum Interview lädt sie in ihr Büro in der elften Etage des St. Galler Rathauses. Im Gespräch geht es um städtische Aussen- und Freiräume – ein Thema, das derzeit auch ihre Stadt im Rahmen der Überarbeitung der Freiraumstrategie beschäftigt.

Sind Sie ein Stadtkind?

Maria Pappa: Ja, ein echtes Stadtkind sogar. Ich bin mitten in St. Gallen aufgewachsen und auf den Plätzen der Stadt gross geworden. Eine Zeit lang haben wir sogar im Quartier gewohnt, wo der Mönch Gallus der Legende nach den Bären getroffen hat. Mein Schulweg führte direkt durch die Altstadt

Sind Sie täglich an der frischen Luft?

Nein, eben leider nicht. Ich denke jedes Mal, ich müsste häufiger raus, mache es aber viel zu wenig. Im Büroalltag geht das zu oft unter. Aber wenn mich jemand rausholt, dann geniesse ich es sehr.

Stichwort Stadtluft: St. Gallen sucht, wie andere Städte auch, die Quadratur des Kreises: Bei immer mehr Einwohnern, verdichtetem Bauen und erhöhtem Druck auf öffentliche Flächen mehr Freiräume schaffen. Wie geht das?

Wir haben zwei Studien gemacht. Zum einen zur Innenentwicklung: Wo lohnt sich verdichtetes Bauen und Leben? Wo gibt es Potenzial, wo würde man damit zu viel zerstören? Zum anderen haben wir die Freiraumstrategie: Wir orten Räume und stellen die Frage nach ihrer Nutzung und ihrem Zweck: Sind es Ruheorte, dienen sie eher der Naherholung oder für Sport? Wiederum kann ein Park nur als Durchgangsort konzipiert sein.

Eine Gesamtauslegeordnung sozusagen.

So ist es. Danach kann man auch die Qualitäten herausarbeiten. Bei manchen Grünflächen hatte man bisher das Gefühl von Beliebigkeit. Nun stellen wir uns die Frage: Wo funktioniert eine Grünfläche und wie? Auch in den Quartieren gibt es Begegnungsorte, die gut funktionieren, andere wiederum gar nicht. Und hier können wir als Stadt sehr gut sensibilisieren, wenn es darum geht, was es braucht, damit man sich wohlfühlt. In einem Innenraum spielt die Beleuchtung beispielsweise eine grosse Rolle. Auch draussen gibt es Faktoren, wie etwa die Bepflanzung.

Ich bin mitten in St. Gallen aufgewachsen und auf den Plätzen der Stadt gross geworden.

Maria Pappa

 

Was sind weitere Faktoren?

Die Hitze infolge der Klimaerwärmung muss berücksichtigt werden. Wie kann man Orte, gerade in Städten, kühler gestalten? Die Art der Bepflanzung spielt hier eine wesentliche Rolle. Sehen Sie hier … Maria Pappa unterbricht das Interview und geht zum Fenster, um ein Beispiel zu zeigen, das man direkt von ihrem Büro aus sieht. Bäume sind in einzelne Beete entlang einer Strasse gepflanzt. «Sehen Sie, rechts haben die Bäume viel mehr Grün darunter.» Tatsächlich sind einige Stämme von einem Kiesbett umgeben, andere von Gräsern und Büschen. Letztere bilden auch kleine Lebensräume für Tiere und Insekten, idealerweise sind die Abstände klein, damit die Tiere von einem «Biotop» zum nächsten wechseln können. Je mehr Grün, desto kühler der Strassenzug. Es ist ein kleines Beispiel, das aber, konsequent eingesetzt, viel bewirken kann. Fazit der Stadtpräsidentin: «Man muss im Einzelnen und im Kleinen auf die Qualität achten.»

Man bezieht also konsequent auch die Natur und Tierwelt ein?

Ich bin der Meinung, dass was für die Natur und Biodiversität gut ist, auch uns Menschen dient. Wir können den Tieren den Raum nicht komplett wegnehmen. So haben wir auch festgelegt, dass es in jedem Quartier einen Begegnungsort geben muss, wobei auch das Klima und die Tierwelt miteinbezogen werden sollten.

Was ist die Strategie bei den grossen Plätzen und Parks der Stadt?

In Sachen Bepflanzung hat ein grundsätzliches Umdenken stattgefunden, wieder hin zu mehr Grün. Ein Aspekt, der lange Zeit vernachlässigt wurde. Oft hiess es: Wir sind eine Stadt, hier braucht es keinen Wald. Zudem gibt es neue, spannende Ansätze mit Vertikal- und Dachbegrünungen. Auch die Parkanlagen verändern sich. Wir kommen etwa weg von der geschniegelten Rasenfläche, hin zu mehr Wiese. Die Kreuzbleiche ist ein gutes Beispiel, wo wir einen Teil einfach frei wachsen lassen.

St. Gallen hat kein grosses Gewässer, so wie andere grosse Schweizer Städte. Wo liegen die Stärken Ihrer Stadt bei den Freiräumen?

Die Stadtpräsidentin nutzt die Gelegenheit, um rund um die elfte Etage des Rathauses zu führen, von wo aus man die Stadt mit vielen älteren Bäumen und den grünen Kuppen bestens überblicken kann.

St. Gallen hat viele Grünflächen und auch alte Baumbestände, die wir wo immer möglich schützen möchten. Gerade kürzlich konnten wir überdies mit dem Burgweiherareal einen neuen Park eröffnen, der vorher in Privatbesitz war. Wir haben ihn aufgewertet und Wege angelegt. Die Anlage ist als ruhiger Ort konzipiert, ohne Grillplatz beispielsweise. Aber sie wird sehr viel genutzt und bietet heute eine tolle Qualität. Für die Stadt war es eine einmalige Gelegenheit.

Dazu kommt, dass man von praktisch jedem Punkt in der Stadt innert 15 Minuten zu Fuss in einem Naherholungsgebiet ist. Sei das auf dem Freudenberg oder an der Sitter, wo das Open Air jeweils stattfindet. Dort kann man entlang dem wilden Fluss herrlich wandern und picknicken.

Und zum Stichwort Gewässer ...?

Dass wir nichts haben, stimmt nur bedingt. Der Bodensee ist näher, als viele denken. Gerade kürzlich hat ein HSG-Student aus Deutschland begeistert festgestellt: «Niemand hat mir gesagt, dass man in 15 Minuten am Bodensee ist!» Und in der Stadt haben wir die Drei Weieren. Diese wurden früher für die Leinenindustrie angelegt und sind heute preisgekrönte Naturbäder. Man kann praktisch einen Kilometer hin- und herschwimmen. Dazu kommen mehrere Badeanstalten. Es ist also nicht so schlimm mit dem Wasser bei uns (schmunzelt).

Als Doppelbürgerin mit kalabrischen Wurzeln: Fehlt Ihnen in St. Gallen das Meer? Oder tut es der nahe Bodensee auch?

Doch, das Meer fehlt mir schon, es ist eben einfach etwas anderes. Auf der Autobahn kurz vor Rorschach gibt es eine Stelle, wo man auf den Bodensee hinunterblickt und die andere Seite nicht sieht. Als ich ein Kind war, hat dieser Anblick meine ganze Familie immer ans Meer erinnert. In Kalabrien gibt es auch eine ganz ähnliche Stelle. Das Meer ist eben das Meer. Dazu kommt die Sonne des Südens ...

Haben Sie durch Ihre Wurzeln und Ihre italienische Prägung allgemein einen anderen Bezug zu städtischen Aussenräumen, Stichwort Piazza?

Das ist eine spannende Frage. Es ist ja wirklich so, dass sich in Italien das Leben viel mehr draussen abspielt. Die älteren Menschen sitzen in den Gassen, und wenn man an ihnen vorbeikommt, fragen sie, wie man heisst und wer die Eltern sind. Gerade auch in den Gegenden, aus denen meine Familie stammt, ist das ausgeprägt. Ich denke, ich trage dieses Lebensgefühl schon auch in die Stadt St. Gallen. Wir haben ja bereits vor einigen Jahren beschlossen, dass wir die Gassen der Altstadt umgestalten, die Trottoirs entfernen und alles pflastern. Dadurch entsteht ein ganz anderes Raumgefühl. Und in meiner Wahlkampfrede habe ich gesagt: «Wir brauchen mehr Italianità.» Tatsächlich kommt mehr Leben in die Gassen durch die Umgestaltung. Auch Corona hat seinen Teil dazu beigetragen.

Gibt es auch einen Ort in St. Gallen, den Sie als «Schandfleck» bezeichnen würden – also mit Verbesserungspotenzial?

Ich kann nicht sagen, dass es «Flecken» sind. Aber die Stadt liegt länglich in einem Tal. Auf den zwei bis drei Hauptverkehrsachsen geniesst der Verkehr Priorität und soll möglichst flüssig rollen. Diese Achsen haben mit dem Aufkommen des Autos in den 50er-Jahren stark an Qualität eingebüsst. Wo einst Vorhöfe und Gärten waren, sind heute Parkplätze. Da müssen wir uns überlegen, wie wir die Strassenzüge so umgestalten können, dass man sich auch dort als Fussgänger wohler fühlt. Das eine muss das andere nicht zwingend ausschliessen. Als Anwohnerin einer solchen Hauptschlagader kenne ich die Herausforderung.

St. Gallen hat eine Uni und eine Fachhochschule. Inwiefern werden Studierende in die Überlegungen miteinbezogen, was Aussenräume betrifft?

Wir sind noch mitten im Mitwirkungsprozess. Da ist es wichtig, dass wir auch die Bedürfnisse der Schulen betreffend ihre Umgebung abholen. Explizit sind die Hochschulen (noch) nicht eingebunden, da ihre Gebäude nicht im Besitz der Stadt sind.

Um bei den Hochschulen zu bleiben: Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften bringen Sie als FH-Absolventin in die Stadtregierung, die jemand mit anderem Bildungsweg nicht mitbringt?

 Ich habe mein Studium nie im Hinblick auf eine politische Karriere absolviert und deshalb anfänglich nicht überlegt, dass es sich für die Politik eigentlich sehr gut eignet. Ich lernte systemisches und vernetztes Denken, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Kommunikation ist ebenfalls ein wichtiges Thema, auch Konfliktmanagement. Lebensweltorientierte Sozialarbeit hat darüber hinaus viel mit Raumgestaltung zu tun. Im Bauressort habe ich bemerkt, dass ich sehr viele Instrumente aus dem Studium benutzte. Auch Erfahrungen aus den Praktika und Projekten kann ich nun einsetzen. Das ist mir erst mit der Zeit bewusst geworden – auch als anderen Leuten bei der Arbeit auffiel, wie ich Konflikte löse oder Gespräche führe. Mein Studium eignet sich für meine heutige Arbeit perfekt.

Mein Studium eignet sich für meine heutige Arbeit perfekt.

Maria Pappa

 

Als erste Frau im St. Galler Stadtpräsidium: Gibt es auch Überlegungen, Aussenräume frauenfreundlicher zu gestalten?

Solche Überlegungen spielen allgemein eine Rolle. St. Gallen war eine der ersten Städte der Schweiz, in denen sich Frauengruppen gebildet haben und «Unorte» definiert wurden, wo zum Beispiel die Beleuchtung schlecht war oder Hecken zu hoch – wo sich Frauen eben nicht so sicher fühlten am Abend. Heute existiert diese Gruppe zwar nicht mehr, die Themen aber bleiben. Wir wollen zum Beispiel bei der Kreuzbleiche einen Velotunnel bauen. Menschen meiden Tunnels aber generell, vor allem Frauen. Was braucht es also? Möglichst viel Tageslicht zum Beispiel oder eine gut sichtbar angebrachte Notrufnummer können helfen.

Welcher ist Ihr liebster öffentlicher Ort im Freien in St. Gallen?

Es gibt so viele schöne Orte, einige davon mögen natürlich alle. Ich wohne im Lachenquartier. Auf der einen Seite habe ich das Burgweiherareal, auf der anderen die Kreuzbleiche. Bei Letzterer schätze ich den Kiesweg mit der Baumallee, der entlangführt, sehr. Wenn ich dort auf meinem Arbeitsweg durchkomme, herrscht, je nach Tageszeit, immer eine andere Stimmung. Es ist ein lebendiger Ort. Einmal picken Krähen auf der Wiese. Dann sieht man die unterschiedlichsten Menschen, ob vom KV-Schulhaus oder auf der Skateranlage. Andere liegen an der Sonne, spielen Fussball oder Wikingerschach. Manchmal hat ein Zirkus sein Zelt aufgeschlagen. Wenn ich dort vorbeikomme, fühle ich mich immer sehr wohl. Ich mache auch gerne halt in der Militärkantine, einem Lokal mit Gartenwirtschaft. Die Kreuzbleiche ist ein Freiraum mitten in der Stadt, wo man lebt.

 

Dieser Artikel ist als Erstpublikation im INLINE 03 August 2022 erschienen.

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