KI-Philosophie-Serie: Auch Roboter brauchen Rechte

Masha Grütter
Studentin Artificial Intelligence & Machine Learning HSLU
  • 02.08.2022
  • 11 min
KI, Kunst und Kritik: Im Studiengang Artificial Intelligence & Machine Learning befassen sich Studierende in Essays mit philosophisch-ethischen Fragen. In dieser 8-teiligen KI-Philosophie-Serie veröffentlichen wir ihre besten Beiträge. Lesen Sie hier, weshalb das Philosophie-Modul irritiert. Und erfahren Sie im ersten Essay, warum Roboter Rechte brauchen.

Was haben Mensch und Roboter gemeinsam? Zum Beispiel die F√§higkeit, zu kommunizieren. Auch haben sie beide einen Bedarf nach Schutz. Denn auch eine KI soll nicht ausgebeutet, misshandelt oder verletzt werden. Ein Essay √ľber die Notwendigkeit von KI-spezifischen Rechten.

Artificial Intelligence (AI) ‚Äď die K√ľnstliche Intelligenz (KI) ‚Äď wird in diversen Spielfilmen und Zukunftsszenarien als eine bedrohliche, superintelligente Instanz dargestellt. Sie handelt in diesen Storys heimt√ľckisch, manipuliert die Menschen und will sie beherrschen. Sei dies im britischen Spielfilm¬†Ex_Machina, wo die K√ľnstliche Intelligenz Ava einen Menschen manipuliert und verletzt, um ihre Freiheit zu erlangen, oder in der britischen Science-Fiction-Serie¬†Black Mirror, in der in diversen Zukunftsszenarien Maschinen und unter anderem auch K√ľnstliche Intelligenzen fatale Folgen f√ľr die Gesellschaft ausl√∂sen.

Die Kernaussage ist meist dieselbe: K√ľnstliche Intelligenz ist gef√§hrlich und unberechenbar. Im Kontrast dazu stellt die US-amerikanische Filmproduktionsfirma¬†Marvel Studios¬†etwa den digitalen Hilfsassistenten¬†J.A.R.V.I.S¬†als hilfsbereites und sarkastisches Individuum dar.

Die Filmwelt erschafft auch sympathische KIs:¬†J.A.R.V.I.S¬†zum Beispiel k√ľmmert sich im Haus seines Menschen um alles, was mit Technologie zu tun hat. Diese KI ist hilfsbereit und liefert viele n√ľtzliche Informationen.

Der US-amerikanische Film Her zeigt das Betriebssystem Samantha, welches im Verlauf der Geschichte eine physische Präsenz erlangt: Es kann reflektieren, lieben und sich weiterentwickeln.

Eines haben all diese Zukunftsvisionen gemeinsam: Sie unterschieden klar zwischen Menschen und K√ľnstlicher Intelligenz. Das ist nach heutigem Stand noch relativ einfach. Was aber, wenn der technische Fortschritt diese Unterscheidung in Zukunft kaum noch erlauben wird? Wie ist dann noch zu unterscheiden, was ein Mensch ist und was nicht? Ist nicht auch der Mensch gef√§hrlich, unberechenbar, herrschs√ľchtig und manipulativ? Und auch der Mensch sorgt sich, entwickelt sich weiter und liebt.

Böse KI? Ist der Mensch nicht auch unberechenbar, herrschsüchtig und manipulativ?

W√§re es in der Zukunft vorstellbar, einer KI Menschlichkeit, ja sogar Menschenrechte zuzusprechen? Es gibt etliche Definitionen dazu, was ein Mensch ist. Historikerinnen, Genetiker, Linguistinnen: Alle w√ľrden es wieder etwas anders definieren. Auch gibt es verschiedene Definitionen von K√ľnstlicher Intelligenz. Somit ist es schwer, die beiden Dinge miteinander zu vergleichen ‚Äď oder gar gleichzusetzen.

Was ist in Zukunft Mensch, was nicht?

Das System ¬ęSamantha¬Ľ im Film ¬ęHer¬Ľ ist freundlich und kann Gef√ľhle entwickeln. Wird das in Zukunft je m√∂glich sein?

Trotzdem soll dies hier versucht werden: Gehen wir also davon aus, dass es in der Zukunft m√∂glich ist, die Funktionsweise des Gehirns k√ľnstlich zu erschaffen ‚Äď so, dass neben den intellektuellen auch die emotionalen F√§higkeiten eines Menschen bei einer KI vorhanden w√§ren. Diese k√ľnstlichen Individuen w√ľrden zudem k√ľnstliche K√∂rper erhalten. Diese Wesen w√§ren auf den ersten Blick optisch und auch intellektuell nicht von Menschen zu unterscheiden.

Roboter wachsen nicht im Mutterleib heran

Trotzdem g√§be es bedeutende Unterschiede: Der Mensch w√§chst im Mutterleib heran und wird als S√§ugling geboren. Er entwickelt sich vom Kleinkind zum Kind. √úber die Teenagerjahre hinweg reift er zu einem erwachsenen Menschen und altert immer weiter, bis er schliesslich stirbt. Es ist unwahrscheinlich, dass K√ľnstliche Intelligenz je eine solche Entwicklung durchlaufen wird. Die KI w√ľrde sehr wahrscheinlich als erwachsenes Individuum geschaffen werden und in diesem Zustand bleiben.

Im Gegensatz zu Menschenkindern werden Roboter nicht geboren. Künftige menschenähnliche KI würde wahrscheinlich als ein erwachsener Roboter geschaffen.
Im Gegensatz zu Menschenkindern werden Roboter nicht geboren. Künftige menschenähnliche KI würde wahrscheinlich als ein erwachsener Roboter geschaffen.

Ein n√§chster Unterschied ist der K√∂rper. Der menschliche K√∂rper ist in diversen Formen, Farben und Gr√∂ssen vertreten, und trotzdem haben all diese unterschiedlichen K√∂rper eine Gemeinsamkeit: Zellen sind die grundlegenden Bausteine f√ľr unsere physische Pr√§senz. Auch hier ist es wahrscheinlich, dass die Nachbildung eines K√∂rpers f√ľr eine KI mit anderen Materialien versucht w√ľrde. Zudem k√∂nnen sich Mensch fortpflanzen. Auch dies ist bei der KI schwer vorstellbar.

KI pflanzt sich nicht fort, aber sie könnte neue KI bauen

Wahrscheinlicher ist es da, dass die KI neue KI bauen w√ľrde ‚Äď ob dies dann als Fortpflanzung ausgelegt werden kann, ist fragw√ľrdig. Auch ist zu vermuten, dass es zwischen den Menschen und den KI intellektuelle Unterschiede geben w√ľrde: Eine K√ľnstliche Intelligenz h√§tte Zugriff auf Milliarden von Informationen ‚Äď die F√§higkeit, Informationen zu speichern, ist ein Teil der Intelligenz, bei dem die KI den Menschen klar √ľbertreffen w√ľrde.¬†

Aus diesen Unterschieden ergeben sich auch die Gemeinsamkeiten zwischen der K√ľnstlichen Intelligenz und den Menschen: Die gesamte Programmierung basiert auf Logik, somit kann man KI das logische Denken zusprechen. Die F√§higkeit zu kommunizieren ist bei KI wie auch beim Menschen gegeben. Auch eine gewisse ¬ęLern¬Ľ-F√§higkeit von KI spricht f√ľr deren ¬ęMenschlichkeit¬Ľ.

¬ęLernen¬Ľ und kommunizieren ‚Äď das haben Mensch und Maschine gemeinsam

Ein weiteres Merkmal des Menschen ist das eigenst√§ndige Denken und Handeln ‚Äď auch dies k√∂nnte in Zukunft bei K√ľnstlicher Intelligenz gegeben sein. Oft wird der Mensch auch als h√∂chstentwickeltes Lebewesen bezeichnet. H√∂chstentwickelt ist die KI sicherlich auch ‚Äď ob die KI ein Lebewesen ist, ist allerdings wieder fraglich. Denn gem√§ss Definition sind zwei der Kerneigenschaften eines Lebewesens ‚Äď die F√§higkeit sich fortzupflanzen und der Aufbau aus Zellen ‚Äď beides Eigenschaften, welche die KI wohl nie erreichen wird.¬†

Somit gibt es einige Argumente daf√ľr, dass KI als Mensch betrachtet werden k√∂nnte, und einige dagegen. Viele von ihnen sind grenzwertig. Es ist auch nicht klar, ob die Nachahmung menschlicher Eigenschaften so gut sein wird, dass diese als gleichwertig zum Menschen ausgelegt werden k√∂nnten.

Es ist noch ungewiss, ob KI je Emotionen empfinden wird

Zudem gibt es einen weiteren grossen Aspekt, der das Menschsein ausmacht: das Empfinden von Emotionen. Ob KI jemals f√ľhlen wird, ist unklar. W√§re dies m√∂glich, w√§re es eine weitere Gemeinsamkeit. Doch was bedeutet es, Emotionen zu empfinden? Zu verstehen, was Trauer, Lust, Freude, Angst und die vielen weiteren menschlichen Empfindungen sind, bedeutet nicht, dass man sie auch tats√§chlich f√ľhlen kann. Als Aussenstehender etwas zu beobachten und zu verstehen, bedeutet nicht, dass man es auch selbst empfinden kann.¬†

Je mehr man sich mit Menschlichkeit und K√ľnstlicher Intelligenz auseinandersetzt, desto klarer wird, dass es viele offen Fragen gibt. Nehmen wir nun trotzdem Folgendes an: Erstens, dass der K√ľnstlichen Intelligenz das Menschsein nicht zugesprochen w√ľrde. Zweitens, dass also in der Zukunft weiterhin klar zwischen Menschen und KI unterschieden wird. Dies sowohl in gesellschaftlicher wie auch in rechtlicher Hinsicht. Was w√§re dann der n√§chste logische Gedankenschritt?

Nicht-Mensch-Sein soll nicht minderwertig sein

Wir k√§men zum Schluss, dass K√ľnstliche Intelligenzen nicht gleichberechtigt mit den Menschen leben, sondern als ihre Bediensteten und Untergebenen. Doch warum ist das so? Wieso wird das Nicht-Mensch-Sein mit Minderwertigkeit gleichgesetzt?

Roboter brauchen keine Menschenrechte. Vielmehr brauchen sie spezielle Recht, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Nicht-Mensch-Sein sollte nicht bedeuten, keine Rechte zu haben; diese Rechte sollten einfach anders sein als die Menschenrechte. Sie sollten auf die Bed√ľrfnisse der K√ľnstlichen Intelligenz zugeschnitten werden. So br√§uchte die KI zum Beispiel keine speziellen Rechte f√ľr das Kindesalter, da sie dies nie durchleben w√ľrde. Trotzdem k√∂nnte es KI-Rechte geben, die sicherstellen, dass die KI nicht ausgebeutet, misshandelt oder verletzt wird. Denn sollte die KI in Zukunft ein hochentwickeltes System sein, das die gleichen Emotionen wie Menschen empfinden kann, sollte sie auch gesch√ľtzt werden.

Nichtsdestotrotz ist f√ľr mich pers√∂nlich klar: Nein, K√ľnstliche Intelligenz wird in naher Zukunft nicht mit dem Menschsein gleichgesetzt werden k√∂nnen. Auch wenn es viele Gemeinsamkeiten geben w√ľrde, g√§be es grundlegende Dinge, die sehr wahrscheinlich nicht gleich sein w√ľrden wie beim Menschen: die Geburt, das Erwachsenwerden und das Altern, der menschliche K√∂rper und auch der Intellekt.

Ich distanziere mich somit klar von der Idee, eine K√ľnstliche Intelligenz als Mensch zu betrachten. Dies heisst jedoch nicht, dass die KI minderwertig w√§re. Sie w√§re nur anders, und somit sollte sie auch als etwas anderes als der Mensch betrachtet werden.

Frage in die Runde: Braucht eine KI spezielle KI-Rechte? Was ist Ihnen wichtig in der digitalen Ethik? Bitte schreiben Sie Ihren Kommentar hier zuunterst in die Kommentarspalte.

Veröffentlicht am 2. August 2022

Pl√§diert in ihrem Essay f√ľr KI-Rechte:¬†Masha Gr√ľtter¬†ist Studentin des Studiengangs¬†¬†Artificial Intelligence & Machine Learning. Sie studiert Vollzeit und wird in einem Jahr ihr Studium abschliessen. Das Philosophie-Modul empfand sie als eine spannende Abwechslung zu den sonst haupts√§chlich technischen F√§chern. Sie sch√§tzte es insbesondere, dass die komplette Thematik rund um KI im Philosophie-Modul aus ethischer Sicht hinterfragt und diskutiert wurde.

KI-Philosophie-Serie: Der obenstehende Beitrag wurde ihm Rahmen des Bachelor-Studiengangs Artificial Intelligence & Machine Learning geschrieben. Er ist Teil einer 8-teiligen Blog-Serie mit bestbenoteten Essays von Studierenden.

Der betreffende Studiengang nimmt die Implikation der Technik ernst. Daher lernen die Studierenden nicht nur, KI einzusetzen, sondern diese auch nachhaltig, sicher und ethisch verantwortbar umzusetzen. Als Basis daf√ľr dient unter anderem ein Philosophie-Modul unter der Leitung von¬†Peter A. Schmid¬†und¬†Orlando Budelacci. Die Hochschule Luzern setzt dabei auf¬†Interdisziplinarit√§t: Dieses Modul zeigt beispielhaft, wie sich drei Departemente ‚Äď Informatik, Soziale Arbeit und Design & Kunst ‚Äď fach√ľbergreifend einem Zukunftsthema zuwenden.

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