«Es war nie so, dass meine Eltern diese Erwartung an mich hatten.»


Guy Studer FH SCHWEIZ16.11.2021

Élodie Théry ist Topcellistin, hat sämtliche Ausbildungen mit Bestnoten abgeschlossen, zuletzt den Master in Solo Performance in Luzern beim berühmten Cellisten Christian Poltéra. Wie sich das Berufsleben als Musikerin gestaltet, erzählt sie im Interview.

Sie spielt Cello schon fast so lange, wie sie denken kann. Die 29-jährige Düsseldorferin Élodie Théry hat letztes Jahr ihr Masterstudium in Solo-Performance an der Hochschule Luzern mit Auszeichnung abgeschlossen. Es ist sozusagen die Höchstnote für das anspruchsvollste Musikstudium, das nur wenigen Studierenden vorbehalten bleibt. Eine Solokarriere bedeutet dies noch lange nicht, wie im Interview deutlich wird. Dennoch fühlt sich die Musikerin privilegiert, jeden Tag das machen zu dürfen, was sie liebt. Dies heisst aber auch, musikalisch auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, wie das die meisten Musiker:innen tun. 


Élodie Théry, in der Musik heisst es immer: «Früh übt sich.» Seit wann spielen Sie Cello?

Élodie Théry: Seit ich vier bin. Schon sehr lange also. Aber es fühlt sich nicht so an.


Wie war es damals, haben Sie selber gesagt: «Mama, Papa, ich möchte Cello lernen?»

Ich bin ja bereits durch meine Eltern, die beide Musiker sind, in dieser Musikerwelt aufgewachsen. Sie nahmen mich oft mit zu Konzerten und Opern. So kam es zu dieser Anekdote, dass ich bei meiner Oma auf dem Schoss sass während eines Quartettkonzerts meiner Eltern. Das Cello spielte an einer Stelle immer ganz markant und kurz die C-Saite. Das machte mir offenbar Eindruck und ich stand am Ende des Konzerts auf und sagte meinen Eltern, dass ich genau dieses Instrument spielen wolle. Also haben wir es versucht. Und dabei blieb es. Ich wollte nie wieder was anderes machen. Mein Bruder spielte Geige. Das habe ich auch ein paarmal ausprobiert, aber es hat mich nie angesprochen. 


War für Sie immer klar, dass es auch Ihr Beruf wird?

Absolut. Ich muss ehrlich sagen, dass es nie wirklich eine Frage war. Aber es war auch nie so, dass meine Eltern diese Erwartung an mich hatten.


Für das Masterstudium sind Sie nach Luzern gekommen. Warum genau hierher?

Wie das so ist, wegen des Lehrers. Ich habe Christian Poltéra in Düsseldorf gehört, als er einen Auftritt zusammen mit dem Orchester meines Vaters hatte. Ich war total begeistert von seiner Spielart, seinen Interpretationen. Direkt danach habe ich geschaut, wo er unterrichtet. Und das war eben Luzern. Also habe ich mich vorbereitet, viel geübt, denn ein Cellist wie Poltéra kann sich seine Schüler aussuchen. Über Luzern wusste ich bis dahin gar nichts. Dann bin ich hier angekommen und sah: Wow, auch die Stadt ist sehr schön, es war also das Komplettpaket (lacht).


Sie haben ja keine Anstellung derzeit, sondern leben hauptsächlich von der Konzerttätigkeit und haben das zum Teil schon während des Studiums gemacht. Gab es trotzdem mal einen Moment, als Sie dachten: Jetzt bin ich im Beruf angekommen, das war mein «Berufseinstieg»? 

Es ist schon so, als Kind spielt man ja bereits Konzerte. Und als Jugendliche bekommt man hie und da einige Euros dafür. Natürlich ist das noch keine Arbeit. Während des Studiums hat man dann Gigs als Musikerin, oder Muggen, wie wir das nennen. Aber es fühlt sich noch nicht wirklich wie ernsthafte Arbeit an. Man hat immer noch das Sicherheitsnetz des Studiums – so fühlte sich das für mich jedenfalls an. Es ist ja die Hauptbeschäftigung. Aber mit dem Abschluss meines Solo-Masters Anfang letzten Jahres war ich richtig frei. Da sagte ich mir auch: Jetzt kann ich machen, was ich will. Seither suche ich bewusster aus, was und mit wem ich spiele. Da ich keine Stelle habe, fühle ich mich seither selbstbestimmt.


Aber Sie suchen ja eine Stelle, machen derzeit Orchester-Probespiele. Wie läuft das eigentlich ab?

Man bewirbt sich über eine Plattform in der Regel digital für eine ausgeschriebene Stelle. Aufgrund von Covid-19 muss man neu teilweise auch ein Video einreichen. Meist sind es etwa dieselben Stellen aus bestimmten Werken, die man einspielen muss. Wird man eingeladen, muss man, gerade wenn man noch jung ist, zum Vorprobespiel. Das können bis zu drei Runden sein. Nach ­jeder werden Musiker:innen ausselektioniert. In Frankreich und Belgien werden immer alle Bewerber eingeladen. Da kommen dann vielleicht achtzig Cellist:innen – diese werden durchgeschleust wie am Fliessband. Next please, next please. Alle beäugen sich gegenseitig, jede möchte die Stelle. Man muss sich da schon sehr auf sich konzentrieren und auf den Punkt genau bereit sein.


Was folgt dann?

Hat man es durch das Vorprobespiel geschafft, kommen im Hauptprobespiel erneut drei Runden. In jeder ist jeweils klar eingegrenzt, aus welchen Werken vorzuspielen ist. Wer am Ende die Stelle erhält, muss sich in der Regel zuerst einmal während einer einjährigen Probezeit bewähren. Es ist ja auch wichtig, dass man in die Gruppe passt. Wie überall, wenn man zusammen Musik macht, gilt auch im Orchester: Es muss passen. Daher kann es sein, dass die Stelle nach dem ganzen Probespiel nicht einmal besetzt wird.


Meines Wissens ist bei den Probespielen die erste Runde hinter dem Vorhang, damit sich die Jury nur auf das Hörbare konzentriert. Stimmt das?

Ja, meistens ist die erste Runde hinter dem Vorhang – in Brüssel waren es sogar die ersten beiden Runden. Ich finde das cool. Denn so wird die Selektion weniger verfälscht. Aber das ist nicht überall so.


Sie haben an verschiedenen Wettbewerben erfolgreich teilgenommen – welches war der grösste Erfolg?

Ich bin nicht so der Wettbewerbstyp. Musik ist ja keine Mathematik, wo man sagen kann, das ist richtig, das falsch. Wenn man Bach spielt, kommt es immer auch darauf an, ob jemand nun diese Bach-Interpretation mag oder nicht. Klar habe ich auch an Wettbewerben teilgenommen, vor allem als ich noch jung war. Doch wichtiger sind mir meine Konzerterlebnisse.


Was bleibt da in prägender Erinnerung?

Mein Solokonzert zum Masterabschluss im KKL auf jeden Fall! Ich habe das Cello-Konzert von Honegger gespielt, begleitet vom Luzerner Sinfonieorchester. Das war wirklich toll. Der Saal ist grossartig. Ich habe mich total wohlgefühlt und hatte Freude, war überhaupt nicht aufgeregt, sondern war einfach voll motiviert, mein Können abzuliefern und es zu geniessen. 


Lampenfieber kennen Sie also nicht?

Auf der Bühne fühle ich mich gut. Mit Musik Emotionen rüberzubringen, erfüllt mich. Natürlich strebt man immer auch nach Perfektion, aber live auf der Bühne ist es mir wichtiger, die Zuhörer mit meiner Interpretation zu bewegen. Wer Perfektion hören möchte, kann eine CD hören.


Sie machen ja wie bei Musikern üblich eine sogenannte Portfolio-Karriere: Das bedeutet meist eine Kombination von Konzerttätigkeit sowie Unterrichten, teils noch anderes. Träumten Sie auch von einer reinen Solistenkarriere?

Natürlich, sonst hätte ich kein Solo-Performance-Studium gemacht (lacht). Und der Traum lebt immer noch, man weiss ja nicht, was die Zukunft bringt. Aber im Moment mache ich vor allem Kammermusik. Ich habe einige Ensembles, ein Klaviertrio (ONYX-Trio), ein Streichtrio (TriOlogie), ein Cello-Duo (Duo CHELO), mit dem ich die Kinder ansprechen und für die klassische Musik gewinnen möchte, was mir sehr wichtig ist. Ich liebe Kammermusik, aber auch die Mitwirkung im Luzerner City Light Orchestra macht mir enorm viel Spass. Doch wie schon gesagt: ich stehe sehr gerne als Solistin auf der Bühne mit einem Orchester im Rücken, das einen pusht. Das ist ein tolles Gefühl.


Die meisten ausgebildeten klassischen Musiker:innen unterrichten hauptberuflich. Wäre das für Sie auch eine Option?

Ja schon. Ich habe auch mal eine Stellvertretung gemacht und fand es toll, mit den Kindern zu arbeiten. Ich selber liebte es auch immer, in den Cello-Unterricht zu gehen. Eine Instrumentallehrperson ist oft eine zusätzliche Vertrauensperson, die etwas ausserhalb des üblichen Umfelds steht. Und es gibt fantastische Pädagogen, die den ganzen Tag mit Kindern oder Studierenden unglaublich gut arbeiten – wovor ich total Respekt habe. Aber zurzeit bin ich einfach noch nicht in dem Stadium, in dem ich sage, dass ich meine Erfahrung nun weitergeben möchte. Zuerst müsste ich zudem einen Master in Pädagogik machen. Ich habe ja nach dem Bachelor zwei Performance-Master absolviert. Und es ist gar nicht so leicht, eine Lehrerstelle zu erhalten. Es gibt zwar sehr viele Musikschulen, aber eben auch sehr viele ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. 


Sie haben all Ihre Studien mit Bestnoten oder Auszeichnung abgeschlossen und Preise gewonnen. Was braucht es noch für eine grosse Solokarriere?

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, Glück. Die Sterne müssen gut stehen. Man ist gut auf dem Instrument, muss auch das Niveau halten. Aber am Ende entscheidet oft Glück. Es gibt so viele Musiker:innen auf Topniveau.


«Ach wie schön, Sie haben Ihr Hobby zum Beruf gemacht!» Diesen Satz haben Sie sicher auch schon gehört. Wie reagieren Sie darauf?

Schwierige Frage. Denn ich mache meinen Beruf unglaublich gerne und bin dankbar dafür. Ich kenne Leute, die nicht gerne zur Arbeit gehen. Das Cello spielen ist mein Beruf und meine Berufung, für andere ein Ausgleich. Ich verdiene mein Geld damit. Es ist also kein Hobby mehr und eigentlich war es für mich immer schon mehr. Ich habe einfach das Glück, dass es mir Spass macht und ich Menschen damit berühren kann.


Stichwort Hobby: Ihr Beruf ist zeitintensiv. Bleibt da noch Zeit für anderes?

Mit fixen Zeiten wäre es schwierig. Aber ich kann es schon einrichten, dass auch noch anderes Platz hat. Ich gehe gerne Wandern, Joggen oder mache Workout zu Hause, gehe in Kunstausstellungen und backe gern zur Freude der Kollegen. Körper und Geist brauchen Ausgleich für die Balance.


Wie viel üben Sie täglich?

Das variiert. Mit gut strukturierten vier Stunden komme ich in der Regel durch, manchmal aber können es auch sechs sein, wenn viel ansteht.


Im Zentrum des Performance-Studiums steht natürlich Ihre musikalische Entwicklung am Instrument. Wie haben Sie das Studium in Luzern abgesehen davon erlebt?

Mir wurde viel angerechnet vom Bachelor. Das war positiv. Gut in Erinnerung bleibt mir auch der Kurs «Geschichte der Kammermusik», eine tolle Horizonterweiterung. Da konnten wir auch neue Komponisten entdecken. Theorie ist weniger mein Spezialgebiet. Aber wir hatten Musiktheorie bei Dieter Ammann (bekannter Schweizer Komponist), das war natürlich cool und auch sehr inspirierend.


Hat Ihnen Ihr Lehrer Christian Poltéra neben dem musikalischen und künstlerischen Feinschliff auch Tipps für den Musikerinnenberuf gegeben?

Das Wichtigste, was ich von ihm gelernt habe, ist: immer locker bleiben.


Klingt nach einer Plattitüde.

Ja, es klingt so. Trotzdem ist es so viel wert. Man stresst sich so oft mit kleinen Sachen, die nicht so wichtig sind. Das Leben als freischaffende Musikerin kann auch stressig sein. Umso wichtiger ist es, die Ruhe zu bewahren. Wenn man schon hinter der Bühne nicht ruhig ist und organisatorisch ein Chaos hat, kann man auch auf der Bühne nicht ruhig sein. Christian Poltéra ist die Ruhe selbst, er strahlt dies auch aus, Perfektion und Lockerheit. Es ist beeindruckend. 


Zum Schluss: Haben Sie ein Lieblingswerk oder einen Lieblingskomponisten?

Einen Komponisten. Es ist – wie für viele wohl – Bach. Er ist das Mass aller Dinge. Der Ursprung von so vielem. Ich kann Bach in jeder Lebenslage und jeder Lebenssituation hören. Ob ich traurig bin oder fröhlich. Bei den Werken variiert es, je nachdem was ich selber gerade spiele, zurzeit das Streichtrio von Ethel Smyth. Ich entdecke immer wieder Neues.


Dieses Interview erschien als Erstpublikation im INLINE November 2021.

Französische Wurzeln

Elodie Théry wurde 1992 in Willich, Deutschland in eine Musikerfamilie geboren. Ihr aus Frankreich stammender Vater ist Stimmführer der zweiten Geige bei den Düsseldorfer Symphonikern und ihre Mutter ist Dozentin für Querflöte an einer Musikschule. Élodie Théry begann im Alter von vier Jahren mit dem Cellospiel. 2011 begann sie ihren Bachelor an der Hochschule für Musik und Tanz Köln (Standort Aachen) und schloss diesen 2015 mit der Bestnote ab. Im selben Jahr begann sie den «Master of Performance» bei Christian Poltéra, an der HSLU. 2017 schloss sie auch diesen mit Bestnote ab, worauf sie auch den «Master of Solo Performance» absolvierte und im Januar mit Auszeichnung abschloss. Sie gewann zahlreiche Preise im Regional- und Landeswettbewerb «Jugend musiziert» und konnte 2010 mit ihrem Klaviertrio diesen Wettbewerb auch auf Bundesebene für sich entscheiden. Das erfolgreiche Trio wurde von der Stadt Düsseldorf unter anderem zu Konzertreisen nach Moskau eingeladen. Élodie Théry wohnt in Luzern lebt von ihrer Konzerttätigkeit, hauptsächlich mit ihren Kammermusikensembles und Mitwirkung in verschiedenen Orchestern. Daneben gibt sie Privatunterricht.   

www.elodiethery.com

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