Die Zukunft ist flexibel


Guy Studer FH SCHWEIZ | 23.01.2019

Hat das klassische Büro ausgedient? Immer mehr Firmen setzen auf flexibles Arbeiten, Coworking Spaces gibt es bald an jeder Ecke. Steht der Umbruch bevor? Wir haben mit FH-Absolventen gesprochen, die selber flexibel arbeiten.

Die Fördernde

 

Name: Alexandra Kühn (38)

Funktion: Geschäftsführerin Work Smart Initiative

Ausbildung: BSc in Journalismus und Organisationskommunikation, ZHAW

Treffpunkt: Witzig The Office Company, Zürich Altstetten; Open Working Space

 

Das klassische Büro ist kein Auslaufmodell, es wird einfach zunehmend Teil von etwas Grösserem», stellt Alexandra Kühn klar. Flexibles Arbeiten ist für sie eine Mischung aus den verschiedenen Formen wie Homeoffice, Coworking, modernen Multispace-Büros, verbunden mit digitalen Hilfsmitteln. Ihr Ziel ist die Schaffung idealer Rahmenbedingungen für orts- und zeitunabhängiges Arbeiten. Immerhin rund 50 Prozent aller Schweizer Arbeitnehmenden könnten heute theoretisch flexibel arbeiten. Dieses Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft (siehe Kasten Seite 17).

 

Die Absolventin der ZHAW hat zum Gespräch in die Firma Witzig The Office Company in Zürich Altstetten geladen. In den Räumlichkeiten hier kann sie ihren Laptop aufschlagen, wenn sie nicht gerade im Homeoffice oder an einem anderen Ort arbeitet. Witzig konzipiert, gestaltet und betreibt Büros und berät und begleitet Unternehmen beim Thema flexibles Arbeiten. Die verspielte Arbeitslandschaft erinnert an eine Ausstellung für Büromöbel: da eine Liege für ein kreatives Nickerchen in einer kleinen Kabine, dort ein paar Stehpulte mit farbigen Filzelementen als Schalldämpfer und Sichtschutz. Bürostühle und Lichtquellen wie aus dem Designkatalog. Dort eine Glaskabine, um ungestört zu telefonieren. Eine grosszügige, durchgestylte Kaffee-Ecke im Holzlook, die zum Verweilen einlädt.

 

Kühn ist in das Thema hineingewachsen, so wie viele der Unternehmen, die sie nun bei der Transformation unterstützt. Siebeneinhalb Jahre war sie in der Unternehmenskommunikation der Swisscom tätig und hat dort miterlebt, wie der Konzern seine Arbeitsplätze umbaute, hin zu Multispace, flexibler Arbeitszeit, mehr Eigenverantwortung, mehr Motivation. Eine Entwicklung, die immer mehr Unternehmen erfasst. Die Swisscom hat deshalb zusammen mit Microsoft, der SBB, der Post und Witzig die Work Smart Initiative gegründet, deren Geschäftsführerin Alexandra Kühn seit letztem Mai ist. Das Ziel: flexibles – oder eben smartes – Arbeiten zu fördern und Unternehmen in der Schweiz bei dessen Umsetzung zu unterstützen. Kühn vernetzt, kommuniziert, leitet Projekte und repräsentiert. Und sie lebt dabei vor, was sie propagiert. Sie kennt keinen fixen Arbeitsplatz mehr. «Wie für viele Unternehmen war es auch für mich eine Reise.» Der Prozess damals bei der Swisscom sei typisch verlaufen: «Als flexible Arbeitsplätze eingeführt wurden, habe ich mir gleich ein Kästchen gemietet, wo ich mein Zeug drin verstaut habe. Man durfte ja nichts mehr auf den Pulten liegen lassen.» Das Kästchen habe sie in den Folgejahren nur einmal geöffnet und schliesslich alles weggeworfen. «Da realisiert man erst, dass man vieles nicht braucht. Eine Befreiung.»

 

Die Möglichkeit, den idealen Arbeitsort frei zu wählen, kommt der zweifachen Mutter sehr entgegen. So arbeitet sie auch ein bis eineinhalb Tage im Homeoffice. Immer in den eigenen vier Wänden wäre es ihr indes zu eintönig. «Auch eine vertraute Arbeitsumgebung mit Kollegen wie hier in Altstetten möchte ich nicht missen.» Der Mix macht es aus.

 

 

Der Unabhängige

 

Name: Lorenz Ramseyer (45)

Funktion: Digitaler Nomade, Selbst-
ständiger Experte und Coach für orts­unabhängiges Arbeiten, Präsident der Digitalen Nomaden Schweiz, Berufs­bildungsverantwortlicher beim SBFI (40 Prozent)

Ausbildung: Lehrpatent in Bern,
IT-Projektleiter mit eidg. Fachausweis, Studium in Mass Communication in
Perth (Aus), MAS in Social Informatics,
FHS St. Gallen

Treffpunkt: Coworking Welle 7, Bern

 

Beschreiben Sie das Lebensgefühl als digitaler Nomade in zwei Sätzen.

Ich kann es auch in einem Wort: Freiheit. Es ist die Freiheit, das Wo und Wann des Arbeitens selber zu bestimmen.

 

Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ja, sogar zwei. 2006, während eines Hilfsprojekts in Peru, habe ich nebenbei von einem Hotelcomputer aus hoch oben in den Anden Webkunden in der Schweiz betreut. Das zweite war 2015 in Bangalore, als ich zwei junge Studenten traf, die zur Uni täglich sechs Stunden per Bus durch die Stadt pendeln mussten. Als ich fragte, was sie in dieser Zeit täten, sagten sie, dass sie Web-Apps für westliche Kunden programmierten und sich so ihren Unterhalt verdienen würden – unterwegs auf dem Smartphone!

 

Nomaden sind immer unterwegs, wie ist das bei Ihnen?

Seit ich 2017 Vater geworden bin, bin ich nicht mehr so oft unterwegs wie früher. Doch als Tagesnomade sozusagen komme ich noch immer viel rum. Bei einer Wanderung etwa kann ich nachdenken und bei einem Zwischenhalt den Laptop aufklappen.

 

Wie hat Ihre veränderte Arbeitsweise auch Sie selber verändert?

Das ist ja ein bewusster Lifestyle und hat auch mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Die Produktivität hat sich klar verbessert. Ich wähle die Arbeitsumgebung, die mich inspiriert und meine Kreativität fördert. Sei das ein Café, die freie Natur oder ein Coworking Space. Und ich nutze gezielt meine Fokusmomente, kann meinem eigenen Rhythmus besser folgen als im Grossraumbüro. Und manchmal muss ich auch improvisieren, so bleibe ich flexibel und steigere meine Resilienz.

 

Können Sie auch als Berufsbildner beim SBFI ortsunabhängig arbeiten?

Je länger, desto mehr. Vor allem wird auch das Thema bei der Berufsbildung immer wichtiger. Die Jungen möchten flexibel arbeiten, beissen bei Arbeitgebern aber zu oft noch auf Granit.

 

Stichwort Work-Life-Balance: Wenn Sie wandern und sich Gedanken machen, ist das Freizeit oder Arbeit? Können Sie das noch trennen?

Nein, in diesem Fall verschwimmt das Private und Berufliche. Es ist Entspannung und Arbeit gleichzeitig. Aber es ist nicht so, dass ich sieben Tage während 24 Stunden den Sender angestellt habe. Im Gegenteil: Als digitaler Nomade lernt man besonders gut, sich abzugrenzen. Das erfordert auch Selbstdisziplin. Gerade das gebe ich jüngeren Kollegen immer wieder mit auf den Weg.

 

Ist völlig ortsunabhängiges Arbeiten noch mit Festanstellungen vereinbar? Oder gibt es künftig mehr projektbezogene Arbeit, weniger Feststellen?

Gute Frage. Ich denke, die Entwicklung wird tatsächlich in diese Richtung gehen. Doch auch bei Festanstellungen gibt es die Möglichkeit, auf Flexibilisierungswünsche einzugehen. Letztlich würde ich auch an die Verantwortung der Arbeitgeber appellieren.

 

Digitale Nomaden sollen also nicht unbedingt ganz unabhängig sein?

Eine Aufweichung der heutigen Modelle mit Reduktion der Präsenzpflicht und damit der geografischen Grenzen für die Schweizer Arbeitnehmer ist sicher eine Herausforderung, weil wir europaweit die höchsten Löhne haben. Deshalb ist das Thema auch zunehmend ein gesellschaftspolitisches und erscheint auf dem Radar von Gewerkschaften und anderen Organisationen. Wir sollten also am Ball bleiben und experimentierfreudiger werden in Sachen flexible Arbeitsmodelle und Digitalisierung. Denn darin sind andere Länder deutlich weiter.

 

 

Diese beiden Beiträge sind  Teil eines Themenkomplexes im Magazin INLINE von Februar 2019.

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