
Im Jahr 2024 wird der globale Marktwert für alkoholfreien Wein auf 2,3 bis 2,8 Milliarden USD geschätzt. Laut Fact.MR könnte dieser bis 2030 auf rund 5 bis 6 Milliarden USD steigen, während andere Prognosen wie von Grand View Research oder DataHorizon bis 2033 mit 9 bis 11 Milliarden USD rechnen.
Diese Entwicklung entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) zwischen 7 % und 20 %, je nach Region und Marktreife (Quellen: Fact.MR, Grand View Research, DataHorizon).
Europa vereint fast die Hälfte des Marktes, mit deutlichen Vorsprüngen in Deutschland und Frankreich. Dort ist das Angebot bereits gut strukturiert, insbesondere mit Akteuren wie Moderato, Bordeaux Families oder French Bloom (unterstützt von LVMH).
In Frankreich lag der Konsum alkoholfreier Weine 2023 bei ĂĽber 32 Millionen Litern und entsprach rund 3 % des Gesamtmarktes mit einem Wachstum von 20 % innerhalb von zwei Jahren (Quelle: Circana via Rayon Boissons).
Der Marktumsatz belief sich 2023 auf etwa 73,4 Mio. USD und soll bis 2030 auf 105,7 Mio. USD steigen (Quelle: Grand View Research), mit einer jährlichen Wachstumsrate von 5,3 %. Diese Struktur zeigt einen sich stabilisierenden Markt, vergleichbar mit Deutschland.
Im asiatisch-pazifischen Raum verzeichnet der Markt mit +13 % pro Jahr die höchsten Wachstumsraten (Quelle: IWSR), während in Nordamerika insbesondere Millennials und die Generation Z Interesse zeigen: 20 % von ihnen interessieren sich aktiv für alkoholfreien Wein (Quelle: NielsenIQ, 2023).
Bevor alkoholfreier Wein ein breiteres Publikum fand, ebnete das alkoholfreie Bier den Weg. In der Schweiz hat sich dessen Marktanteil in sechs Jahren mehr als verdoppelt: von weniger als 3 % im Jahr 2018 auf 7 % im Jahr 2024 (Quelle: SBV Schweizer BrauereiVerband).
2023 lag der Anteil bereits bei 6,1 %, obwohl der Gesamtkonsum von Bier leicht zurĂĽckging (1,6 % bei 4,54 Mio. Hektolitern, Quelle: SBV Jahresbericht 2023).
Der stete Wachstum zeigt: alkoholfrei ist keine Modeerscheinung, sondern ein struktureller Wandel im Konsumverhalten. Der Erfolg basiert auf drei Schlüsselfaktoren: einer mittlerweile hohen sensorischen Qualität, einer Kommunikation, die Lust und Gesundheit verknüpft, sowie einer stärkeren Präsenz im Vertrieb, auch in der Gastronomie. Eine klare Botschaft an die Weinbranche: Wenn alkoholfreies Bier bereits jede 14. verkaufte Flasche in der Schweiz stellt, dann kann auch alkoholfreier Wein, mit seinem einzigartigen Erlebnischarakter, zu einer begehrten und aufwertenden Alternative werden.
Der weltweite Weinkonsum sinkt seit Jahrzehnten. In der Schweiz ist er von 49 Litern pro Kopf vor 40 Jahren auf heute 32 Liter gefallen. 2024 betrug das Gesamtvolumen 218 Mio. Liter, was einem RĂĽckgang von 7,9 % in nur einem Jahr entspricht. Seit 2020 ist der Konsum um fast 20 % gesunken eine deutliche, anhaltende Tendenz.
Doch Geschmack und Sinn für Wein verschwinden nicht. Es sind die sozialen Gebräuche, gesundheitlichen Anliegen und modernen Ansprüche, die sich wandeln. Der «NoLow» Trend (kein oder wenig Alkohol) passt perfekt zu diesem Wandel. Er bietet neue Perspektiven für die Weinbranche, ohne sich vom Ursprünglichen zu lösen. Die Frage ist also nicht mehr: «Sollten wir alkoholfreien Wein produzieren?», sondern: «Wie machen wir es richtig?»
Alkoholfreier Wein ist kein Konkurrent des traditionellen Weins. Er ist eine moderne Erweiterung, eine Brücke zu neuen Zielgruppen: berufstätige Frauen, junge Generationen, sogenannte Flexi-Trinker oder Genussmenschen, die Alkohol meiden möchten. Er bringt wieder Sichtbarkeit und Sinn in die Weinidentität mit Ritual, Geselligkeit und Geschichte.
Vor 30 Jahren stellte sich die Frage, ob man Rosé produzieren sollte. Die Antwort war «JA!» und der Erfolg gibt Recht. Rosé ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil des Angebots und spricht eine breitere, generationenübergreifende Kundschaft an. Alkoholfreier Wein folgt derselben Logik: Er erschliesst neue Märkte, ohne sich vom Ursprünglichen zu entfernen.
Gerade jüngere Generationen empfinden die überstrapazierte Rhetorik des «Terroirs» als abschreckend oder schwer zugänglich. Hier bietet alkoholfreier Wein eine neue, entmystifizierte Eintrittspforte in die Weinwelt. Wenn er sensorisch das gleiche Erlebnis liefert, bleibt er Wein.
Vor diesem Hintergrund entstand 2024 die Initiative «la vigneronne», der erste Schweizer Betrieb, der sich ausschliesslich alkoholfreiem Wein widmet. Das Ziel: qualitativ hochwertige, aus IPSUISSE-Trauben hergestellte Weine. Zwei erste Cuvées wurden mit grosser Sorgfalt entwickelt, um eine echte Weinerfahrung in alkoholfreier Form zu bieten.
Mangels lokaler Infrastruktur wurde der in Tolochenaz (VD) vinifizierte Wein zur Entalkoholisierung nach Deutschland transportiert mittels innovativer physikalischer Methode, die Textur und Aromaprofil maximal bewahrt. Die erste Produktion ist seit April 2025 auf dem Markt und soll die lokale Nachfrage anregen sowie die Errichtung eines Entalkoholisierungszentrums bis 2026 vorbereiten.
In Kooperation mit OEnologie à Façon SA in Perroy soll das erste Schweizer Dienstleistungszentrum für die Entalkoholisierung entstehen. Dort sollen moderne Anlagen gemeinsam genutzt und fachkundige Leistungen für andere Schweizer Produzenten angeboten werden.
Drei technische Verfahren sind heute entscheidend:
• Vakuumdestillation bei niedriger Temperatur zur Schonung hitzeempfindlicher Aromen
• Rotationskegelkolonnen (Spinning Cone Column), effizient aber kostenintensiv
• Umkehrosmose zur Trennung von Alkohol und Wasser durch Membranfiltration mit anschliessendem Reassembly
Die Wahl der Technologie ist ausschlaggebend für Vinosität, Aromatik und Textur. Technische, anspruchsvolle und vielversprechende Weine
Alkoholfreier Wein ist weder veredelter Traubensaft noch minderwertige Kopie. Er entsteht aus einem komplexen Prozess, bei dem jede Entscheidung von der Rebsorte bis zum finalen Gleichgewicht das Resultat beeinflusst.
Der Alkoholentzug verändert die Struktur: Säure, Bitterkeit, Textur, Aroma-Wahrnehmung. Entsprechend sind Ausgleich, Innovation und Feinjustierung erforderlich.
Aromatische Rebsorten, natürliche Säure-Erhaltung und kontrollierte Reife sind entscheidende Parameter für die Endqualität.
Entalkoholisierung bedeutet nicht nur alkoholfreien Wein, sondern auch ein verwertbares Nebenprodukt: den entnommenen Alkohol. In Zeiten von Energie und Ressourcenumstellung ist diese Verwertung strategisch relevant:
• Nutzung für Spirituosen, Pharmazie oder Kosmetik
• Umwandlung in Bioethanol oder Industriealkohol
• Basis für Mazerate, Aromen oder Reinigungsmittel
So wird das Ausgangsprodukt intelligent in zwei vergütbare Produkte aufgeteilt. Eine wirtschaftlich resiliente, zirkuläre Wertschöpfung.
Die Schweiz kann aus ihrem späten Einstieg eine strategische Chance machen. Sie kann direkt auf erprobte Technologien und Best Practices zurückgreifen, um von Anfang an auf Exzellenz zu setzen.
Mit ihrer Präzision, ihrer Strenge und ihrem Qualitätsanspruch hat sie das Potenzial, eine führende Rolle auf dem internationalen Parkett einzunehmen. Es geht nicht darum, mit der Tradition zu brechen, sondern sie zu erweitern.
Die Schweiz hat alles zu gewinnen, wenn sie alkoholfreie Weine mit Identität, handwerklichem Anspruch und Sinnhaftigkeit verteidigt.
Eine moderne, inklusive und zukunftsfähige Aufwertung des Weins. Eine Einladung, die Weinerfahrung neu zu entdecken - aber vollständig. Für das Vergnügen aller.