Das Positive in der Krise


Guy Studer FH SCHWEIZ27.05.2020

Ronia Schiftan ist Psychologin mit FH-Masterabschluss und engagiert sich während der Covid-19-Krise gegen die psychischen Nebenerscheinungen. Im Interview erzählt sie, wie wir auch Gutes aus dieser Zeit ziehen können.

Wie erleben Sie persönlich diese Krise?
Das Home-Office finde ich sehr ok. Es bewirkt eine Entschleunigung, die ich mag. Gleichzeitig ist da natürlich auch eine Unsicherheit darüber, welchen Einfluss das Ganze auf uns haben wird. Als Fachperson hingegen ist es für mich eine sehr interessante Zeit.


Bitte erklären Sie.
Diese Krise wirft unsere Gewohnheiten über den Haufen. Wir können auf nichts zurückgreifen, weil wir das in dieser Form nicht kennen. Das bringt auch viel Unruhe. Interessant sind die grossen Unterschiede bei den Reaktionsmustern. Die einen blühen auf, möchten sich den neuen Herausforderungen stellen, Neues lernen. Andere kämpfen mit Ängsten, sehen ihre Gewohnheiten und Routinen bedrängt. Wir können nicht sagen, wie das für die einzelnen ausgeht. Auch die Ängste äussern sich ganz unterschiedlich. Die einen haben finanzielle Ängste, andere im persönlichen Bereich, sorgen sich um die Familie, wiederum andere haben direkt Angst vor dem Virus. Es ist eine sehr diffuse Angst, denn das Virus ist ja nicht sichtbar. Das ist unangenehm.


Wie prägt uns diese Zeit im Verhalten, was erkennen Sie für Muster?
Da ist es sehr komplex, weil wir alle sehr unterschiedlich auf die Verunsicherung reagieren. Die einen bauen dagegen einen «Schutzwall» auf, horten zum Beispiel Vorräte oder Desinfektionsmittel, um sich ein Sicherheitsgefühl zu verschaffen. Andere lassen sich eher treiben und schauen von Tag zu Tag nach dem Motto: Wir können ja ohnehin nichts machen. Andere reagieren mit Abwehrhaltung, Gegenreaktion, verabreden sich zum Beispiel erst recht mit Freunden. Interessant ist auch das Phänomen des Denunzierens. Es entsteht ja aus einem Ungerechtigkeitsgefühl: Ich selber passe auf, andere aber nicht. Toll ist die grosse Solidarität, welche die Krise auslöst: Nachbarschaftsdienste, Hilfe für Ältere. Das kann auch das Gemeinschaftsgefühl bestärken.


Glauben Sie an eine längerfristige Wirkung, etwa bei der Solidarität?
Das ist eine der grundsätzlichen Fragen. Ich bin eher vorsichtig, denn Verhaltensänderungen benötigen bekanntlich viel Zeit und sind aufwendig.  Wir kennen es etwa vom Essen. Erst ist da der grosse Enthusiasmus, doch nach einer Weile holt uns der Alltag wieder ein. Gut möglich also, dass es sich bei dieser Krise ähnlich verhält. Ausserdem vergessen wir schnell. Es ist also zu vermuten, dass wir wieder zu den alten Gewohnheiten und Mustern zurückkehren werden. Obwohl es natürlich schön wäre, wenn die Gesellschaft das Zusammenstehen verinnerlichen könnte.


Wo sehen Sie Gutes, wie kann uns diese Krise nachhaltig zu «Glück» verhelfen?
Da sehe ich vor allem Potenzial im praktischen Leben. Wenn die Leute zum Beispiel wieder das Einkaufen in der Nähe beim kleinen Quartierladen entdecken. Oder ich hoffe, dass das Home-Office danach eine ganz andere Akzeptanz hat. Dass man merkt, dass es nicht nötig ist, für Sitzungen durch die ganze Schweiz zu reisen. Dies kann eine nachhaltige Entschleunigung bewirken und unserer mentalen Gesundheit sicher zugute kommen.


Wo gibt es aus Ihrer Sicht Positives, wenn man mehr zu Hause auf sich gestellt ist?
Ich hoffe schon, dass Menschen merken, dass es auch schöne Momente gibt in dieser Zeit. Man wird vielleicht kreativer, lernt etwas Neues. Man lebt auch bewusster, lernt, was einem gut oder nicht gut tut. Das Wohlbefinden wird bewusster gepflegt, weil äussere Reize wegfallen und wir mehr auf uns fokussiert sind.


Gehen wir in gewissem Sinne auch gestärkt aus dieser Krise hervor?
Durchaus. Wir sind mit einer Situation konfrontiert, die wir nicht kennen. Aber wir lernen sie zu überstehen. Und diese Erkenntnis, dass wir zusammen eine Krise gemeistert haben, kann uns und unsere Selbstwirksamkeit extrem stärken. Wir sind uns bewusst: Wir können uns ändern, unseren Alltag umstellen. Wir haben etwas geschafft. Zusammen, aber auch individuell.


Sollte uns in sagen wir 15 Jahren erneut eine Pandemie heimsuchen – glauben Sie, dass wir dann mental besser vorbereitet sind?
Spannende Frage. Wie stark lernen wir als Gesellschaft? Und wie können wir diese Lerneffekte reaktivieren? Wenn wir auf psychologischer Ebene reden, geht es um die Selbstwirksamkeit: Ich habe das geschafft, also schaffe ich das wieder. In 15 Jahren würden wir uns auch daran erinnern. Der Lerneffekt lässt sich nicht ausschalten. Also würde ich mit Ja antworten. Aber wenn wir in 100 Jahren erst wieder eine solche Situation haben, sieht es anders aus. Da sind wir wieder beim Vergessen.

Tipps und Ratschläge für eine gute psychische Gesundheit

Die Covid-19-Krise kann grundsätzlich bei jeder und jedem Ängste auslösen, egal, welche Alterskategorie und in welcher Lebenssituation, wie Ronia Schiftan betont. Dann gilt Folgendes:

• Ängste ernst nehmen und respektieren. Es ist normal und ok, dass man in dieser Zeit Angst hat.
• Hilfe holen bei Bedarf. Es gibt viele Fachpersonen, die derzeit im Einsatz stehen. Entsprechende Fachstellen (z.B. Dargebotene Hand 143,  Kinder und Jugendliche in Not 147) haben gar die Kapazitäten hochgefahren. Und Psychologinnen und Psychologen sind auch online verfügbar. Und: Sie sind für alle da.
• Darauf achten, dass es einem gut geht. Das gilt für jede Lebensphase. Nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gesundheit gilt es zu pflegen. Kreativ sein: Was kann ich alles machen, dabei mal auch über den Horizont hinaus denken. Dazu gehört auch, dass man weiss, was einem nicht gut tut und dieses meidet. Zum Beispiel bewusster Medien und Meldungen konsumieren. Eventuell beschränke ich mich nur auf eine News­quelle und dies nur einmal am Tag.

Weitere Tipps für alle Lebenslagen und -fragen  gibt es auf dureschnufe.ch, der Plattform für psychische Gesundheit rund um das neue Coronavirus.  

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