«Wieder ‹einfach so› Zeit haben»

In über 20 Jahren als Rektor hat Jürg Kessler die FH Graubünden von der regional geprägten Teilschule in die Selbständigkeit und auf die nationale Bühne geführt. Nach einer zweijährigen «Zusatzrunde» verabschiedet er sich nun Ende 2024 endgültig.

Was werden Sie 2025 als Erstes tun?

Jürg Kessler: Es hat schon einen Moment gedauert, bis mir bewusst war, dass die Welt am 1. Januar 2025 für mich anders aussehen wird. Mit meiner Frau Ulrica und meinen erwachsenen Kindern Räto und Lorella werde ich den Jahresbeginn speziell mit Fokus «Familie» geniessen. Mit einem entlasteten Gefühl und ohne Pendenzen im Hinterkopf. Auch haben wir uns vorgenommen, zwei Wochen am Stück Ski zu fahren und einfach die Zeit gemeinsam zu geniessen.

Der Hochschulrat hat Ihre Anstellung um zwei Jahre über Ihr Pensionsalter hinaus verlängert. War das Neubauprojekt der FH Graubünden dafür mitentscheidend?

Das neue Fachhochschulzentrum ist ein Grund. Im November ist der Spatenstich geplant. Es war mir ein Anliegen, diesen Prozess so weit zu begleiten. Zudem konnte ich meine Erfahrung mit Bauprojekten aus meiner Zeit in der Geschäftsleitung der Flughafen Zürich AG einbringen. Meine Verlängerung hat aber noch zwei weitere Gründe: Nach der Herauslösung aus der Fachhochschule Ostschweiz im 2020 waren wir als neue, eigenständige FH sozusagen ein Startup. Ich wollte die Entwicklung mit unserem starken Team begleiten, bis sich die FH Graubünden etabliert hat. Nach bald fünf Jahren steht sie nun auf einem gesunden Fundament. Und zuletzt werden dieses Jahr meine Amtszeiten als Vizepräsident der Kammer FH bei swissuniversities und als Vorstandsmitglied der Rektorenkonferenz auslaufen. Deshalb stimmt der Zeitpunkt.

Wo sehen Sie den grössten Gewinn in der Selbständigkeit der FH Graubünden?

Wir können nun zusammen mit der Regierung und dem Hochschulrat autonom unsere Studiengänge und Forschungsschwerpunkte festlegen, die die regionalen Bedürfnisse abdecken, aber auch im grösseren Kontext Sinn machen. Wenn wir zudem national oder sogar international Studierende dafür begeistern können, in unserer Region zu bleiben, hat das auch eine weitere Wirkung und zeigt, dass unser Kanton nicht nur eine Feriendestination ist, sondern auch als Lebensraum Qualitäten bietet.

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Welche Begegnung bleibt Ihnen aus diesen 20 Jahren persönlich in grösster Erinnerung?

Da kommt mir in den Sinn, wie ich am 20. September 2014 meiner Tochter ihr Bachelordiplom überreichen durfte. Das war für mich persönlich ein sehr emotionaler Moment. Auch allgemein ist der Kontakt zu den Menschen das Besondere an diesem Beruf. In diesem Sinne ist jede Diplomfeier etwas ganz Spezielles – sozusagen die Ernte unserer aller Früchte.

Welche Projekte warten auf Sie im Ruhestand?

Ich halte es da wie der Schriftsteller Ludwig Hasler mit seinem Buch «Für ein Alter, das noch was vorhat». Ich möchte nicht nur zurück-, sondern auch vorausblicken und das Fundament, das ich beruflich aufgebaut habe, weiter nutzen. So werde ich weiterhin als nebenamtlicher Laienrichter tätig sein, Mandate in Unternehmen und Stiftungen weiterverfolgen sowie in kleinem Pensum dozieren. Vor allem aber werde ich es geniessen, wieder einmal Zeit «einfach so» zu haben.

gus

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Viel Berufserfahrung aus der Wirtschaft

Jürg Kessler ist seit 2003 Rektor der FH Graubünden beziehungsweise der Vorgängerschule HTW Chur. Er ist diplomierter Vermessungsingenieur (ETH) und hat an der Universität Zürich BWL studiert. Vor seiner Zeit als Rektor war er unter anderem bei der Zurich Versicherung in verschiedenen Positionen sowie bei der Flughafen Zürich AG als Bereichsleiter Buildings und Mitglied der Geschäftsleitung tätig. Er gehört zudem dem Think Tank der Höheren Kaderausbildung der Armee an.