Katja Riem
Schon bald folgten die ersten Kommissionssitzungen mit der WBK. Plötzlich sitzt man neben diesen prominenten Grössen der Politik. Da geht es für mich im Moment noch darum, möglichst viel zu begreifen, die Abläufe und Spielregeln kennenzulernen. Ich bin aber froh, dass das Polit-Tagesgeschäft bereits läuft, so kann ich mich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren statt auf das Drumherum.
Was bleibt aus der turbulenten Anfangszeit am meisten hängen?
Meine Eröffnungsrede, die ich anlässlich der ersten Session als jüngstes Mitglied vor dem Nationalrat und allen sieben Bundesräten halten durfte. Es war eine riesige Ehre – etwas, was man nur einmal im Leben erlebt. Ich war entsprechend nervös.
Du bist gelernte Winzerin und Agronomin FH. Gerät dein Beruf durch deine Politkarriere im Moment etwas in den Hintergrund?
Nein, an erster Stelle steht noch immer klar mein Beruf. Dieser ist aber, genauso wie die Politik, saisonal. Jetzt ist es hier eher ruhig, dafür gibt es viel Arbeit in der Kommission und im kantonalen Parteivorstand. Im Sommer läuft politisch nicht sehr viel, dafür ist auf dem Rebberg viel los.
Was magst du an deinem Beruf?
Es ist ein sehr cooler Beruf und sehr vielseitig. Ich begleite den ganzen Prozess: den Teil in der Natur, wie zu Beginn eine Traube entsteht, den schönen Moment, wenn man lesen kann. Es folgt die kreative Arbeit im Keller, ein Prozess, den man mehr oder weniger steuern kann. Zum Schluss kommt ein wichtiger Teil, den man sonst in der Landwirtschaft weniger kennt: Ich kann selber das Produkt vermarkten und verkaufen, die Etikette und den Preis gestalten. Wir sind direkt am Markt und beim Kunden. Ich mag diese Vielseitigkeit mit allen Facetten. Beim Wein sind auch viele Emotionen dabei, bei mir wie auch beim Kunden.
Während dieses Gesprächs ist Wein allgegenwärtig. Das Interview findet im Untergeschoss des Wyschopfs statt. Oben im Erdgeschoss ist das eigentliche Weingeschäft, während hier unten im stilvollen Showroom Barriques, in denen Rotwein reift, die Wände säumen. Tische und Bänke stehen für Degustationen bereit. Bordeauxweine werden hier ebenfalls präsentiert – «die Leidenschaft meines Vaters», wie Katja mit einem Schmunzeln erklärt. Die Luft im Raum ist kühl. Im Keller gleich nebenan befinden sich die Filteranlage und die Edelstahlbottiche, in denen der Wein im jüngeren Stadium reift. Eine Mitarbeiterin der Weinkellerei geht eiligen Schrittes durch den Raum und holt etwas aus dem Keller.
Hast du ein Team, das deine Abwesenheiten infolge der Politik gut auffangen kann?
Das wird sich nun weisen müssen. Meine Schwester arbeitet erst seit letztem Winter Vollzeit hier. Ich war zudem im Frühling 2023 in einer Teilzeitvertretung beim Schweizer Bauernverband tätig. Insofern sind wir noch in einer Findungsphase. Da kann ich nicht immer mal wieder drei oder vier Wochen fehlen. Ich werde weiterhin bestmöglich zu den Reben schauen. Also zu unseren Reben, die wir selber bewirtschaften. Wir verarbeiten ja viel mehr, als was wir selber anbauen.
Zu deinem Berufsweg: Du hast zuerst das Gymi und die Matura gemacht. War der praktische Berufsweg nicht schon früh vorgezeichnet?
Doch, für mich eigentlich schon. In der achten Klasse ging ich in die Berufsberatung und habe für mich diesen Ausbildungsweg aufgezeichnet. Insofern ginge ich wohl rückblickend nicht nochmals in den Gymer. Für einen praktischen Ausbildungsweg ist es schlicht nicht nötig. Ich war dort auch keine Musterschülerin, habe mich einfach durchgebissen. Sicher habe ich vom Gymer auch profitiert. Doch mir liegt das praktische Arbeiten viel mehr. Wenn ich direkt sehen kann, wie etwas umgesetzt wird, lerne ich leichter. Ein gutes Beispiel ist es, die Fotosynthese anhand der Blätter der Weinreben zu begreifen. Der praktische Bildungsweg hat allgemein so viele Vorteile: Man hat meist viel früher Kundenkontakt. Geht man an die Fachhochschule, kann man daneben für einen anständigen Lohn arbeiten. Neben dem Unistudium sind es meist nur Praktika. Und es ist auch ein gutes Mittel gegen den Fachkräftemangel, wenn Menschen früher in den Arbeitsmarkt integriert werden. Daher sehe ich keinen Zweck im Weg über Gymer und Unistudium, wenn dieser für den Wunschberuf nicht unbedingt nötig ist.
Was hat dir das FH-Studium gegeben?
Die HAFL (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften der BFH) ist einzigartig, nur dort kann man ein FH-Agronomiestudium absolvieren. Man kann sich also sehr gut vernetzen und trifft sehr viele Leute aus unterschiedlichsten Zweigen. Das ist mega cool an dieser FH. Dort studieren Leute aus der Verwaltung, der Wirtschaft, aus allen Bereichen, die mit der Landwirtschaft zusammenhängen. Auch die Dozierenden und Gastreferenten sind sehr interessante und wertvolle Kontakte für mich heute. Dazu ist die Schule zweisprachig, man muss Französisch zumindest gut verstehen. Ein weiterer Pluspunkt.
Wie setzt du das Gelernte im Berufsalltag um?
Im Bereich Pflanzenschutz etwa kann ich fachlich auf einiges zurückgreifen. Zudem habe ich wirtschaftlich für den Betrieb viel mitgenommen, da ich die Vertiefung Management und Leadership gewählt habe.
Und hilft das FH-Studium auch auf der Politebene?
Auf jeden Fall. Einerseits ist da wiederum die Vernetzung, was natürlich auch im politischen Alltag zentral ist. Inhaltlich hatten wir zum Beispiel das Fach Regionalentwicklung, das mir gerade im Berner Kantonalparlament im Bereich Raumplanung half. Allgemein geht es in der Politik überhaupt sehr oft um landwirtschaftliche Themen, da hilft ein Agronomiestudium natürlich.