Wenn die Hitze zwischen den Häusern stehen bleibt: Wie Städte ihr Klima auch in den heissen Monaten angenehm halten können

Die zunehmenden Hitzewellen und zahlreichen Tropennächte erschweren den Menschen in Städten im Sommer das Leben. Doch warum heizen sich Städte so stark auf? Und was kann dagegen unternommen werden? Dita Leyh, Professorin für Stadtentwicklung und Kursleiterin des MAS Raumentwicklung an der OST – Ostschweizer Fachhochschule, erläutert, worin die grösste Problematik liegt und woran wir uns bei den Massnahmen gegen die Hitze orientieren können.


Autorin: Lena Graf

Wer an einem heissen Sommertag durch eine Stadt läuft, spürt den Unterschied sofort: Während es im Park oder am Waldrand oft noch angenehm ist, scheint die Hitze zwischen Häusern, Strassen und Plätzen stehenzubleiben. Besonders spürbar wird dies nachts. Dann geben Gebäude und Verkehrsflächen die tagsüber gespeicherte Wärme wieder ab und die ersehnte Abkühlung bleibt oft aus.

Warum Städte immer heisser werden

«In vielen Städten haben wir nicht nur überwiegend Materialien, wie Stein, Beton und Asphalt, die Wärme stark speichern. Die meisten von ihnen sind auch noch versiegelt», erklärt Dita Leyh, Professorin für Stadtentwicklung und Kursleiterin des MAS Raumentwicklung an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Versiegelte Flächen können kaum Regenwasser aufnehmen. Entsprechend steht weniger Wasser für die Verdunstung zur Verfügung, die zur Kühlung der Umgebung beitragen könnte. Gleichzeitig speichern Gebäude und befestigte Oberflächen tagsüber Wärme und geben diese in der Nacht wieder ab. Eine natürliche nächtliche Kühlung bleibt so häufig aus. Je weniger Grünflächen oder Bäume es in einer Stadt gibt, desto geringer ist der Abkühlungseffekt durch Schatten und Verdunstung. Hinzu kommt, dass viele Städte durch die dichte Bebauung eine schlechte Durchlüftung haben, sodass sich die heisse Luft staut. «Städte, die an Gewässern liegen, können hier einen Vorteil haben. Dort kann die erwärmte Luft besser zirkulieren und die Verdunstung des Wassers kann lokal zur Kühlung beitragen», ergänzt Dita Leyh. «Entscheidend ist jedoch, dass die Stadtstruktur den Luftaustausch ermöglicht und kühlere Luft in die dicht bebauten Bereiche gelangen kann.»

In Zeiten, in denen die Durchschnittstemperaturen steigen und immer häufiger Hitzeperioden mit Tropennächten, also Nächten in denen die Temperatur nicht unter 20 °C fällt, auftreten, gewinnt die Frage, wie Städte mit zunehmender Hitze umgehen können, immer mehr an Bedeutung.

Den Blick auf die Länder im Süden werfen

Helle und wenig wärmespeichernde Materialien, unversiegelte Flächen und Beschattung können dazu beitragen, dass Städte weniger heiss wahrgenommen werden. Auch Verschattungselemente zwischen Häusern, wie beispielsweise bewegliche Sonnensegel, reduzieren die Hitzebelastung deutlich. «Wenn wir einen Blick auf Städte in wärmeren Klimazonen, etwa in der Mittelmeerregion, werfen, können wir uns einiges davon abschauen, wie sich Hitze im öffentlichen Raum erträglicher machen lässt.»

Eine der wirksamsten Massnahmen gegen die Hitze in Städten sei jedoch die Begrünung. Bäume spenden nicht nur Schatten, sondern geben das über die Wurzeln aufgenommene Wasser über die Blätter durch Transpiration an die Umgebung ab und tragen so durch Verdunstung zur Abkühlung bei. «Unter einem Baum ist die Lufttemperatur häufig nur etwa ein bis zwei Grad niedriger als in der Sonne. Für den Menschen ist der Unterschied dennoch erheblich: Durch die Verschattung kann die gefühlte Temperatur um 10 bis 15 Grad niedriger liegen.» Auch die Begrünung von Fassaden oder Dächern hat einen positiven Effekt. «Sie kühlen vor allem die Gebäudeoberflächen und können dadurch auch dazu beitragen, dass sich die Innenräume weniger stark aufheizen», sagt Dita Leyh.

Eine der wirksamsten Massnahmen gegen die Hitze in Städten ist die Begrünung.

Dita Leyh
Professorin für Stadtentwicklung, Kursleiterin des MAS Raumentwicklung an der OST – Ostschweizer Fachhochschule

Dita Leyh

Wenn nach einer Hitzewelle der langersehnte Regen kommt, sind die Menschen erleichtert. «Das Problem ist, dass die vielen versiegelten Flächen in Städten kein Wasser aufnehmen können. Zum einen führt dies bei Starkregenereignissen schneller zu Überschwemmungen und zum andern wird das Regenwasser rasch abgeführt und steht danach nicht mehr für Verdunstung und Vegetation zur Verfügung.», erklärt Dita Leyh. Das Konzept der sogenannten Schwammstadt zielt deshalb darauf ab, Regenwasser möglichst lange in der Stadt zu halten. Böden und Grünflächen sollen Wasser wie Schwämme aufnehmen und speichern, damit es vor Ort versickern oder später wieder verdunsten kann, statt möglichst schnell über die Kanalisation abgeleitet zu werden. Dadurch kann Wasser auch über längere Zeit zur Kühlung des Stadtraums beitragen.

Zum Konzept der Schwammstadt gehören beispielsweise begrünte Dächer, Regenwasserspeicher, Baumrigolen, also unterirdische Systeme, die Regenwasser von Strassen direkt in den Wurzelraum eines Baumes führen, sowie bepflanzte Mulden und andere Retentionsflächen, die Regenwasser aufnehmen, speichern und teilweise versickern lassen. Eine zentrale Rolle spielen dabei möglichst viele unversiegelte und begrünte Flächen. Solche Massnahmen bieten nicht nur den Vorteil eines angenehmeren Klimas. «Der öffentliche Raum wird dadurch deutlich attraktiver. Zudem schaffen begrünte und wasserreiche Stadträume Lebensräume für Pflanzen und Tiere und fördern damit die Biodiversität», sagt Dita Leyh. Auch bei Neubauten kann viel für ein angenehmeres Klima getan werden. Bereits die bauliche Anordnung der Gebäude kann einen wichtigen Beitrag leisten: Bebauungsstrukturen sollten so geplant werden, dass Luftaustausch und Durchlüftung nicht behindert werden und kühlere Luft in die Quartiere gelangen kann. Kaltluftentstehungsgebiete und Bereiche mit Hangabwinden, also Hügel oder Berghängen, an denen in der Nacht kalte Luft bodennah nach unten fliesst, müssen konsequent freigehalten werden. Entscheidend sind auch begrünte Dächer und Fassaden sowie bauliche Elemente wie Arkaden, Balkone oder Verschattungselemente, die Gebäude und Aufenthaltsbereiche vor direkter Sonneneinstrahlung schützen. Auch die Wahl der Materialien spielt eine Rolle. Traditionelle Bauweisen in heissen Regionen, wie beispielsweise Marokko, zeigen, wie Gebäude ohne aufwendige Kühlung mit hohen Temperaturen umgehen können. Massive Lehmwände beispielsweise können Wärme aufnehmen und zeitlich verzögert wieder abgeben und dadurch starke Temperaturschwankungen im Gebäudeinneren ausgleichen. Auch helle Fassaden haben einen positiven Effekt, da sie einen grösseren Teil der Sonneneinstrahlung reflektieren und sich die Gebäude in der Regel weniger stark aufheizen.

Die verschiedenen Massnahmen müssen zusammenspielen

«In der Schweiz haben viele Städte bereits Konzepte erarbeitet, um die Stadt klimaangepasster zu machen. Auf strategischer Ebene wird das Thema Klima heute vielerorts mitgedacht», erklärt die Expertin. Bei der Umsetzung im öffentlichen Raum bestehe jedoch noch Potenzial. In vielen Städten dominieren nach wie vor asphaltierte und stark versiegelte Flächen. Andere europäische Städte zeigen, wie unterschiedliche Massnahmen miteinander kombiniert werden können. Wien setzt mit seinem Hitzeaktionsplan unter anderem auf den Schutz besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, Kinder oder gesundheitlich vorbelastete Personen. Bei angekündigten Hitzewellen setzt die Stadt auf mobile Wasserspender und Sprühnebelanlagen im öffentlichen Raum oder «coole Zonen» als Rückzugsorte. Auch Paris baut seine Massnahmen zur Anpassung an Hitze in Kombination mit dem Konzept der «15 Minuten Stadt» kontinuierlich aus. Strassen und Plätze werden begrünt, Flächen entsiegelt und ehemalige Verkehrsflächen als Aufenthalts- und Grünräume umgestaltet. «Nicht jeder Strassenraum muss maximal gekühlt werden. Interessant ist auch die Frage: «Kann jeder Mensch innerhalb weniger Minuten einen wirklich kühlen Aufenthaltsort erreichen?»», ergänzt Dita Leyh. Paris arbeitet beispielsweise mit einem Netz von mehr als 1.400 öffentlich zugänglichen kühlen Orten. «Diese Städte zeigen, dass die Anpassung unserer Städte an zunehmende Hitze nicht zwangsläufig mit grossen Einzelprojekten beginnen muss. Oft lässt sich mit der Kombination gezielter Massnahmen schon viel erreichen», sagt Dita Leyh. «Auch temporäre Massnahmen wie der saisonale Umbau von Strassen mit mobilen Baumstandorten, textilen Verschattungen, temporären Wasserflächen können helfen, die Wirksamkeit einzelner Massnahmen auszutesten»

Gegen die zunehmende Hitze in Städten gibt es keine einzelne Lösung. Eine zielführende Klimaanpassung beginnt bei der der Raum- und Stadtplanung, setzt sich bei der Anordnung der Gebäude sowie der Gestaltung von Strassen, Plätzen und Grünräumen fort und reicht bis zur Architektur und Materialwahl. Stadtklima müsse vom nachträglichen Begrünungsthema zu einer Grundlage des städtebaulichen Konzepts werden. «Ein nächster Schritt könnte sein, Klimaanpassung messbar zu machen, sei es mit Grenzwerten zur gefühlten Temperatur oder maximalem Abstand zum nächsten kühlen Ort. Dann wird Hitze ähnlich konkret behandelt wie Lärm, Verkehr oder Hochwasserschutz», sagt Dita Leyh abschliessend. «Entscheidend ist, dass die verschiedenen Massnahmen und Massstabsebenen zusammenspielen. Nur so können wir Städte schaffen, die auch bei zunehmender Sommerhitze attraktive und lebenswerte Räume für die Menschen bleiben».

MAS Raumentwicklung

Die Raumentwicklung befasst sich mit der zweckmässigen, achtsamen und nachhaltigen Nutzung des Bodens. Sie umfasst die Raumbeobachtung und das Raummanagement und lenkt die räumlichen Veränderungen. Gleichzeitig dient sie der geordneten Besiedlung des Landes und befasst sich mit der Abstimmung raumwirksamer Tätigkeiten sowie den unterschiedlichen Anspruchs- und Interessensgruppen der Raumentwicklung. Sie integriert die unterschiedlichen Politikbereiche und baut auf naturwissenschaftlichen, technischen, sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen und rechtlichen Grundlagen auf.