Wenn nach einer Hitzewelle der langersehnte Regen kommt, sind die Menschen erleichtert. «Das Problem ist, dass die vielen versiegelten Flächen in Städten kein Wasser aufnehmen können. Zum einen führt dies bei Starkregenereignissen schneller zu Überschwemmungen und zum andern wird das Regenwasser rasch abgeführt und steht danach nicht mehr für Verdunstung und Vegetation zur Verfügung.», erklärt Dita Leyh. Das Konzept der sogenannten Schwammstadt zielt deshalb darauf ab, Regenwasser möglichst lange in der Stadt zu halten. Böden und Grünflächen sollen Wasser wie Schwämme aufnehmen und speichern, damit es vor Ort versickern oder später wieder verdunsten kann, statt möglichst schnell über die Kanalisation abgeleitet zu werden. Dadurch kann Wasser auch über längere Zeit zur Kühlung des Stadtraums beitragen.
Zum Konzept der Schwammstadt gehören beispielsweise begrünte Dächer, Regenwasserspeicher, Baumrigolen, also unterirdische Systeme, die Regenwasser von Strassen direkt in den Wurzelraum eines Baumes führen, sowie bepflanzte Mulden und andere Retentionsflächen, die Regenwasser aufnehmen, speichern und teilweise versickern lassen. Eine zentrale Rolle spielen dabei möglichst viele unversiegelte und begrünte Flächen. Solche Massnahmen bieten nicht nur den Vorteil eines angenehmeren Klimas. «Der öffentliche Raum wird dadurch deutlich attraktiver. Zudem schaffen begrünte und wasserreiche Stadträume Lebensräume für Pflanzen und Tiere und fördern damit die Biodiversität», sagt Dita Leyh. Auch bei Neubauten kann viel für ein angenehmeres Klima getan werden. Bereits die bauliche Anordnung der Gebäude kann einen wichtigen Beitrag leisten: Bebauungsstrukturen sollten so geplant werden, dass Luftaustausch und Durchlüftung nicht behindert werden und kühlere Luft in die Quartiere gelangen kann. Kaltluftentstehungsgebiete und Bereiche mit Hangabwinden, also Hügel oder Berghängen, an denen in der Nacht kalte Luft bodennah nach unten fliesst, müssen konsequent freigehalten werden. Entscheidend sind auch begrünte Dächer und Fassaden sowie bauliche Elemente wie Arkaden, Balkone oder Verschattungselemente, die Gebäude und Aufenthaltsbereiche vor direkter Sonneneinstrahlung schützen. Auch die Wahl der Materialien spielt eine Rolle. Traditionelle Bauweisen in heissen Regionen, wie beispielsweise Marokko, zeigen, wie Gebäude ohne aufwendige Kühlung mit hohen Temperaturen umgehen können. Massive Lehmwände beispielsweise können Wärme aufnehmen und zeitlich verzögert wieder abgeben und dadurch starke Temperaturschwankungen im Gebäudeinneren ausgleichen. Auch helle Fassaden haben einen positiven Effekt, da sie einen grösseren Teil der Sonneneinstrahlung reflektieren und sich die Gebäude in der Regel weniger stark aufheizen.
Die verschiedenen Massnahmen müssen zusammenspielen
«In der Schweiz haben viele Städte bereits Konzepte erarbeitet, um die Stadt klimaangepasster zu machen. Auf strategischer Ebene wird das Thema Klima heute vielerorts mitgedacht», erklärt die Expertin. Bei der Umsetzung im öffentlichen Raum bestehe jedoch noch Potenzial. In vielen Städten dominieren nach wie vor asphaltierte und stark versiegelte Flächen. Andere europäische Städte zeigen, wie unterschiedliche Massnahmen miteinander kombiniert werden können. Wien setzt mit seinem Hitzeaktionsplan unter anderem auf den Schutz besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, Kinder oder gesundheitlich vorbelastete Personen. Bei angekündigten Hitzewellen setzt die Stadt auf mobile Wasserspender und Sprühnebelanlagen im öffentlichen Raum oder «coole Zonen» als Rückzugsorte. Auch Paris baut seine Massnahmen zur Anpassung an Hitze in Kombination mit dem Konzept der «15 Minuten Stadt» kontinuierlich aus. Strassen und Plätze werden begrünt, Flächen entsiegelt und ehemalige Verkehrsflächen als Aufenthalts- und Grünräume umgestaltet. «Nicht jeder Strassenraum muss maximal gekühlt werden. Interessant ist auch die Frage: «Kann jeder Mensch innerhalb weniger Minuten einen wirklich kühlen Aufenthaltsort erreichen?»», ergänzt Dita Leyh. Paris arbeitet beispielsweise mit einem Netz von mehr als 1.400 öffentlich zugänglichen kühlen Orten. «Diese Städte zeigen, dass die Anpassung unserer Städte an zunehmende Hitze nicht zwangsläufig mit grossen Einzelprojekten beginnen muss. Oft lässt sich mit der Kombination gezielter Massnahmen schon viel erreichen», sagt Dita Leyh. «Auch temporäre Massnahmen wie der saisonale Umbau von Strassen mit mobilen Baumstandorten, textilen Verschattungen, temporären Wasserflächen können helfen, die Wirksamkeit einzelner Massnahmen auszutesten»
Gegen die zunehmende Hitze in Städten gibt es keine einzelne Lösung. Eine zielführende Klimaanpassung beginnt bei der der Raum- und Stadtplanung, setzt sich bei der Anordnung der Gebäude sowie der Gestaltung von Strassen, Plätzen und Grünräumen fort und reicht bis zur Architektur und Materialwahl. Stadtklima müsse vom nachträglichen Begrünungsthema zu einer Grundlage des städtebaulichen Konzepts werden. «Ein nächster Schritt könnte sein, Klimaanpassung messbar zu machen, sei es mit Grenzwerten zur gefühlten Temperatur oder maximalem Abstand zum nächsten kühlen Ort. Dann wird Hitze ähnlich konkret behandelt wie Lärm, Verkehr oder Hochwasserschutz», sagt Dita Leyh abschliessend. «Entscheidend ist, dass die verschiedenen Massnahmen und Massstabsebenen zusammenspielen. Nur so können wir Städte schaffen, die auch bei zunehmender Sommerhitze attraktive und lebenswerte Räume für die Menschen bleiben».