ÖV-Zuschüsse statt Gratisparkplätze: Wie Unternehmen und Gemeinden nachhaltige Mobilität fördern können

Mobilität bedeutet Freiheit, kann gleichzeitig aber auch die Lebensqualität beeinträchtigen. Staus, Lärm, erhöhte Schadstoffwerte und zugeparkte Flächen gehören vielerorts zum Alltag. Dieser Zustand ist jedoch kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis unzähliger einzelner Mobilitätsentscheidungen, die nicht selten auf Gewohnheiten beruhen. Gunnar Heipp, Professor für Verkehrsplanung und Leiter des neuen CAS Mobilitätsmanagement an der OST – Ostschweizer Fachhochschule, ist überzeugt: Das Mobilitätsverhalten der Bevölkerungen lässt sich schon mit einfachen Mitteln in eine nachhaltigere Richtung bewegen. Einen grossen Einfluss hätten dabei die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Aber auch Städte und Gemeinden seien wichtige Treiber.

Max pendelt unter der Woche mit dem Postauto und dem Zug zur Arbeit. Samstags fährt er mit dem Auto zum Einkaufen. Anna radelt jeden Tag ins Büro und steigt auch in ihrer Freizeit am liebsten aufs Velo. Eva hingegen nutzt für sämtliche Wege ihren Kleinbus. Welches Verkehrsmittel wer wann wozu wählt, ist von vielen Faktoren abhängig: von den persönlichen Lebensumständen, vom Wohnort, vom Arbeitsort und den Arbeitszeiten, von der Infrastruktur, vom ÖV-Angebot, aber zu einem grossen Teil auch von Gewohnheiten.

In der Summe sind diese individuellen Entscheidungen jedoch mehr als Privatsache. Sie bestimmen mit, wie viel Platz der Verkehr in Städten und Dörfern einnimmt und wie er diese optisch prägt, wie viel Lärm und Schadstoffe in der Luft liegen und wie sicher sich Menschen im öffentlichen Raum bewegen können. Deshalb profitiert die gesamte Gesellschaft von einer möglichst nachhaltigen Mobilität. Hier setzt das Mobilitätsmanagement an: Es schafft Rahmenbedingungen und Anreize, damit Wege häufiger zu Fuss, mit dem Velo, mit dem öffentlichen Verkehr oder im geteilten Auto zurückgelegt werden und der motorisierte Individualverkehr dort reduziert wird, wo nachhaltige Alternativen bestehen. Auf diese Weise trägt es dazu bei, den begrenzten Raum effizienter zu nutzen, Emissionen zu senken und die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Die positiven Effekte reichen aber weit darüber hinaus – bis hin zu geringeren Gesundheitskosten oder einer besseren sozialen Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen.

Unternehmen in der Schlüsselrolle

Weiten Teilen der Bevölkerung sind die Vorteile einer nachhaltigen Mobilität bewusst. Dennoch spiegelt sich dieses Wissen nicht immer im Verhalten wider. Wie gelingt es, Menschen dazu zu animieren, sich nachhaltig zu bewegen? Und in wessen Hand liegt das? Mit dieser Thematik beschäftigt sich der CAS Mobilitätsmanagement an der OST – Ostschweizer Fachhochschule.

Die Haupttreiber nachhaltiger Mobilität seien Gemeinden bzw. Städte und Unternehmen, sagt Gunnar Heipp, Professor für Verkehrsplanung und Leiter des neuen Weiterbildungsangebots. Insbesondere den Unternehmen komme eine Schlüsselrolle zu. «Untersuchungen zeigen, dass das für den Arbeitsweg genutzte Verkehrsmittel oft auch über die Fortbewegung in der Freizeit entscheidet.» Ein Beispiel: Wenn in einer Familie beide Elternteile mit dem Zug zur Arbeit pendeln, ist es wahrscheinlicher, dass sie auch bei Freizeitaktivitäten oder beim Einkauf aufs Auto verzichten. Der positive Effekt multipliziert sich, weil sie dieses Mobilitätsverhalten an die Kinder weitergeben.

Prof. Gunnar Heipp, Institutsleiter IRAP Institut für Raumentwicklung an der OST
Untersuchungen zeigen, dass das für den Arbeitsweg genutzte Verkehrsmittel oft auch über die Fortbewegung in der Freizeit entscheidet.


Unternehmen können deshalb mit ihrer Mobilitätspolitik viel bewirken. Oft mit einfachen Massnahmen: Dazu gehören etwa Anpassungen im Spesen- und Parkierungsreglement, gut erreichbare Standorte in der Nähe von Bahnhöfen oder Haltestellen, Zuschüsse zu ÖV-Abonnements oder die Teilnahme an Aktionen wie «Bike to Work».

Das können Unternehmen tun, um nachhaltige Mobilität zu fördern

  • Standort und Erreichbarkeit: Arbeitsstandorte möglichst gut an den öffentlichen Verkehr anbinden und – wo sinnvoll – gemeinsam mit Städten und Gemeinden neue ÖV-Haltestellen realisieren.
  • ÖV-Nutzung fördern: Zuschüsse zu ÖV-Abonnements anbieten und Arbeitszeiten nach Möglichkeit auf die Fahrpläne abstimmen.
  • Veloverkehr unterstützen: Sichere und gedeckte Veloabstellplätze, Duschen und Garderoben bereitstellen sowie Zuschüsse für Velos oder E-Bikes ermöglichen.
  • Parkierungsreglemente anpassen: Kosten fürs Parkieren (z.B. Bereitstellung und Unterhalt der Parkfelder) den Nutzenden verursachergerecht verrechnen und nicht länger von der Allgemeinheit quersubventionieren lassen.
  • Fahrgemeinschaften fördern: Mitarbeitende beim Bilden von Fahrgemeinschaften unterstützen.
  • Dienstreisen nachhaltig gestalten: Dienstreisen möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchführen und das Spesenreglement entsprechend ausgestalten.
  • Anreizsysteme überprüfen: Dienstwagenprivilegien und andere Fehlanreize abbauen.
  • Mitmachaktionen unterstützen: An Kampagnen wie «Bike to Work» teilnehmen und Mitarbeitende zum Mitmachen motivieren.
  • Mobilität strategisch verankern: Nachhaltige Mobilität als Bestandteil der Unternehmensstrategie und des betrieblichen Gesundheitsmanagements etablieren.


Es sei im Interesse der Unternehmen, die nachhaltige Mobilität bei Mitarbeitenden oder bei Kundinnen und Kunden zu fördern – schon aus wirtschaftlichen Gründen, sagt Gunnar Heipp. «Wenn Firmen ihre begrenzten Flächen für den produktiven Betrieb nutzen können, statt Infrastruktur für Parkplätze zur Verfügung zu stellen, ist das ein Vorteil.» Auch seien entsprechende Massnahmen aus Imagegründen lohnend.  «Gerade Unternehmen, die sich zu Nachhaltigkeit bekennen, ein ESG-Reporting machen müssen und ihren CO₂-Fussabdruck reduzieren wollen, verlieren an Glaubwürdigkeit, wenn sie die betriebliche Mobilität ausser Acht lassen, zumal diese oft einen beachtlichen Teil aller Emissionen verursacht.» Und nicht zuletzt gehe es um Gesundheitsmanagement. Studien zeigen, dass Mitarbeitende, die regelmässig mit dem Velo zur Arbeit pendeln, seltener krankheitsbedingt fehlen. Davon profitieren nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch die Unternehmen.

Vom Schüler bis zur Neuzuzügerin

Städte und Gemeinden haben ebenfalls wirksame Hebel, um das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Das beginne bei der Information über lokale ÖV-Angebote, sagt Gunnar Heipp. «Eine gute Gelegenheit, diese vorzustellen, sind Veranstaltungen für Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger. Auch, weil sich Menschen nach einem Wohnortwechsel in einer verhaltensoffenen Situation befinden.»

Insgesamt gelte es aber, bei verschiedenen Zielgruppen massgeschneidert anzusetzen. Etwa bei Schülerinnen und Schülern: Diese können beispielsweise im Rahmen von Projekten «erfahren», wie sie Wege eigenständig mit dem Velo zurücklegen – ganz ohne Elterntaxi. «Dadurch fördert man nicht nur die nachhaltige Mobilität, sondern bestärkt Kinder und Jugendliche in ihrer Selbstständigkeit», sagt Gunnar Heipp. Und nicht zuletzt nehme die jüngere Generation dann Einfluss auf das Mobilitätsverhalten der Eltern.

Städte und Gemeinden können aber auch mit ihren Planungsinstrumenten die Weichen für nachhaltige Mobilität stellen. Wird dieser Aspekt schon bei der Entwicklung neuer Quartiere mitgedacht, können verkehrsarme Siedlungen entstehen, in denen das Auto nicht mehr selbstverständlich die erste Wahl ist.

Das können Städte und Gemeinden tun, um nachhaltige Mobilität zu fördern

  • Informieren und sensibilisieren: Die Bevölkerung gezielt über die Mobilitätsangebote vor Ort informieren und Vorurteile gegenüber dem öffentlichen Verkehr abbauen.
  • Fuss- und Velowege sicherer machen und ausbauen: Attraktive Infrastruktur schaffen, denn Menschen sind erfahrungsgemäss gerne zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs, wenn die Bedingungen stimmen.
  • Kinder und Jugendliche fördern: Mobilitätsprojekte an Schulen unterstützen und selbstständige, nachhaltige Mobilität früh vermitteln.
  • Geteilte Mobilität stärken: Car-Sharing-Standorte schaffen, Mietvelo-Verleih unterstützen sowie Lastenvelos und andere Sharing-Angebote bereitstellen oder finanziell unterstützen.
  • Nachhaltige Quartiere entwickeln: Areale immer mit nachhaltigen Mobilitätskonzepten entwickeln und entsprechende Anforderungen früh in die Planung integrieren.
  • Mobilitätskonzepte einfordern: Bei Bauvorhaben Mobilitätskonzepte als Voraussetzung für die Baubewilligung verlangen.


Freude und Aufbruchstimmung vermitteln

Mobilitätsmanagement beruht vielmehr auf einem schrittweisen Wandel als auf Verboten. Das Ziel sei nicht, Autos komplett von der Strasse zu verbannen, betont Gunnar Heipp. «Es geht nicht um 0 oder 100. Denn wenn sich nur schon zehn Prozent der Bevölkerung nachhaltiger fortbewegen, lassen sich damit viele Probleme wie Staus, zugeparkte Gehwege oder eine schlechte Luftqualität deutlich reduzieren.»

Heipp ist überzeugt, dass selbst kleine Massnahmen in ihrer Gesamtheit viel bewirken können. Entscheidend sei jedoch, wie sie vermittelt würden. «Mit rationalen Argumenten an die Vernunft zu appellieren, bringt auf individueller Ebene oft wenig», sagt der Verkehrsexperte. «Viel wirksamer ist es, mit positiven Anreizen Freude und Aufbruchstimmung zu vermitteln, individuelle Vorteile aufzuzeigen und das Wir-Gefühl zu stärken.»

Erfolgreiches Mobilitätsmanagement beruht auf einem Zusammenspiel von «Push»- und «Pull»-Massnahmen: Einerseits werden nachhaltige Alternativen geschaffen und attraktiver gemacht, andererseits werden weniger nachhaltige Verkehrsformen nicht länger durch falsche Anreize wie Gratisparkplätze begünstigt, sondern die tatsächlichen Kosten verursachergerecht verrechnet. Wichtig ist, die verschiedenen Zielgruppen frühzeitig einzubeziehen, Wahlmöglichkeiten anzubieten und den Mehrwert neuer Angebote herauszustreichen, sodass sie nicht als Verzicht, sondern als Gewinn wahrgenommen werden.

Pioniergeist aus der Ostschweiz

Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigen zahlreiche Beispiele. Auch die Ostschweiz habe diesbezüglich eine Vorreiterrolle eingenommen, sagt Gunnar Heipp: So unterstützt beispielsweise die regionale Mobilitätsplattform «clemo – clever mobil» Gemeinden und Unternehmen dabei, nachhaltige Mobilitätsangebote zu entwickeln. In den letzten Monaten bekannt geworden ist zudem die Kampagne «31Days Challenge», die von der Trogner Klimagenossenschaft «42hacks» angestossen worden ist. Sie motiviert Menschen, nachhaltige Mobilitätsformen während eines Monats auszuprobieren und dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren.

CAS Mobilitätsmanagement
Um Mobilität klimafreundlicher zu gestalten, reichen Infrastrukturmassnahmen allein nicht aus. Ebenso wichtig ist es, beim Mobilitätsverhalten der Menschen anzusetzen. Darauf setzt der neue CAS Mobilitätsmanagement an der OST. Ein zentraler Schwerpunkt des Kurses liegt auf der Verhaltenspsychologie. «Wer versteht, welche Faktoren Mobilitätsentscheidungen beeinflussen, kann wirksame Massnahmen entwickeln und nachhaltige Mobilität gezielt fördern», erklärt Kursleiter Gunnar Heipp, Professor für Verkehrsplanung. Der CAS Mobilitätsmanagement zeigt auf, welche Chancen und Potenziale auf kommunaler, betrieblicher oder arealbezogener Ebene bestehen und wie sich diese mit geeigneten Massnahmen oft ohne grossen Aufwand nutzen lassen. Die Teilnehmenden lernen, welche organisatorischen Rahmenbedingungen und Ressourcen dafür erforderlich sind und wie sie Mobilitätsprojekte von der Konzeption über die Umsetzung bis zur Evaluation kompetent begleiten.