Leistungsgesellschaft oder Hamsterrad?

Kolumne zum Thema Psychische Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Berufsverband für Angewandte Psychologie, SBAP

Frühmorgens, beim Hundespaziergang, sehe ich ab und zu eine junge Mutter, die, sichtlich gestresst, ihre zwei kleinen Kinder zum Auto bringt – eines, noch völlig verschlafen, auf dem Arm, das andere an der Hand, auf dem Rücken ein Computerrucksack. Wir begrüssen uns jeweils kurz, mein Hund bellt auffordernd, «Hallo Pitt!», ruft das ältere Kind entzückt, dann werden beide in ihre Sitze geschnallt und die Mutter fährt winkend los. Sie muss ihre Kleinen noch in die Kita bringen, um dann ins Büro zu fahren. Ein häufiger Satz lautet, stets mit Lachen begleitet: «Guten Morgen, guten Morgen, ich bin heute wieder viel zu spät dran und werde im Stau steckenbleiben.» Ich lache dann jeweils verständnisvoll zurück.

Ihren Mann sehe ich manchmal abends, wenn er seinen Wagen in unsere gemeinsame Garage fährt. Der Wortwechsel dauert da etwas länger. Einige Sätze zum Wetter, zur geopolitischen Situation, zum ständigen Zeitmangel und je nach Wochentag zur Vorfreude auf das Weekend und damit auf seinen regelmässigen Tennismatch am Samstagmorgen, je nach Wetter indoor oder outdoor: «Den brauche ich zum Stressabbau, ohne geht bei mir nix mehr!»

Nachdenklich

Mir stellt sich die Frage nach der Lebensqualität dieser jungen Familie. Der Begriff Work-Life-Balance hat sich ja längst etabliert – sind nun diese schwer berufstätigen Eltern ein gelungenes Beispiel für ein ausgewogenes Dasein? Ein Vorbild für ihre Kids? Wie viel Zeit verbringen sie zusammen und mit ihren noch kleinen Kindern? «Denk an quality-time», sagte mir ein Freund, es sei doch wichtiger, wenn auch weniger Zeit, dafür diese umso intensiver in die Beziehung, in die Familie einzubringen. «Und wo bleibt bei all dem die psychisch benötigte Ruhe, die qualitytime für sich selber?» Genau dafür gebe es Kurse, wie zum Beispiel Yoga, Sport, Meditation, progressive Muskelentspannung, Qigong usw. Burnouts seien mit solch einem Ausgleich durchaus vermeidbar …  Was ich daraus höre, ist, dass in einem von Leistung geprägten Lebensstil noch mehr Leistung hinzu kommt, nämlich die Leistung des Erlernens vom Abschalten des Sich-von- Leistung-getrieben-Fühlens. Aber auch das benötigt Zeit – kurz: ein weiterer Stresspunkt in einer meistens eh schon übervollen Agenda. So wird auch die nötige Entspannung Teil des Hamsterrads.

 

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