Die Arbeitswelt verändert sich, in manchen Branchen sehr spürbar. Als «sicher» gilt nur noch wenig. In Zeiten des Strukturwandels werden Unsicherheiten grösser, Planung ist schwierig. Was heisst das für Karrierewege? Ist Karriereplanung noch möglich, ergibt das Sinn? Die Aussage eines Experten überrascht.
Die Zeiten stehen auf Veränderung. KI-basierte Anwendungen mischen die Arbeitswelt auf und relativieren einige unserer erlernten Fähigkeiten. Wir passen uns den neuen Tatsachen an und versuchen, mit dem Tempo Schritt zu halten. Die einen sehen es als Chance, andere als Bedrohung.
Allgemeine Zukunftskompetenzen sind klar, meist aber sehr allgemein gefasst. Wie sieht aber die Laufbahnplanung für eine junge FH-Absolventin aus, die klare berufliche Ziele verfolgt? Ist Laufbahn- oder Karriereplanung heute noch möglich oder sinnvoll? Dazu haben zwei Experten Stellung genommen. Zum einen Marc Schreiber. Der promovierte Psychologe ist Berater, Dozent und Forscher am Zentrum Laufbahngestaltung des Instituts für Angewandte Psychologie (IAP) der ZHAW. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt auch Laufbahnentwicklung in der Arbeitswelt 4.0. Daniel Hinder ist Psychologe und Betriebsökonom FH. Er führt eine psychologische Praxis, mit der er seit 30 Jahren in den Bereichen Beratung, Training und Assessments tätig ist.

Planung sei noch gar nie möglich gewesen, stellt Marc Schreiber klar, egal ob für eine Handwerkerin, einen FH-Absolvent oder eine Uni-Absolventin.
«Diese absolute Planbarkeit einer Berufskarriere wurde in der goldenen Nachkriegszeit suggeriert», sagt er. Das hat sich geändert, heute beobachtet Schreiber, dass die Leute wieder mutigere berufliche Entscheidungen treffen. «Eine langfristig konkretisierte Karriereplanung ist in der heutigen Zeit kaum mehr möglich», sagt auch Daniel Hinder. Eine rollende berufliche und persönliche Planung hingegen sei sinnvoll.
Mit den Veränderungen am Arbeitsmarkt ändern sich auch die Fragen der Klientinnen und Klienten. Themen wie Sicherheit und Change würden zunehmen. «Heute lautet die Frage meist nicht mehr: Wie kann ich den nächsten Karriereschritt machen? Sondern: Wie bleibe ich längerfristig arbeitsmarktfähig und beruflich erfolgreich?»
Sogenannt sichere Jobs, etwa in der öffentlichen Verwaltung oder im Handwerk, hätten wieder an Attraktivität gewonnen. Stabilität und Sinnstiftung anstelle von möglichst hohem Lohn, raschem Aufstieg und Prestige. Ein neuer Realismus. Auch gut ausgebildete Akademiker mit bisher besten Karriereaussichten sind nicht gefeit. Gemäss Schweizerischem Arbeitgeberverband ist die Zahl der Arbeitslosen mit universitärem Masterabschluss seit 2010 um 70 Prozent gestiegen. Alles wegen KI? Marc Schreiber mag das so nicht direkt bejahen.
«Welche Faktoren alle einwirken, ist immer schwer zu sagen.» In der Theorie rede man bereits seit 20 Jahren von den Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt. Aber: «Inzwischen ist die Technologie angekommen bei uns. Sie ist relevant geworden und betrifft uns alle.» Inwiefern können wir also wissen, was morgen gilt, auf welche Fähigkeiten wir setzen müssen, um selbst im Arbeitsmarkt relevant zu bleiben? Schreiber stellt klar, dass es nach wie vor sinnvoll und notwendig ist, einen Plan zu haben. Der Fokus aber hat sich verschoben. Zuerst gelte es herauszufinden, was die Entwicklung für das eigene berufliche Umfeld und die Branche bedeute. Und was das für die persönliche Situation, basierend auf den vorhandenen Fähigkeiten, heisst. Die richtigen Fragen an sich selbst zu stellen, ist bedeutend geworden. In der Laufbahnberatung hat man sich schon länger davon verabschiedet, Rezepte für die richtigen Karriereschritte zu erstellen. «Konkrete Vorschläge zu machen ist ohnehin nicht unser Paradigma», sagt Marc Schreiber.
Vielmehr sieht er seine Aufgabe darin, den Blick zu öffnen und bestehende Haltungen zu hinterfragen. «Traut sich jemand das Gymi nicht zu werde ich das genauso hinterfragen wie wenn jemand aus Statusdenken keine Lehre machen möchte.» Schreiber geht es darum, den roten Faden im Lebenslauf zu finden und auf die Situation bezogen den nächsten Schritt zu machen. Am IAP verfolgt man unter anderem auch das Konzept des Life Design. «Die Beratung findet als Co-Konstruktion statt, am Schluss beantwortet die beratene Person ihre Fragen selbst.» Ein Ansatz, der sich gut eignet in einer Arbeitswelt, in der nur noch wenig planbar ist.

Auch Daniel Hinders Karriere-Coaching beginnt mit der Reflexion der eigenen Person. Bezüglich KI stellt er die Frage: «Wie manage ich den Wandel in meinem Job und wie fördere ich meine Kompetenzen, die KI nicht abdeckt?» Kompetenzen wie kritisches Denkvermögen, Kreativität und Resilienz dürften heute genauso gefragt sein wie kommunikative und kooperative Fähigkeiten. Hinder plädiert zudem dafür, in Szenarien zu denken, «in Lösungsoptionen statt problemfokussiert».
Egal wie man es dreht: In Zeiten grösserer Veränderung und Unsicherheit wird die vertiefte Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Fähigkeiten unausweichlich. Das kommt nicht von ungefähr, da auch in der Berufswelt und bei Unternehmen die Verschiebung vom Fokus auf Ausbildungen und Zertifikaten hin zu den Fähigkeiten (Skills) stattfindet.
Seine eigenen Fähigkeiten auch zu zeigen und zu kommunizieren, sei gegenüber früher wichtiger geworden. Hinder: «Wenn ich in Seminaren die Teilnehmenden dazu auffordere in zwei Minuten aufzuschreiben, was ihre wichtigsten Skills sind, dann fällt ihnen das meist nicht leicht!»
Die Bereitschaft für das lebenslange Lernen ist auf jeden Fall essenziell. Das ist auch in den Köpfen angekommen, wie Hinder anmerkt. Doch welche Kompetenzen, wo lernen?
Der praktische Weg über eine Berufslehre und die FH bietet nach wie vor hervorragende Aussichten, ist Hinder überzeugt – und er mahnt in Richtung der Hochschulen: «Diesen Vorteil des Praxisbezugs darf man nicht verwässern!» Dass Praktiker nach wie vor gefragt sind, zeigen denn auch die Zahlen des Arbeitgeberverbandes: seit 2010 hat die Zahl der Arbeitslosen mit beruflicher Grundbildung um 40 Prozent abgenommen.
Marc Schreiber hebt derweil die Bedeutung vom Lernen «on the job» hervor. «Viele unterschätzen, was sie dabei alles lernen.» Alleine durch eine detaillierte Jobbeschreibung kämen sehr viele Fähigkeiten zum Ausdruck. «Das ist für mich zentral.» Deshalb ist er skeptisch, wenn jemand eine Weiterbildung absolviere, nur weil man dies «sollte». «Ich finde es auch gefährlich, wenn wir versuchen, die Kompetenzen der Zukunft in Weiterbildungen zu erwerben.» Allgemeine Definitionen von Zukunftskompetenzen seien zwar einerseits sinnvoll, gleichzeitig etwas problematisch. «Wichtiger ist, welche Kompetenzen für mich selbst beim nächsten Schritt auf meinem Weg wichtig sind.»
Auf dieser Metaebene erteilt Schreiber auch seine Empfehlung an FH-Absolvent:innen: Den eigenen Weg gehen und sich nicht auf Arbeitsmarktprognosen ausrichten. «Folgen Sie Ihrem persönlichen roten Faden.» Oft sei man hin und her gerissen zwischen dem, was der Arbeitsmarkt verlange, was die Eltern sagten und dem, was man selber eigentlich wolle.» Schreibers Tipp: «Ausprobieren! So merkt man am besten, was richtig ist.» Ein Rezept, dass auch im KI-Zeitalter nicht an Gültigkeit verliert. Er sieht in der Unplanbarkeit zudem durchaus Gutes: «Sie nimmt auch den Druck, einen bestimmten Plan erfüllen zu müssen. Das kann befreiend sein.»