Wie entwerfe ich eine Bachelorarbeit?


Larissa Cavegn | Studentin | FH Graubünden01.07.2019

Knapp gesagt – mit unendlicher Geduld, sturem Durchsetzungswillen und dem Bewusstsein, die Gleichgültigkeit nicht gewinnen zu lassen. In diesem Artikel beschreibe ich euch meine persönlichen Schlüsselmomente und Erkenntnisse aus dem Arbeitsprozess beim Entwerfen der Bachelorarbeit meines Architekturstudiums an der HTW Chur.

Schauplatz ist die Stadt Fürstenau im Domleschg (Graubünden). Der Eingang zur Altstadt markiert ein kurzer, steiler Anstieg im Strassenverlauf. Auf der rechten Seite ruht das Schloss Schauenstein, aus ihm dringt der Duft von frischem Gebäck. Der Koch Andreas Caminada ist hier am Werk und bekocht an diesem einzigartigen Ort seine Gäste. Angrenzend an das Schloss steht ein Bauwerk, früher landwirtschaftlich genutzt, heute dient es als Unterbringung für nicht mehr verwendete Gerätschaften. Ein Stall mit massiven Eckpfeilern, einer seitlich angelegten Rampe ins Obergeschoss und Öffnungen gefüllt mit Holzlamellen; Um dieses Bauwerk und seine gebaute Umgebung werden sich meine Gedanken die nächsten sechs Monate drehen.

 

Auf dem Rundgang durch die Stadt schreiten wir an einer kargen Natursteinmauer entlang, was sich dahinter verbirgt, sollte wegweisend sein für mein Projekt. Es ist ein kleiner Bestand von Weinreben. Für mich steht ab diesem Moment fest, dass in dem alten, unscheinbaren Stall ein Weingut entstehen soll mit Produktionsstätte und Degustationserlebnis. Ich verspreche mir, an dieser Idee festzuhalten, sollten auch kritische Stimmen dem entgegnen.

 

Zwischenzeitlich nimmt mein Projekt Gestalt an und ich befinde mich auf dem Weg in Richtung Heerbrugg zum Weingut Schmidheiny. Mit mir dabei sind einige Klassenkameradinnen und -kameraden und zusammen dürfen wir heute eine Weindegustation mit Führung durch die Produktion geniessen. Ich erlaubte mir einen solchen Ausflug zu organisieren, denn zu sehen wie Architektur Teil einer Produktvermarktung wird, ist nicht nur für meinen Nutzungsansatz Weingut interessant. Die Führung durch die Produktion und Lagerräume lässt mich meine eigenen ungenutzten Qualitäten im Projekt erkennen und Ansätze sehen, diese zu stärken.

 

Szenenwechsel: Ein rauer Wind weht durch die Bäume und vor mir liegt ein tief-blauer See zu Füssen. Ich befinde mich am Crestasee und reflektiere die vergangene Zwischenbesprechung. Und es stellt sich mir unentwegt die Frage, wie zur Hölle entwerfe ich ein modernes Gewölbe? Ein wesentlicher Kritikpunkt meines Projekts war das Barriquelager. In Anlehnung an die frühere Lagerung wollte ich diesen Raum speziell ausgestalten und entwarf ein Gewölbe. Zu meinem Unmut war dies nicht der gewünschte Ansatz meiner Dozierenden. In Zeiten von Stahlträgern und Beton ist die Konstruktion eines auf druckbelasteten Gewölbes nicht mehr zeitgemäss. Aufgabe für mich: modernisieren. Leicht vor Wut kochend, da mir jeglicher Ansatz fehlt, gebe ich mich dem Wasser hin. Und während ich mich treiben lasse, meinen Gedanken aufmerksam horche, sehe ich die Zusammenhänge plötzlich klar vor mir. Die mystische Atmosphäre eines Gewölbes wird vor allem durch seine materielle Gleichheit von Wand und Decke erzielt. Und diesen Ansatz gilt es weiter zu verfolgen. 

 

Mit der Gestaltung des Obergeschosses tue ich mich schwer. Ich sitze vor meinen Plänen und suche nun schon den dritten Entwurfsansatz für die Raumgestaltung. Den Stift ziellos über das Blatt gleitend, in den Weiten des Internets nach Antworten suchend. Die Worte meines Dozenten Robert Albertin hallen in meinen Ohren wider: Dein Ansatz muss einfach, klar, selbstverständlich sein. Vorreiter für klare Linien und Konstruktionen waren zahlreiche Architektinnen und Architekten in der Geschichte, aber in meinen Augen brachte dies keiner so auf den Punkt wie Mies van der Rohe. Sein Konzept zum Barcelona-Pavillon mit dem fliessenden Raum und dem freien Grundriss sollten Inspiration für die Gestaltung meines Obergeschosses werden.

 

Finale: Ein Unwohlsein macht sich in mir breit. Minuten vergehen wie Stunden und Stunden wie Wochen. Es ist September und der lang ersehnte Moment meiner Bachelorarbeit steht an – die Präsentation. Nun gilt es alle Ideen, Überlegungen und Kniffs meines Projekts in kurzen und knappen Worten meinen Zuhörerinnen und Zuhörern zu vermitteln. Anhand meines Schreibstils dürfte euch inzwischen klar sein, dass dies nicht ganz einfach wird, da ich gerne mal aushole und abschweife. Dennoch gilt es zuversichtlich zu bleiben.

 

Sechs Monate nach der Präsentation werde ich die SIA-Auszeichnung für die Erhaltung von Bauwerken entgegennehmen. Die Jury anerkennt das Projekt als «gelungen, sorgfältig ausgearbeitet und dargestellt» 

 

An dieser Stelle möchte ich meinen Dozenten Robert Albertin und Michael Meier danken. Erst durch ihren stets scharfen Blick und ihre faire Kritik konnte ein solches Projekt entworfen werden. Ausserdem bin ich dankbar für zwei unterstützende Eltern, die während meines Studiums an meiner Seite waren und auch in schwierigen Momenten nicht wichen.

 

Larissa Cavegn hat im September 2018 ihr Architekturstudium an der HTW Chur abgeschlossen und ist nun als Architektin tätig. Mehr zu ihrem preisgekrönten Projekt.

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