Was wir heute noch von Simone de Beauvoir lernen können


Lea Ernst | Redaktorin Brainstorm | 16.04.2019

Sie war stark, brillant, die grösste Kämpferin für die Freiheit der Frauen im 20. Jahrhundert: Simone de Beauvoir war mit Sicherheit mehr als nur die Muse an der Seite des Schriftstellers Jean-Paul Sartre. Provokation und Tabubrücke standen bei ihr an der Tagesordnung. Doch können wir auch heute, über 30 Jahre nach ihrem Tod, noch von Simone de Beauvoir lernen?

«Ich möchte vom Leben alles!», sagte die im Jahr 1908 in Paris geborene Simone. Genau das tat sie auch und stellte mit offenen Beziehungen, Affären, dem bewussten Entscheid gegen Ehe und Kinder, dem Bruch mit der Religion und ihren grossen feministischen und philosophischen Werken die Welt auf den Kopf. Dabei lehrte sie uns vor allem eins: Haargenau das zu tun, wofür wir brennen. Auch wenn es entgegen gesellschaftlichen Normen ist, auch wenn es viele Niederschläge und Kämpfe mit uns selbst erfordert. 



Schluss mit starren Rollenbildern

Das legendäre Intellektuellenpaar Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre führte für die damalige Zeit eine durch und durch ungewöhnliche Beziehung. Obwohl er ihr zu Beginn mehrere Heiratsanträge machte, lehnte sie ab. Sie einigten sich schliesslich auf einen anderen Pakt: Die beiden führten eine «notwendige» Liebe, akzeptierten aber auch die «zufälligen» Lieben, sprich Affären des jeweils anderen. Dies unter der Bedingung, sich immer alles zu erzählen. Eine offene Beziehung also, ein Modell, das sich besonders heute in unserer Generation wieder grösserer Beliebtheit erfreut. Die beiden grundverschiedenen Personen blieben ihr Leben lang ein Paar, wohnten jedoch nie zusammen und hatten auch keine Kinder.

«In Sartre konnte ich hineinsehen wie in mich selbst: Welche Beruhigung.» – Simone de Beauvoir

Was wir heute daraus lernen können: Unser Liebesleben geht niemanden etwas an. Ob eine Märchenhochzeit mit Glitzerkutsche und 12 Kindern oder lieber als Single, in einer offenen Beziehung, monogam, polygam oder im Harem: Wir sollten leben und lieben, wie wir uns wohlfühlen, ohne uns von momentanen Trends oder verurteilenden Blicken leiten zu lassen.



Die Ménage à trois

Mit 25 Jahren begann Simone de Beauvoir eine Affäre mit einer ehemaligen Schülerin. Sie unterstützte ihren Schützling finanziell und unterrichtete sie auch. Sartre war ebenfalls fasziniert von der Russin, die seine Partnerin mitgebracht hatte – und es entwickelte sich das, was de Beauvoir und Sartre das «Trio» nannten. Die Ménage à trois scheiterte schliesslich, als Sartres Eifersucht auf die Beziehung der beiden Frauen überhandnahm.

«Die Harmonie zwischen zwei Individuen ist niemals gegeben. Sie muss immer wieder neu erobert werden.» – Simone de Beauvoir

Was wir heute daraus lernen können:
Liebe erfordert Nähe und Erotik Distanz. Mal wünschen wir uns das eine, mal das andere, aber schlussendlich können wir nicht immer beides haben.



Der Zauber der Seiten

Bücher regen zum Träumen und Nachdenken an. Sie werfen aber auch Fragen auf und bringen vermeintliche Sicherheiten ins Wanken. Simone selbst ist das Schreiben nicht einfach in den Schoss gefallen (Simone de Beauvoir, «Memoiren einer Tochter aus gutem Hause», 1958). Nur mit eiserner Disziplin, unzähligen Kritiken und Fehlschlägen hat sie ihre Werke fertiggestellt. Sie sah sich auch selbst zu keiner Zeit als brillante Schriftstellerin. Ihr Leben lang versuchte sie, ihren Stil durch viel Training und harte Arbeit zu verbessern und sass beinahe täglich im Café, um zu schreiben. Sich selbst bringt de Beauvoir zum ersten Mal in ihrem Roman «Sie kam und sie blieb» autobiografisch ins Spiel, als sie die missglückte Ménage à trois schriftlich verarbeitet.

«Die Literatur tritt dann in Erscheinung, wenn irgendetwas im Leben aus den Fugen gerät.» – Simone de Beauvoir 

Was wir daraus lernen können: Nur weil uns etwas nicht auf Anhieb gelingt, sollten wir nicht gleich in Selbstzweifeln versinken und den Bettel hinschmeissen. Auch bei den grössten Denkern erforderte es trotz Talent lebenslange Ausdauer und einen durchgehenden Prozess, um in etwas richtig gut zu werden.



Ein Grundpfeiler des Feminismus

Simone de Beauvoir wurde gefördert und geachtet, obwohl sie eine Frau war. Sie hat sich als Frau im Beruf der Schriftstellerin und Philosophin nicht benachteiligt gefühlt. Und doch war sie sich bewusst, mit welchen Hindernissen viele Frauen tagtäglich zu kämpfen haben. Bei der Arbeit an dem skandalösen Werk «Das andere Geschlecht», einem der grössten feministischen Werke des 20. Jahrhunderts, machte sie eine überraschende Entdeckung: Sie lebt in einer Männerwelt und ist von Mythen umgeben, die von Männern erfunden wurden.

«Wenn Frauen etwas versuchen, dann nicht mit demselben Mut und der gleichen Hoffnung wie die Männer. Sie sind geschlagen, bevor sie beginnen – weil sie wissen, dass die Gesellschaft ihnen nicht denselben Respekt erweisen wird.» – Simone de Beauvoir

Was wir daraus lernen können: Wir sollen wach bleiben, auch wenn oder gerade dann, wenn uns die Benachteiligung nicht offensichtlich betrifft. Es erfordert Mut, neue Gedanken zu entwickeln. Erst durch das kritische Hinterfragen können wir die so bequem gewordene Decke der Gewohnheiten lüften.



Nach wie vor brandaktuell

Während des grossen Abenteuers, sich selbst zu sein, beging Simone de Beauvoir viele Fehler und traf falsche Entscheidungen. Sie ging jedoch stets mit offenen Augen durch die Welt. Sie hinterfragte sich selbst genauso schonungslos wie ihre Umwelt. Ausreden liess sie nicht gelten, weder für sich selbst noch für andere.

De Beauvoir war ihr Leben lang abenteuerlustig und arbeitsam zugleich, glamourös und bescheiden, provokant und mitfühlend. «Mein Leben ist mein Werk», hat sie einmal gesagt. Und dieses Werk ist bis heute von frappanter Modernität: in der Theorie wie in der Praxis. Simone de Beauvoir wollte alles vom Leben. Sie wollte «eine Frau, aber auch ein Mann sein». Das war ein Risiko. Sie hat es gewagt – und es hat sich gelohnt.

Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, dass Simone de Beauvoirs Worte klingen, als seien sie eben erst geschrieben worden. Tritt die Gleichberechtigung auf der Stelle? Oder war Beauvoir eine so visionäre Vordenkerin? Es trifft wohl beides zu.


«Ich liebe das Leben so sehr und verabscheue den Gedanken,
eines Tages sterben zu müssen.
Und ausserdem bin ich schrecklich gierig: Ich möchte vom Leben alles,
ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein,
viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben,
aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein…»

– Simone de Beauvoir

 

Dieser Artikel ist als Erstpublikation im Brainstorm-Magazin erschienen.

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