Was auf dem Flugplatz so abgeht


Dominik Bleisch | Student ZHAW Redaktor Brainstorm10.08.2018

Martin* arbeitet neben seinem Aviatikstudium an der ZHAW im Teilzeitpensum in der Gepäckabfertigung beim Flughafen Zürich. Im Interview plaudert er aus dem Nähkästchen und verrät, wie das Gepäck heil am Ziel ankommt.

Martin*, Hand aufs Herz: Hast du auch schon Koffer herumgeworfen?
Das ist Standard am Flughafen und etwas vom ersten, was einem beigebracht wird. Bereits bei der Einführung in meine Arbeit, als ich die Koffer noch schön langsam in den hinteren Teil des Gepäckraums rollte, riefen mir die anderen Arbeiter zu: «Schmeiss diese Koffer gefälligst nach hinten, sonst werden wir heute nicht mehr fertig!» Wir schmeissen also das Gepäck hauptsächlich darum herum, damit die Passagiere rechtzeitig abfliegen können und wir keine Bussen für die Verspätung bezahlen müssen.

 

Hast du kein schlechtes Gewissen, dass du dabei den Inhalt kaputt machst?
Nein, wenn alles richtig im Gepäck verstaut ist, geht auch nichts kaputt. Und passiert doch einmal etwas, zahlt ja am Ende sowieso immer die Versicherung. Manchmal können wir aber auch gar nichts dafür, wenn wir Koffer herumwerfen müssen. Normalerweise sind wir zu zweit im Laderaum. Ein Mitarbeiter ist ganz hinten und rollt das Gepäck nach vorne, der andere legt es bei der Türe auf das Förderband. Da es in unserer Firma ständig an Arbeitskräften mangelt, kann es auch vorkommen, dass jemand mal alleine im Frachtraum ist und somit den Koffer von ganz hinten auf das Förderband werfen muss. Da kann es auch mal passieren, dass man das Förderband verfehlt… Und wenn der Koffer auf dem Rollfeld landet und dazu noch dummerweise eine Rotweinflasche darin ist, gibt es dann halt einen grösseren Fleck. Da kann man nur hoffen, dass nicht zu viel weisse Kleider dabei sind…

 

Gibt das keinen Ärger? Ihr werdet doch sicher die ganze Zeit überwacht?
Das ist neben einzelnen Stichproben vor allem bei den grossen Langstreckenfliegern der Fall. Da gibt es dann beispielsweise bei Qatar Airways Angestellte, die die ganze Zeit zu fünft herumstehen. Einer bleibt immer etwas im Hintergrund und überwacht das Ein- und Ausladen vom Gate aus, die Kamera jederzeit griffbereit. Wenn du aus ihrer Sicht etwas falsch machst, kannst du dir sicher sein, dass fünf Minuten später ein Bild davon auf dem Schreibtisch deines Chefs landet…

 

Welche Kofferbesitzer hast du so richtig auf dem Kieker?
Zum einen sind das jene, die ihre Koffer mit Folie einpacken. Diese Gepäckstücke kannst du dann nur noch werfen, weil die Griffe und Rollen dick umwickelt nicht mehr brauchbar sind. Auch Flüge aus Teilen Asiens und Afrikas sind mühsam, weil die Koffer immer gefühlte 50 Kilo schwer sind. Keine Ahnung, was die Menschen von dort alles mitnehmen – manchmal habe ich das Gefühl, sie transportieren ihr gesamtes Hab und Gut (lacht).

 

Was macht eure Arbeit sonst noch mühsam?
Wie bereits gesagt hauptsächlich die Aufpasser, die uns ständig kontrollieren. Der Flughafen ist für mich und wohl auch für einige Kollegen ein grosser Spielplatz, wo man sich während sechs bis acht Stunden voll austoben kann und nebst den Sicherheitsvorschriften an nichts denken muss. Dann werden wir jeweils daran erinnert, dass es halt eben doch nur ein Spielplatz unter Aufsicht ist.

 

Was passiert denn so alles Lustiges auf diesem Spielplatz?
Manchmal erlauben wir uns den Spass und sperren einen anderen Mitarbeiter im Gepäckraum ein. Das ist besonders lustig, wenn die Ladeluke so weit oben ist, dass man nur via Förderband herunterkommt. Wenn einer zum Beispiel ganz hinten ist und auf sein Mobiltelefon starrt, fahren wir dann einfach das Förderband weg und schliessen die Türe. Wir warten dann jeweils belustigt, bis jemand merkt, dass noch ein Mitarbeiter im Gepäckraum ist (grinst). Laut Erzählungen soll es auch schon so weit gegangen sein, dass ein Flieger bereits auf dem Rollfeld zur Startbahn unterwegs war und nochmals umkehren musste. Für Belustigung sorgte bei uns auch einmal ein aufgeplatzter Koffer, der komplett mit Sexspielzeugen gefüllt war. Wir mussten danach alles wieder einpacken, während einige Teile davon lautstark vibrierten. Auch zwei Tiere sorgten für viel Erheiterung: Zwei Mitarbeiter öffneten den Gepäckraum und kletterten hinein. Plötzlich kamen sie aber das Förderband schnell wieder heruntergerannt, dicht gefolgt von zwei bellenden Hunden, die quer über die Standplätze rannten. Da hatte wohl jemand die Hundeboxen zu stark an der Wand festgezurrt, sodass diese auseinanderfielen.

 

Gibt es auch weniger lustige Erlebnisse?
Da gab es einmal eine unappetitliche Ladung aus einem arabischen Land: Als ich die Türe zum Gepäckraum eines Etihad-Fliegers öffnete, stach mir bereits ein penetranter Gestank in die Nase. Ich vermutete zuerst stinkende Schweissklamotten in einem der Gepäckstücke als Ursache. Mit der Zeit wurde der Geruch immer unerträglicher. Beim Herausnehmen eines Koffers tropfte dann plötzlich Erbrochenes herunter. Die ganze Oberfläche sowie der Boden des Gepäckraumes waren damit übersät. Da musste sich wohl ein Angestellter am Abflugort beim Beladen übergeben und dann seelenruhig weitere Koffer daraufgestellt haben, anstatt die Sauerei aufzuputzen. Weil es danach immer noch penetrant stank und ich es nicht mehr aushielt, stopfte ich beim Einladen meine Ohrenstöpsel in die Nasenlöcher.

 
Hast du selber schon einmal aus Neugier in einen Koffer hineingeschaut?
Ich nicht, ausser er war bereits kaputt und lag offen herum. Andere Angestellte des Flughafens machen das aber manchmal, denn besonders bei schweren Koffern ist die Neugier jeweils gross, was denn da so alles drin ist.

 

Was empfiehlst du, damit der Inhalt eines Koffers heil am Ziel ankommt?
Ein Koffer mit harter Aussenschale und vier Rädern ist wichtig. Diese werfen wir nicht herum, weil wir sie herumstossen und so auch unseren Rücken schonen können. Gepäckstücke mit entfernbaren Rädern sind tabu und wohl die sinnloseste Erfindung, die es gibt. Besonders bei schweren Stücken ist es schon vorgekommen, dass wir aus Ärger die Räder entfernt und auf den Gepäckwagen gelegt haben. So machen wir den Besitzer darauf aufmerksam, was bei nicht so netten Flughafen-mitarbeitern in einem anderen Land passieren könnte (lacht).

 

Was gefällt dir bei deiner Arbeit?
Ich muss bei dieser Arbeit an nicht viel denken, ich kann im Gegensatz zum Studium den Kopf abschalten und muss nur Gepäck stapeln. Das ist für mich ein guter Ausgleich.

 

Würdest du nicht lieber am Schalter arbeiten?
Nein. Der grosse Vorteil an Koffern ist, dass sie ruhig sind. Am Schalter kann es auch mal mühsame Passagiere geben, die herummotzen. Das bleibt mir auf dem Rollfeld erspart.

 

Den ganzen Tag Koffer zu schleppen ist doch körperlich sicher sehr anstrengend. Hast du nie Schmerzen?

Schmerzen hast du nur, wenn du einen Koffer von einem Kollegen an den Kopf bekommst. Vom Herumschleppen alleine habe ich aber keine Beschwerden, nur im Sommer bei voll ausgelasteten Fliegern und wenigen Pausen merke ich die Belastung.

 

Kannst du dir vorstellen, nach deinem Studium Vollzeit am Flughafen zu arbeiten?
Ja, aber nicht in der Gepäckabfertigung, weil das körperlich mit der Zeit sehr belastend ist. Ich habe grossen Respekt vor jenen, die diesen Job bereits seit mehreren Jahrzehnten machen. Die Geschichten von nächtlichen Raserrennen in getunten BMWs, die mich immer wieder zum Lachen gebracht haben, werde ich dann auf jeden Fall vermissen.

 

*Name geändert

 

Dieser Beitrag ist als Erstpublikation im Brainstorm erschienen.

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