«Ist das nicht zu viel für Sie?»


Nuno J. Piller | Student HWZ | 08.11.2018

Zu Beginn des 2. Bachelor-Semesters brachte Deborah I. (28) ihr Kind auf die Welt. Bis zur Schwangerschaft konnte sich die damals 23-Jährige nicht im Entferntesten vorstellen, Mutter zu sein. Ein Jahr später war auch die Beziehung zu Ende.

Vor der Schwangerschaft hattest du einen Job und einen Hochschulabschluss im Visier. Welcher Gedanke hat dich dazu gebracht, dies zugunsten eines Kindes zu unterbrechen?
Ein Kind in diesem Alter zu gebären war zwar nicht geplant, aber eine Abtreibung wäre für mich niemals in Frage gekommen. Aber es war nicht so schlimm, denn ich war damals verlobt und hatte eine Berufsausbildung. Wäre ich beispielsweise erst 15 Jahre jung gewesen und ohne Ausbildung, dann hätte ich es mir wahrscheinlich anders überlegt. Aber das kann ich nicht so genau sagen.

 

Wie hast du dir damals das Vollzeitstudium mit einem Nebenjob und einem Kind vorgestellt?
Ich dachte, dass das Studium die grössere Herausforderung, als der Job sei. Später habe ich festgestellt, dass nur die Arbeit gelitten hat. Studieren und Mami sein hat unter anderem funktioniert, weil ich Zuhause lernen konnte.
In der Berufswelt musste ich mehr Opfer bringen: Mit einem kleinen Teilzeitpensum kommt die Karriere nicht so rasch voran wie bei einer Vollzeit-Stelle. Wegen der Schule und meinem Kind konnte ich aber kein grösseres Pensum annehmen.
Dazu kommt die Besorgnis, dass ich aufgrund einer Babypause und dem Teilzeitpensum eine Lücke in der Pensionskasse habe. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, etwas aufgeben zu müssen. Es wurde einfach anspruchsvoller.

 

Was genau war anspruchsvoll?
In der Finanzbranche sind Teilzeitstellen nicht sehr willkommen. Deshalb hat der Arbeitgeber meinen temporären Arbeitsvertrag damals nicht verlängert.
Das Studium wollte ich aber keinesfalls abbrechen. Es war mir daher wichtig, dass ich zuerst die Balance zwischen Schule und Kind erreiche. Ich habe das Studium ein halbes Jahr pausiert und bin danach wieder im 2. Semester eingestiegen.
Dank dem Care Commitment Programm der FHNW war es für studierende Mütter oder Väter möglich, in einem Teilzeit-Studium weiter zu machen. Glücklicherweise wurde dieses Angebot gerade zu dieser Zeit eingeführt und somit war ich eine der ersten Studentinnen, die davon profitieren konnten.
Als ich das Studium und den Mami-Job im Griff hatte, machte ich mich wieder auf die Stellensuche.

 

Ab welchem Semester hast du alles gleichzeitig gemacht?
Im 5. Semester fing ich mit einem 40% Pensum in einer neuen Anstellung an. Wie sich vorher jedoch herausstellte, war es äusserst schwierig, einen neuen Job zu finden. Die meisten (männlichen!) Vorgesetzten waren darüber besorgt, ob ich das Studium, das Kind und den Job unter einen Hut bringen kann. Wenn ich heute daran denke, dann nervt mich die Frage von damals immer noch: «Ist das nicht zu viel für Sie?» Leider musste ich mir sie oft anhören.
Ein Gespräch von damals werde ich nie vergessen. Mit einem Schulpensum von ca. 60% und dem geplanten Arbeitspensum von 40% hat mir ein Teamleiter bei einem Vorstellungsgespräch abschätzend vorgeworfen, ich hätte so gar keine Zeit für mein Kind. Mein Profil passte optimal zu der Stelle, aber ich erhielt dennoch eine Absage. Hinterher fühlte ich mich so wertlos wie noch nie.


Wie hat eine normale Woche damals ausgesehen?
Am Montag war ich ab Mittag bis ca. 21 Uhr in der Schule. Am Dienstag arbeitete ich den ganzen Tag. Mittwochs variierten die Unterrichts-Zeiten, jedoch war ich immer ein halber Tag in der Schule. Am Donnerstag war ich wieder den ganzen Tag im Büro und am Freitag hatte ich frei. Neben dem Sonntag war dies der einzige ganze Tag, den ich mit meinem Kind verbringen konnte. Denn manchmal hatte ich am Samstag auch Unterricht. Es kam aber vor, dass eines der obligatorischen Wahlfächer an einem schulfreien Abend stattfand und ich noch weniger Zeit mit meinem Kind verbringen konnte. Zum Glück waren meine Eltern immer da, wenn ich nicht Zuhause sein konnte. Um dies wieder auszugleichen, ging ich früher aus dem Unterricht. Manchmal ging ich gar nicht zur Schule. Dies war abhängig von der Präsenzpflicht. Es war mir aber sehr wichtig, dass ich den Kleinen an den freien Halbtagen wenigstens für einige Stunden sah.

 

Wann hast du denn für die Schule gelernt?
Oft verliess ich den Unterricht aber auch früher, um mein Kind ins Bett zu bringen und um danach bis teilweise morgens um 3 Uhr zu lernen. Dies stets mit Unterbruch, da ich es alle paar Stunden beruhigen und wieder in den Schlaf wiegen musste. Eine andere Variante war, dass ich morgens um 5 Uhr aufgestanden bin, um zu lernen. Zu dieser Zeit war meistens alles ruhig. Zusätzlich konnte ich jedes 2. Wochenende nutzen, wenn der Kleine bei seinem Vater war.

Es war mir aber auch wichtig, dass ich in meiner knappen Freizeit Dinge machen konnte, die mir Spass bereiteten. Ich nutzte diese Zeit um ein kleines Tortenbusiness für meine Mutter aufzubauen und konnte das Gelernte vom Studium gleich anwenden.

 

War vor dem Kind ein Auslandsemester ein Thema?
Ja sicher! Sogar mit dem Kind! Ich hatte mich bereits an einer Schule in Ecuador und Mexiko eingeschrieben. Den Kleinen hätte ich mitgenommen, jedoch verzichtete ich wegen den finanziellen Mitteln auf das Auslandsemester. Es wäre möglich gewesen, da meine Mutter mitgekommen wäre und ich vor Ort eine Nanny engagiert hätte. Jedoch bot die London School of Economics einen Crashkurs während drei Wochen für ein bestimmtes Modul an. Also beschloss ich mich dazu, mein Kind und meine Mutter für 3 Wochen nach London mitzunehmen. Nach der Schule war es ein bisschen wie in den Ferien und ich habe es sehr genossen. Ausserdem wurden mir für den Kurs ETCS-Punkte angerechnet und ich profitierte davon, in dem ich im Verlauf des Semesters weniger Unterricht hatte und dafür ein bisschen mehr Zeit für mein Baby.

 

Wie bist du damit umgegangen, generell nicht sehr viel Zeit für dein Kind zu haben?
Es hat mich sehr geschmerzt. Am schlimmsten war es, als es unser Zuhause nicht mehr als solches wahrnahm und nicht mehr hier sein wollte. Er wollte bei mir sein, aber nicht in diesem Haus. Der Kleine hat halt viel von meiner inneren Unruhe gespürt und war viel bei seinen Grosseltern. Aber ich habe das Studium für mich und mein Kind abgeschlossen in der Hoffnung, mit einem höheren Salär uns ein gutes Leben finanzieren zu können. Selbstverständlich war aber auch meine Selbstverwirklichung ein Thema und ich interessierte mich sehr für die Materie. Ich gehe einfach gerne zur Schule und lerne neue Dinge.

Trotzdem leisteten wir in unserer Freizeit und zusammen mit unserer Hündin Shirah, ehrenamtliche Arbeit in einem Hundeverein. Ich wollte, dass mein Sohn lernt, wie man respektvoll mit Tieren umgeht. Später im Studium ging ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit nach Uganda, um eine lokale Schule zu unterstützen. Dadurch habe ich mein Patenkind kennengelernt. Mir war wichtig, dass der Kleine Fotos von ihm sieht und versteht, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ein Mensch so viel Luxus hat wie wir. Heutzutage freut es mich sehr, wenn er seine zu klein geratenen Kleider von sich aus spenden möchte. Zudem lässt er seine Haare wachsen und wird diese bei einer gewissen Länge an krebskranke Kinder schenken. Ich denke, dass ich die knappe Zeit mit ihm gut genutzt habe.

 

Was möchtest du künftigen Studi-Mamis und Papis mitteilen?
Es liegt mir sehr am Herzen, dass Mütter und Väter sich bewusst sind, dass man wegen einem Kind die Arbeit nicht beenden oder das Studium abbrechen muss. Es braucht viel Willenskraft und Energie diesen Weg zu gehen. Man kann alles erreichen, aber man darf seine Ziele nicht aus den Augen verlieren. Den Müttern möchte ich besonders ans Herz legen, dass sie ihr Ding machen sollen. Vor allem wenn andere behaupten, der Hochschulabschluss sei für die Katz. Man bleibt ja sowieso «nur» Mutter. Es ist für Mütter aber wichtig, dass sie nicht zu lange vom Arbeitsmarkt wegbleiben, sonst wird es immer schwieriger den Wiedereinstieg in die Berufswelt zu finden.
Mein Tipp: Man muss sich im Klaren sein, dass ein Studium für Alleinerziehende einen grossen Aufwand bedeutet. Mit Unterstützung der Familie oder von guten Freunden ist dies aber machbar. Trotzdem sollte es wirklich gut überlegt sein. Man hat aber den Vorteil, dass man die Schule auch pausieren kann und wenn alles stimmt, dann go for it!

 

Wo stehst du heute?
Heute habe ich mein Bachelor-Diplom, ein 50% Pensum, ein wunderschönes, gesundes Kind und eine glückliche Beziehung. Mein Kind ist, nach wie vor, bei jeder Entscheidung die oberste Priorität. Die harte Zeit, die wir gemeinsam erlebt haben, hat uns sehr verbunden. Wir sind aber beide sehr happy und zufrieden.

 

Wirst du noch einen Master machen?
Ich konzentriere mich auf mein Kind und deshalb hat dies aktuell keinen Stellenwert. Die letzten Jahre waren sehr emotional und ich hatte praktisch keine Freizeit. Nun möchte ich alles nachholen und ich geniesse jeden Tag, den wir zusammen verbringen können.

An dieser Stelle möchte ich von ganzem Herzen der FHNW danken! Ohne das Care Commitment Programm wäre das Studium nicht möglich gewesen und ich wäre heute nicht da, wo ich bin. Tausend Dank von uns beiden!

 

 

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