Autorin: Linda van Euw
Das letzte Kind zieht aus. Plötzlich bleibt das Kinderzimmer leer, Routinen verändern sich, und im Alltag entsteht Raum, der jahrelang von Familienleben ausgefüllt war. Viele Eltern erleben diesen Moment mit gemischten Gefühlen. Freude darüber, dass die Tochter oder der Sohn den eigenen Weg geht, mischt sich mit Wehmut und der Frage, wie sich das eigene Leben nun neu gestaltet. In den Medien fällt in diesem Zusammenhang häufig der Begriff Empty Nest Syndrome.
Für Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello greift diese Bezeichnung jedoch zu kurz. «Der Begriff ist unglücklich gewählt. Eigentlich handelt es sich gar nicht um ein Syndrom», sagt die Entwicklungspsychologin. Seit Jahrzehnten erforscht die emeritierte Professorin der Universität Bern biografische Übergänge und Generationenbeziehungen. Der Auszug der Kinder gehöre zu den normalen Entwicklungsaufgaben einer Familie – nicht zu einer Krankheit. «Ich würde eher von einer Anpassungsreaktion auf einen familiären Übergang sprechen.»
Die Bezeichnung Empty Nest Syndrome entstand in den 1950er-Jahren, als sich viele Frauen fast ausschliesslich über ihre Mutterrolle definierten. «Wenn die Kinder auszogen, verloren sie ihre wichtigste Aufgabe und einen grossen Teil ihrer Identität.» Heute haben sich die Lebensrealitäten grundlegend verändert. Beruf, Partnerschaft, gesellschaftliches Engagement oder persönliche Interessen gehören für viele selbstverständlich dazu. Hinzu kommt, dass das Syndrom weder als psychologische noch als psychiatrische Diagnose existiert. «Entsprechend gibt es auch keine Zahlen darüber, wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind.»
Ganz von der Hand weist Perrig-Chiello das Thema dennoch nicht. Sie sieht vielmehr gesellschaftliche Entwicklungen, die erklären, weshalb Eltern den Auszug ihrer Kinder oft intensiver erleben als frühere Generationen. «Kinder haben heute einen anderen Stellenwert», sagt sie. «Sie sind meist bewusst geplant und erhalten entsprechend viel Aufmerksamkeit.» Familien sind kleiner geworden. Zugleich investieren Eltern mehr Zeit, Energie und emotionale Ressourcen in ihre Kinder als jemals zuvor. Begriffe wie Helikopter- oder Schneepflugeltern sind Ausdruck dieser Entwicklung. «Es ist deshalb verständlich, dass dieser Schritt mehr Wehmut auslösen kann.»
Besonders anspruchsvoll kann dieser Übergang werden, wenn sich das eigene Leben fast ausschliesslich um das Kind dreht. «Alleinerziehende oder Menschen mit belasteten Partnerschaften gehören eher zu den Risikogruppen», erklärt Perrig-Chiello. «Wenn das Kind zum wichtigsten Lebensmittelpunkt wird oder das eigene Wohlbefinden stark von ihm abhängt, fällt das Loslassen schwerer.» Dennoch betont sie, dass dies nur einen kleinen Teil der Eltern betrifft. «Unsere Langzeitstudien haben gezeigt, dass dieser Übergang zwar etwas verändert, für die meisten Eltern aber kein Drama ist.»
Was die Forschung stattdessen immer wieder zeigt, ist etwas anderes: Ambivalenz. «Biografische Übergänge und enge Beziehungen sind immer davon geprägt», sagt Perrig-Chiello. Gerade darin liegt ihre Normalität. Eltern sind traurig, wenn ihre Kinder das Elternhaus verlassen, gleichzeitig freuen sie sich aber darüber, dass diese selbstständig werden. Diese widersprüchlichen Gefühle sind kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Wer liebt, muss immer wieder lernen, Nähe und Distanz auszubalancieren. Für Perrig- Chiello liegt genau hier der entscheidende Punkt: Der Auszug der Kinder beendet die Beziehung nicht, sondern verändert sie. «Man ist nicht mehr die Mutter oder der Vater eines Kindes, das täglich Unterstützung braucht. Die Beziehung entwickelt sich weiter – hin zu einer Begegnung auf Augenhöhe.» Unterdessen beginnt für das erwachsene Kind eine wichtige Entwicklungsaufgabe: Verantwortung zu übernehmen und auf eigenen Beinen zu stehen. Eltern, die an ihrer bisherigen Rolle festhalten, erschweren diesen Prozess. «Loslassen bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Es bedeutet, der Beziehung eine neue Form zu geben.»
Auf die Frage, wann Eltern beginnen sollten, sich auf diesen Abschied vorzubereiten, antwortet Perrig-Chiello, ohne zu zögern: «Mit der Geburt.» Diese Aussage fasst ihre Haltung zum Elternsein zusammen: «Kinder sind ein Geschenk. Unsere Aufgabe ist es, sie zu eigenständigen, gesunden Erwachsenen zu begleiten – nicht sie zu besitzen.» Kinder sind ihren Eltern nicht schuldig, ein Leben lang in ihrer Nähe zu bleiben oder deren Bedürfnisse zu erfüllen. Die Aufgabe der Eltern ist vielmehr, ihren Kindern Selbstvertrauen und Eigenständigkeit mitzugeben. «Danach müssen wir sie ihren eigenen Weg gehen lassen – auch wenn uns das manchmal einen Stich ins Herz versetzt.»
Interessanterweise unterscheiden sich die Erfahrungen von Müttern und Vätern stärker, als lange angenommen wurde. In ihren Langzeitstudien befragte Perrig-Chiello Eltern vor und nach dem Auszug ihrer Kinder. Zunächst erwarteten Frauen und Männer die Situation ähnlich belastend. Rückblickend zeigte sich jedoch ein anderes Bild. Viele Frauen empfanden die neue Freiheit als Bereicherung und nutzten sie, um eigene Interessen oder berufliche Ziele wieder stärker zu verfolgen. Männer berichteten dagegen häufiger, sie hätten in ihrer Vaterrolle etwas verpasst.
Entscheidend ist letztlich jedoch nicht das Geschlecht, sondern die Qualität der Beziehung. «Wer seinem Kind vertraut und überzeugt ist, dass es seinen Weg finden wird, kann den Abschied besser bewältigen.» Die Bindungsforschung zeigt seit Jahren, dass sichere Beziehungen auch über grosse Distanzen hinweg bestehen blei-ben. «Die emotionale Verbundenheit verschwindet nicht, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen.» Eltern und erwachsene Kinder unterstützen sich weiterhin gegenseitig – oft sogar intensiver als früher, allerdings auf andere Weise.

Linda von Euw arbeitet als freie Journalistin für diverse Publikationen. Sie schreibt über die unterschiedlichsten Themenbereiche – und begeistert sich für alle.
Hinzu kommt, dass der Auszug heute oft weniger endgültig ist als früher. Studium, Praktika oder hohe Wohnkosten führen dazu, dass viele junge Erwachsene vorübergehend wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Perrig-Chiello spricht von den sogenannten Boomerang Kids: «Der Übergang ist dadurch weniger klar, aber nicht unbedingt schwieriger. Er verlangt einfach mehr Flexibilität.»
Wie sich dieser Lebensabschnitt anfühlt, ist von Familie zu Familie individuell. Die Geschichten von Sabine B. und Susanne T. zeigen, wie unterschiedlich Eltern den Auszug ihrer Kinder erleben.
Als im März 2026 gleich beide Kinder auszogen, veränderte sich das Leben von Sabine B. von einem Tag auf den anderen. Der Schritt kam zwar nicht überraschend – und doch schneller als gedacht. Die zweifache Mutter spricht von grosser Traurigkeit: «Ich hätte noch hundert Jahre mit ihnen zusammenleben können», sagt sie. Dass der Auszug sie emotional fordern würde, hatte Sabine schon lange geahnt. Zu eng war das Familienleben. Die gemeinsamen Abendessen zogen sich oft über Stunden, es wurde diskutiert und viel gelacht. Als ihr Sohn mitteilte, dass er in etwa einem Jahr ausziehen wollte, konnte seine Schwester den Gedanken kaum ertragen. So fragte er sie spontan, ob sie nicht ebenfalls ausziehen und mit ihm eine WG gründen wolle. Gemeinsam mit einem weiteren Kollegen fanden sie eine passende Wohnung, die per sofort frei war. Innerhalb weniger Wochen war das Elternhaus leer. Sabine sagt, es gebe nichts, worüber sie froh wäre, dass es nun vorbei sei. Selbst Kleinigkeiten wie die kreativen Outfits ihrer Tochter oder die laute Musik ihres Sohnes fehlen ihr. Nur einen kleinen Vorteil nennt sie lachend: «Ich muss nicht mehr ständig kochen. Ein 20-Jähriger kann unglaubliche Mengen essen.»
Gleichzeitig empfindet sie grossen Stolz. Beide Kinder stehen auf eigenen Beinen und meistern ihr Leben selbstständig. Dass sie diesen neuen Lebensabschnitt gemeinsam erleben, freut und beruhigt sie zugleich. «Ich wusste, sie sind gut aufgehoben», sagt sie. An ihrer Beziehung habe sich kaum etwas verändert. Über den Familienchat bleiben alle eng in Kontakt, teilen Erlebnisse aus dem Alltag und verabreden sich regelmässig.
Trotz allem haben sich neue Freiräume ergeben. Spontane Verabredungen mit ihrem Mann sind einfacher geworden, und er geniesse ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Neue Hobbys brauchte Sabine nicht. Als PR Beraterin war sie schon immer beruflich stark engagiert. Dazu kommen das Schwimmen, enge Freundschaften und – wie sie selbst sagt – «100 000 Ideen» für neue Projekte. «Ich war nie nur Mutter.»
Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Zeit hat mit dem Loslassen zu tun. In den vergangenen Monaten kamen mehrere einschneidende Veränderungen zusammen: Sabines Mutter ist gestorben, die Kinder sind ausgezogen, und der Umzug aus dem Familienhaus steht noch bevor. Statt sich möglichst schnell abzulenken, wollte sie ihrer Traurigkeit bewusst Raum geben. «Meine Strategie besteht darin, den Schmerz anzuerkennen und ihn zu durchleben.» Gut gemeinte Ratschläge wie «Freu dich doch für die Kinder» oder «Das ist doch der normale Lauf der Dinge» hätten ihr in dieser Situation nicht geholfen. Erst als sie ihre Gefühle zuliess, konnte sie den Abschied Schritt für Schritt verarbeiten.
Der Auszug ihrer Kinder hat für Sabine zwar einen neuen Lebensabschnitt eingeläutet. Alt fühlt sie sich deshalb aber nicht. Im Gegenteil: Kinder halten jung, ist sie überzeugt. Durch ihre Sprache, ihre Themen und ihren Blick auf die Welt bleibe man automatisch näher an ihrer Lebensrealität und verliere den Anschluss an das, was sie bewegt, nicht. Genau das möchte sie sich auch in Zukunft bewahren. Die Tür ihres Zuhauses soll deshalb immer offen sein – sei es für ein gemeinsames Essen, einen Sonntagsbrunch oder einfach, um Zeit miteinander zu verbringen.
Anderen Eltern möchte Sabine vor allem eines mit auf den Weg geben: Traurig zu sein ist völlig in Ordnung. Wer eine enge Beziehung zu seinen Kindern hat, darf diesen Schritt durchaus als Verlust empfinden und diese Gefühle auch offen zeigen.
Fünf Kinder grosszuziehen hat den Alltag von Susanne T. über viele Jahre geprägt. Heute sind alle ausgezogen. «Es ist ruhiger geworden», sagt sie. Vor allem aber habe der neue Lebensabschnitt ihr mehr Zeit für sich selbst geschenkt. Plötzlich bleibt Raum für Dinge, die früher oft zu kurz kamen: Freunde treffen, lesen, wandern, Velo fahren oder einfach einmal nichts tun. Diese Auszeiten geniesst sie gemeinsam mit ihrem Mann. Die beiden haben sich einen VW-Bus gekauft und sind seither viel unterwegs. Auch langjährige Hobbys haben wieder mehr Platz. Susanne näht und strickt leidenschaftlich gern oder widmet sich anderen kreativen Arbeiten. Den Traum von einem eigenen Nähatelier erfüllte sie sich bereits, bevor ihre beiden jüngsten Kinder das Elternhaus verliessen. Obwohl sie offiziell pensioniert ist, engagiert sie sich weiterhin freiwillig in einem kleinen Pensum: Sie gibt Bastel- sowie Ferienkurse für Kinder und organisiert Stallerlebnisse.
Die Verantwortung ist mit dem Erwachsenwerden der Kinder jedoch nicht verschwunden, sondern hat sich verändert. Während die Kinder ihr eigenes Leben führen, besucht Susanne T. regelmässig ihren Vater im Altersheim. «Man hat das Leben lang Verpflichtungen», sagt sie. Die Familie bleibt dabei der Mittelpunkt ihres Lebens. Bei fünf Kindern und zwei Enkelkindern stehen übers Jahr zahlreiche Geburtstage an, die nach Möglichkeit immer gemeinsam gefeiert werden. Mindestens einmal im Monat kommt die ganze Familie zusammen. Dass ihre Kinder ausgezogen sind, erlebte Susanne deshalb nicht als schmerzhaften Einschnitt, sondern als natürlichen Lauf des Lebens. «Es ist wie mit allem – jedes Kapitel hat seine Zeit.» Irgendwann seien die Diskussionen darüber, wer das Bad putzt, wer rechtzeitig zum Abendessen nach Hause kommt oder ob die Hausaufgaben erledigt sind, einfach vorbei. «Dann ist es gut.»
Ganz loslassen müsse man trotzdem nicht. Ab und zu unterstützt sie ihren jüngsten Sohn noch bei Alltags- oder Finanzfragen. Dabei sei für sie immer klar gewesen, dass ihre Kinder ihren eigenen Weg finden sollen. «Man muss Vertrauen haben.» Eine besondere Bereicherung sind heute ihre beiden Enkelkinder. «Man möchte als Mutter alles richtig machen. Das gelingt natürlich nicht immer.» Grossmutter zu sein, empfindet Susanne deshalb als Geschenk. «Mit den Enkelkindern erlebt man vieles noch einmal – einfach anders.»
Rückblickend ist Susanne überzeugt, dass gerade das Loslassen zum Elternsein dazugehört. Den eigenen Kindern den nötigen Freiraum zu geben war für sie von Anfang an wichtig. Anderen Eltern rät sie deshalb, ihren Kindern Orientierung und klare Grenzen zu vermitteln, ihnen aber auch genügend Freiheit zu lassen, eigene Erfahrungen zu sammeln. Eltern müssten nicht alles steuern oder kontrollieren. Manchmal dauere es etwas länger, es brauche Umwege. Entscheidend sei, den Kindern zu vertrauen und ihnen zuzutrauen, ihren Platz im Leben selbst zu finden. Ein wenig Ermutigung dürfe dabei aber durchaus dazugehören.
Am Ende ist das leere Kinderzimmer weniger Ausdruck eines Verlusts als vielmehr ein stilles Zeichen dafür, dass aus Nähe Vertrauen geworden ist und aus Begleitung Selbstständigkeit.