Aktuell beträgt die Mindestfranchise in der obligatorischen Krankenversicherung 300 Franken für Erwachsene. Versicherte können freiwillig höhere Franchisen bis maximal 2’500 Franken wählen und erhalten dafür Prämienrabatte.
Das Parlament hat die Motion Friedli im März 2025 angenommen. Im März 2026 schickte der Bundesrat den Gesetzentwurf in die Vernehmlassung.
Das zentrale Argument hinter der Reform ist das sogenannte «Moral-Hazard»-Narrativ: Wenn Versicherte einen grösseren Teil der Kosten selbst tragen, gehen sie bewusster mit medizinischen Leistungen um und verzichten eher auf unnötige Arztbesuche – etwa bei leichten Beschwerden wie einer Erkältung. Dahinter steht die Annahme, dass Versicherungsschutz zu einer gewissen Übernutzung führen kann, weil die direkten Kosten für Patient*innen gering sind. Eine höhere Kostenbeteiligung soll dieses Verhalten korrigieren, das Kostenbewusstsein stärken und die Nachfrage nach Leistungen insgesamt dämpfen.
Kostenverschiebung statt Kostenbeteiligung
Die Thesen von der gestärkten Eigenverantwortung und der Übernutzung des Gesundheitswesens haben aber einen Haken: Krankheit lässt sich nicht aufschieben wie ein Kinobesuch. Zum Arzt zu gehen, kostet auch ohne Franchise Zeit und Energie – das wirkt bereits als natürliche Hemmschwelle gegen unnötige Arztbesuche. Verschiedene Studien belegen denn auch, dass höhere Kostenbeteiligungen (z.B. Franchisen, Selbstbehalte) nur zu sehr bescheidenen Rückgängen bei der Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen führen.
Die Reform trifft hauptsächlich Menschen, die ohnehin krank sind. Knapp die Hälfte aller Erwachsenen (45 %) wählte 2024 die Mindestfranchise – meist ältere Menschen und chronisch Kranke, die wissen, dass sie die Franchise sowieso überschreiten. Sie gehen nicht zum Arzt, weil sie wollen, sondern weil sie aufgrund ihrer Gesundheit müssen. Ihr Verhalten wird sich durch die höhere Franchise kaum ändern – ihre Rechnung hingegen wird grösser.
Wenn Menschen bei medizinischen Behandlungen aber doch sparen, tun sie es oft an der falschen Stelle. Studien zeigen, dass höhere Eigenleistungen nicht selektiv unnötige Behandlungen reduzieren: Herzpatienten lassen Blutdrucksenker weg, Krebsvorsorge wird aufgeschoben und Prävention wird ganz vernachlässigt. Der Schaden entsteht also nicht durch zu viele Arzttermine – sondern durch zu wenige, mit spürbaren Folgen für die Gesundheit und vermeidbaren Folgekosten fürs Gesundheitswesen.
Und die erhofften Einsparungen? Eine Erhöhung um 100 Franken verschiebt rechnerisch rund 410 Millionen Franken von den Kassen zu den Patientinnen und Patienten. Das klingt nach viel – entspricht aber weniger als 1 % der gesamten Pflichtleistungsausgaben. Für einkommensschwache Versicherte übernehmen Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen die Franchise. Die Kosten verschwinden also nicht – sie wechseln bloss von der Krankenkasse ins Sozialbudget.
Die Eigenleistungen sind bereits sehr hoch
Die Gesundheitskosten in der Schweiz steigen seit Jahren stark – und es besteht breite Einigkeit, dass etwas dagegen unternommen werden muss. Gleichzeitig gehört die Schweiz bereits heute zu den Ländern mit einer besonders hohen direkten Kostenbeteiligung der Bevölkerung. Ein grosser Teil der Gesundheitsausgaben wird also bereits aus eigener Tasche bezahlt.