«Das grösste Risiko ist, nicht zu investieren»

Viele Menschen halten sich bei der Geldanlage aufgrund fehlenden Fachwissens, aus Angst vor schwankenden Börsenkursen oder aus Sorge, Anlagefehler zu machen, zurück. Wer jedoch die wichtigsten Grundsätze kennt, kann bereits mit kleinen, regelmässigen Investitionen erfolgreich Vermögen aufbauen. Im Interview erklärt Prof. Ernesto Turnes, Professor für Banking & Finance und Leiter des IFL Institut für Finance und Law, was unter Risiko zu verstehen ist, welche Bedeutung der Anlagehorizont hat und worauf Einsteigerinnen und Einsteiger besonders achten sollten.

Autorin: Lena Graf

Warum sollte man investieren?

Zu Beginn der 1990er-Jahre wurden Bankguthaben in der Schweiz noch mit rund 3 bis 5 Prozent verzinst. Heute sind die Zinsen auf Bankkonten dagegen praktisch bei Null. Wer sein Geld ausschliesslich auf dem Konto liegen lässt, baut deshalb kaum noch Vermögen auf und verliert durch die Inflation langfristig sogar an Kaufkraft. Um finanzielle Ziele zu erreichen und Vermögen langfristig aufzubauen, ist das Investieren heute wichtiger denn je. Wer sein Geld langfristig anlegt und eine passende Strategie konsequent verfolgt, kann von den Ertragschancen der Finanzmärkte profitieren.

Welche Grundprinzipien sollten Einsteigerinnen und Einsteiger verstehen, bevor sie starten?
Zunächst sollte entschieden werden, ob man selbstständig investieren oder eine Beratung in Anspruch nehmen möchte. Neobanken, also rein digitale Banken ohne physischen Sitz, bieten heute einen einfachen und kostengünstigen Einstieg ins Investieren. Wer seine Anlagen selbst verwalten möchte, sollte sich jedoch die notwendigen Grundlagen aneignen.

Wer Unterstützung wünscht, kann sich von einer Bank beraten lassen. Diese hilft dabei, das persönliche Risikoprofil zu bestimmen, eine passende Anlagestrategie festzulegen und ein geeignetes Portfolio zusammenzustellen. Die beiden wichtigsten Grundlagen beim Investieren sind das persönliche Risikoprofil und der Anlagehorizont. Entscheidend ist also, wie viel Risiko man bereit und finanziell in der Lage ist zu tragen und über welchen Zeitraum das Geld investiert werden soll. Diese beiden Faktoren bestimmen, welche Anlagestrategie sinnvoll ist. Wichtig ist dabei: Es gibt keine richtigen oder falschen Strategien, sondern nur Strategien, die zur jeweiligen Person und ihren finanziellen Zielen passen.

Die wichtigsten Begriffe

Risiko: Risiko beschreibt die Möglichkeit, dass der Wert einer Geldanlage schwankt oder Verluste entstehen. Grundsätzlich gilt: Je höher die erwartete Rendite, desto grösser ist in der Regel auch das Risiko.

Rendite:
 Die Rendite zeigt, wie stark eine Geldanlage über einen bestimmten Zeitraum an Wert gewonnen oder verloren hat. Sie setzt sich beispielsweise aus Kursgewinnen, Dividenden oder Zinsen zusammen.

Aktien:
 Aktien sind Anteile an einem Unternehmen. Aktionärinnen und Aktionäre profitieren von der Entwicklung des Unternehmens, etwa durch steigende Aktienkurse oder mögliche Dividenden.

Obligationen:
 Mit einer Obligation leiht man einem Staat oder einem Unternehmen Geld und erhält dafür, sofern es nicht zu einem Ausfall kommt, regelmässige Zinszahlungen sowie am Ende der Laufzeit das investierte Kapital zurück.

Zinseszins:
 Zinseszins entsteht, wenn erhaltene Zinsen wieder angelegt werden. Dadurch erhält man später nicht nur Zinsen auf das ursprünglich investierte Geld, sondern auch auf die bereits erhaltenen Zinsen. Das Vermögen wächst dadurch mit der Zeit schneller.


Welche Missverständnisse begegnen Einsteigerinnen und Einsteigern beim Investieren besonders häufig?

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, dass es den perfekten Einstiegszeitpunkt gibt. Die Entwicklung der Finanzmärkte lässt sich jedoch nicht zuverlässig vorhersagen. Wichtiger als der richtige Zeitpunkt ist deshalb, überhaupt mit dem Investieren zu beginnen und der gewählten Anlagestrategie langfristig treu zu bleiben. Viele glauben zudem, dass häufiges Kaufen und Verkaufen von Wertschriften den Anlageerfolg verbessert. Tatsächlich verursacht jede Transaktion Kosten, und häufiges Handeln führt nur selten zu einer höheren Rendite. Langfristiger Anlageerfolg beruht in der Regel auf Disziplin, Geduld und einer klaren Strategie.

Ein weiterer Irrtum ist die Vorstellung, dass sich an der Börse schnell und einfach hohe Gewinne erzielen lassen. Einzelne Glückstreffer sind zwar möglich, sie sind jedoch nicht planbar. Nachhaltiger Vermögensaufbau entsteht in der Regel durch regelmässiges und langfristiges Investieren.

Wie wichtig ist eine klare Anlagestrategie beim Investieren?

Eine klare Anlagestrategie ist entscheidend. Sie sollte zur persönlichen Risikofähigkeit und den eigenen Anlagezielen passen. Grundsätzlich gilt: Je höher der Anteil an Obligationen im Portfolio, desto geringer sind in der Regel die Wertschwankungen, aber auch die Renditeerwartungen. Ein höherer Aktienanteil bietet langfristig zwar höhere Renditechancen, geht jedoch auch mit stärkeren Kursschwankungen und höheren Risiken einher. Steht die Strategie einmal fest, sollte man ihr auch in Phasen schwankender Märkte treu bleiben und nicht aufgrund kurzfristiger Kursbewegungen davon abweichen.

Eine klare Anlagestrategie ist entscheidend. Sie sollte zur persönlichen Risikofähigkeit und den eigenen Anlagezielen passen.

Prof. Ernesto Turnes,
Professor für Banking & Finance und Leiter des IFL Institut für Finance und Law

Prof. Ernesto Turnes

Welche Rolle spielen Risiko und Anlagehorizont?

Risiko und Anlagehorizont hängen eng zusammen. Grundsätzlich gilt: Je länger der Anlagehorizont, desto mehr Risiko kann in der Regel eingegangen werden. Die Geschichte der Finanzmärkte zeigt, dass sich die Märkte nach Krisen bislang immer wieder erholt haben. Wer langfristig investiert, hat deshalb bessere Chancen, vorübergehende Kursschwankungen auszusitzen und von einer späteren Erholung zu profitieren.

Ebenso wichtig ist eine breite Diversifikation. Das bedeutet, das Vermögen auf verschiedene Anlageklassen, Branchen und Unternehmen zu verteilen, anstatt alles in eine einzelne Anlage zu investieren. Dadurch lassen sich Risiken reduzieren und Wertschwankungen besser abfedern.

Sollte man regelmässig investieren oder einmalig einen grösseren Betrag anlegen?

Für viele Anlegerinnen und Anleger ist regelmässiges Investieren die sinnvollste Lösung. Wer früh beginnt und kontinuierlich investiert, profitiert langfristig vom Zinseszinseffekt. Zudem werden durch regelmässige Einzahlungen Kursschwankungen über die Zeit geglättet, da die Anlagen zu unterschiedlichen Kursen gekauft werden. Wichtiger, als auf den perfekten Einstiegszeitpunkt zu warten, ist es deshalb, überhaupt mit dem Investieren zu beginnen und an der gewählten Anlagestrategie langfristig festzuhalten.

Welche typischen Fehler machen Einsteigerinnen und Einsteiger beim Investieren?

Zu den häufigsten Fehlern zählen Klumpenrisiken, also eine zu starke Konzentration auf einzelne Anlagen oder Unternehmen, sowie emotionale Entscheidungen, die aus Angst oder Gier getroffen werden. Auch zu häufiges Kaufen und Verkaufen, das Unterschätzen von Kosten oder die ausschliessliche Fokussierung auf bekannte Unternehmen können den langfristigen Anlageerfolg beeinträchtigen.

Wie geht man mit Kursschwankungen oder Verlusten um, ohne in Panik zu geraten?

Kursschwankungen gehören zum Investieren dazu. Sie sind kein Ausnahmefall, sondern Teil der normalen Entwicklung an den Finanzmärkten. Deshalb ist es wichtig, den Fokus auf die langfristigen Anlageziele zu richten und sich nicht von kurzfristigen Marktbewegungen verunsichern zu lassen. Wer eine Anlagestrategie gewählt hat, die zum persönlichen Risikoprofil und Anlagehorizont passt, sollte auch in turbulenten Marktphasen daran festhalten.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der mit dem Investieren beginnen möchte?

Zunächst sollte man sich die wichtigsten Grundlagen aneignen und eine Anlagestrategie wählen, die zum persönlichen Risikoprofil und Anlagehorizont passt. Entscheidend ist jedoch, überhaupt mit dem Investieren zu beginnen. Bereits kleine, regelmässige Beträge können langfristig einen grossen Unterschied machen.

Das grösste Risiko besteht für viele Menschen nicht darin, investiert zu sein, sondern gar nicht zu investieren. Wer früh beginnt, langfristig denkt und konsequent an seiner Anlagestrategie festhält, schafft gute Voraussetzungen, um langfristig Vermögen aufzubauen und finanzielle Ziele zu erreichen.

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