Wertschätzend für den Menschen, kostensparend für den Staat

Demenzberatung stellt, wie die hier vorgestellte Masterarbeit am Psychologischen Institut der ZHAW zeigt, eine für betreuende Angehörige äusserst wertvolle und belastungsreduzierende Hilfe dar. Sie hat einen positiven Einfluss auf deren Lebensqualität – und zugleich auf ihre Betreuungsarbeit.

Treffen die Prognosen des Bundesamtes für Gesundheit von 2019 ein, so werden im Jahr 2045 rund 300’000 Schweizer:innen an Alzheimer oder an einer anderen Form demenzieller Erkrankung leiden. Diese Zahl ist dramatisch, zumal sie fast dreimal so hoch ist wie die aktuell in der Schweiz diagnostizierten Demenzerkrankungen. Bereits schon jetzt erkrankt alle 17 Minuten eine Person in der Schweiz an Demenz. Die Hauptgründe dafür sind ein bis heute noch fehlendes Heilmittel sowie die demografische Alterung. 

 

Die meisten Menschen, die heute mit einer Demenz leben, sind älter als 65 Jahre, und die Prävalenz steigt mit jedem zusätzlichen Lebensjahr (BAG 2019). Diese Tatsache gilt als eine enorme Herausforderung für das schweizerische Gesundheitswesen, denn gemäss einer aktuellen Schätzung belaufen sich die Gesamtkosten der Demenz bereits heute auf knapp zwölf Milliarden Franken pro Jahr (Ecoplan 2019). Auffallend dabei ist, dass beinahe die Hälfte (47 Prozent) der Kosten von Familienangehörigen, Nachbarn und Bekannten getragen werden. Es handelt sich dabei um informelle und somit unentgeltliche Pflege- und Betreuungsarbeit, die, fällt sie einmal weg, enorme Zusatzkosten generieren würde (Ecoplan 2019).

 

HOHE PSYCHISCHE BELASTUNG IN DER BETREUUNG

Demenzerkrankung ist eine Störung der Gehirnleistung, hat verschiedene Ursprünge und zeigt sich in individuellen Verläufen. Fakt ist, dass die Symptome zu lebensverändernden Einschnitten und Krisensituationen führen, die sowohl für die Betroffenen wie auch die Angehörigen mit enormen Belastungen verbunden sind. Nahestehende, welche die Betreuung der Erkrankten übernommen haben, stossen oft an ihre Belastungsgrenzen und zeigen grosses Potenzial, selbst zu erkranken. Sie fühlen sich mit ihren Sorgen isoliert und haben ein grosses Bedürfnis, sich mit einer neutralen Fachperson auszutauschen. Bedeutend erscheint, dass oft zuerst ein Belastungs-Schwellenwert überschritten werden muss, bevor Hilfe von aussen angefordert wird. Dieser Personengruppe gilt es besondere Beachtung zu schenken und sie in ihrer Betreuungsarbeit zu unterstützen. Denn verfügen sie über die nötigen Kompetenzen und Strategien, die täglichen Herausforderungen zu meistern, so hat dies einen positiven Einfluss auf ihre Lebensqualität und ihre Gesundheit und gleichzeitig auf die Betreuungsarbeit. 

 

PSYCHOSOZIALE BEGLEITUNG

Dieser Herausforderung stellt sich die Gerontologische Beratungsstelle SiL der Stadt Zürich. Das Akronym SiL steht für sozialmedizinische individuelle Lösungen. Das Angebot richtet sich an Menschen mit Demenz oder Verdacht auf Demenz. Ein Team von ausgewiesenen Fachpersonen besuchen die Betroffenen in ihrem Zuhause und klären die Situation ab. Dabei werden Testungen zu Gedächtnis- und Hirnleistungen durchgeführt und Möglichkeiten zur Alltagsbewältigung aufgezeigt, damit die Betroffenen weiterhin und möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Dies stets und wenn immer möglich unter Einbezug ihrer Angehörigen. 

 

Der Grundgedanke dieser Massnahme ist, alle beteiligten Personen – das heisst die von Demenz Betroffenen und insbesondere die betreuenden Angehörigen – zum bestmöglichen Umgang mit der Situation zu befähigen. Dazu bietet die SiL Beratungen für betreuende Angehörige an und leistet Hilfestellung bei der Vernetzung sowie der Koordination der formellen und informellen Versorgungssysteme. Mit der Stabilisierung der Situation wird der Grundstein gelegt, um eine Institutionalisierung hinauszuzögern und eine notfallmässige Hospitalisation zu vermeiden.

 

Die Erwartungen, welche betroffene Angehörige an Beratungsangebote haben, sind sehr vielfältig. Neben den formellen Herausforderungen der Betreuung (zum Beispiel Therapien, Pflege, Finanzierungsmöglichkeiten) fühlen sich viele betreuende Angehörige emotional überlastet. Über das Konzept der zugehenden Beratung wurde diesem Aspekt Rechnung getragen und mittels psychosozialer Begleitung eine flexible, lösungs- und zielorientierte Beratung im Wohnumfeld der Betroffenen entwickelt. Diese stellt einen vielschichtigen Beratungsprozess dar, der eine hohe Fachkompetenz voraussetzt.

 

METHODIK

Im Rahmen einer Masterarbeit am Psychologischen Institut der ZHAWwurde untersucht, wie die Lebensqualität von betreuenden Angehörigen von Demenz-Betroffenen durch ein Beratungsangebot gesteigert werden kann. Mittels problemzentrierten Interviews wurden 12 Angehörige zwischen 29 bis 87 Jahren zu ihren Erfahrungen bezüglich der Unterstützung der SiL befragt. Anschliessend wurde eine strukturierende Inhaltsanalyse durchgeführt, um relevante positive Auswirkungen in der Beratung zu eruieren. 

 

ERGEBNISSE

Aus der Erhebung lässt sich schliessen, dass die Beratung der SiL für betreuende Angehörige eine wertvolle und belastungsreduzierende Hilfe darstellt. Es zeigten sich insbesondere drei wichtige Kategorien: die psychische Entlastung, die zeitliche Entlastung und die Veränderung in der Beziehung zwischen den Angehörigen und den Demenzerkrankten durch die Beratung. Bei der psychischen Entlastung wurde von allen Befragten das Vertrauen in die Beratungsperson und das Gefühl, unterstützt und nicht mehr allein zu sein, genannt. Auch bei der zeitlichen Entlastung wurde die positive Auswirkung durch den Umstand, dass konkrete Massnahmen nicht mehr allein erfüllt werden müssen, erwähnt. Die verbesserte Beziehung wurde von vier Angehörigen hervorgehoben. Einerseits blieben ihnen durch die Entlastung mehr Ressourcen für die Beziehungspflege, andererseits konnten sie dank der Beratung mehr Verständnis für die Persönlichkeitsveränderungen aufbringen. 

 

Als ganz wichtig erwies sich der Aspekt, dass sich die Angehörigen nicht mehr allein gefühlt hatten. Das Durchbrechen der sozialen Isolation hatte einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität der betreuenden Angehörigen. Ein grosser Leidensdruck entstand nämlich dadurch, dass sich Angehörige im privaten Umfeld nur ungenügend austauschen konnten. Sowohl ihnen als auch dem privaten Umfeld fehlten die Erfahrung und das Fachwissen. Gerade wenn sich von Demenz Betroffene gegen externe Hilfsangebote wehrten oder keine Einsicht zeigten, waren ein offenes Ohr und das Besprechen der Entscheidungsmöglichkeiten einer kompetenten Fachperson äusserst hilfreich.

 

IMPLIKATION FÜR DIE PRAXIS

Die Auswertungen machen deutlich, dass eine Institution wie die SiL für die Gesellschaft enorm wichtig ist. Die Fachpersonen unterstützen Demenzbetroffene und deren Angehörige und gehen dabei ruhig und behutsam vor. Sie nehmen sich Zeit und erkennen mit ihrem grossen Erfahrungswert, welche Unterstützung notwendig ist. Das ist wertschätzend für den Menschen und zugleich kostensparend für den Staat. Es wäre erstrebenswert, ein solches Angebot in allen Regionen der Schweiz einzuführen. 

 

Dieser Beitrag wurde als Erstpublikation im Punktum des SBAP veröffentlicht.

ISABELLE NESSENSOHN

war über viele Jahre Touristikerin mit Leidenschaft. Erst in der zweiten Hälfte ihrer beruflichen Laufbahn entdeckte sie die Psychologie für sich und begann ihre akademische Laufbahn. Heute ist sie Psychologin und Geschäftsleiterin von Alzheimer Thurgau. Der gemeinnützige Verein gilt als erste Anlaufstelle im Kanton für alle Anliegen rund um das Thema Demenz. Das Angebot von Alzheimer Thurgau umfasst Information, Beratung und Schulung sowie Unterstützung und Begleitung von Menschen mit Demenz, deren Angehörige und deren Umfeld.

SBAP-PREIS FÜR MASTERARBEITEN

Der SBAP verleiht den Preis für Masterarbeiten für herausragende Arbeiten im konsekutiven Masterstudiengang am Departement Angewandte Psychologie. Pro Vertiefungsrichtung (A+O, KlinP, E+P) wird an der Diplomfeier jährlich je ein Preis vergeben. Die drei gleichwertigen Preise gehen an innovative angewandt-psychologische Masterarbeiten, die Neues explorieren und noch wenig bearbeitete Fragestellungen der Angewandten Psychologie thematisieren. Die ausgezeichneten Arbeiten werden im punktum. von den Autor:innen vorgestellt