Geschichten habe ich schon immer geliebt. Wer fiebert nicht gerne mit Heldinnen und Helden mit, die sich gegen eine Übermacht zur Wehr setzen oder unmögliche Widrigkeiten überwinden?
Auch beim Schreiben musst du etliche Widrigkeiten überwinden. Es ist eine Reise, bei der, wenn du aufbrichst, nicht weisst, was dich erwartet und ob du überhaupt jemals ankommst. Es ist eine Reise ins Unbekannte. Letzten Endes sind das doch aber die Schönsten, nicht wahr? Und wie bei jeder Reise, ist der erste Schritt der schwierigste.
Lehrjahre
Als Jugendlicher habe ich mir mit meinem Bruder und unseren Freunden Geschichten ausgedacht und als wir Tolkien entdeckten, haben wir uns in seiner Welt mit Pen&Paper-Spielen ausgetobt. Das Prinzip ist dabei immer das Gleiche: Der Spielleiter denkt sich eine Geschichte aus und die Gruppe muss versuchen, erstens das Abenteuer zu überstehen und zweitens überleben. Denn ein Spielecharakter kann auch sterben. Und ja, das gilt auch für Krieger in Mithril-Rüstung. Abgesehen von roten Köpfen kam aber niemand zu schaden. Ein grosser Vorteil dieser Spiele ist, dass du als Spielleiter promptes und direktes Feedback von deinen Mitspielern erhältst. Und glaubt mir, da hält keiner seine Meinung hinterm Berg. Insbesondere nicht Krieger in Mithril-Rüstungen, die… aber lassen wir das. Du weisst also, was funktioniert und was nicht. Und kannst dadurch lernen und es besser machen. Wenn man so will, dann waren diese Erfahrungen meine Lehrjahre, um Geschichten zu entwickeln.
Der Funke
Als ich mir Gedanken über einen Krimi machte, der in Bern spielen sollte, hatte ich die Anfangsszene und den ersten Satz bald im Kopf. Ich sah es bildhaft vor mir, wie der Protagonist Georg Muff mit seinen Musketieren, den ungleichen Rentnerfreunden, auf dem Bärenplatz vor dem Bundeshaus Schach spielte. Das war mein erster Schritt. Mehr hatte ich nicht. Weder einen Mord noch sonst etwas. Nur diese erste Szene. Von da an ging die Reise weiter.
Helden und andere Übel
Das Wichtigste an jeder Geschichte sind die Figuren. Schon die alten Griechen wussten das: Helena und Paris, die durch ihre Liebe den trojanischen Krieg auslösten. Wir wollen mit den Hauptfiguren mitfiebern und bangen. Das Entwickeln von Figuren hat es inzwischen ja auch in die Arbeitswelt geschafft, im Design Thinking ist dieser Prozess unter dem Begriff «Personas» bekannt. Das ist schon einmal ein guter Anfang. Um deine Figuren besser kennenzulernen, kannst du ein Interview mit ihnen führen. Wenn du bei einer Frage zögerst, dann weisst du, dass du hier noch ansetzen musst.
Der Protagonist Georg Muff muss in «Wölfe in Bern» nicht nur einen Mordfall lösen, der sich zunehmend als undurchschaubarer herausstellt, sondern er kämpft auch mit seiner eigenen Vergangenheit. Und natürlich hat auch er eine Helena. Doch auch diese Liebesgeschichte legt im Laufe an Dramatik zu und stellt Georg vor weitere Probleme.
Fensterplatz mit Aussicht
Um den Überblick über die Geschichte nicht zu verlieren, haben mir Kanban-Boards und ein Storyboard gute Dienste geleistet. Während Jahren waren meine Fenster, die direkt hinter dem Schreibtisch sind, mit farbigen Post-its zugeklebt. Alleine die Übung, die Geschichte in Teile herunterzubrechen und nochmals alles von Hand aufzuschreiben, hat mir geholfen, meine Gedanken zu sortieren, Fehler zu eliminieren und neue Ideen zu entwickeln. Und gleichzeitig war es ein Ansporn, die Geschichte fertig zu schreiben, damit ich endlich wieder hinaus schauen und die Aussicht geniessen konnte.
Ernest Hemingway sagte einmal: «There is nothing to writing. All you do is sit down at a typewriter and bleed.»
Auf einen Kriminalroman trifft das im doppelten Sinne zu. Daher wünsche ich euch bei der Lektüre von «Wölfe in Bern» spannende Stunden, mögt ihr mit Georg und seinen Freunden mitfiebern.