Leadership. Dieser Anglizismus hat sich in den letzten Jahr(zehnt)en in unseren «Business»-Wortschatz eingenistet wie wenig andere. Kein Zufall. Gute Führungsarbeit ist ein wesentlicher Baustein, damit – etwas überspitzt formuliert – unsere Wirtschaft funktioniert. Davon überzeugt ist Eric Lippmann. Bei ihm am Institut für Angewandte Psychologie (IAP) der ZHAW haben schon viele Chefinnen und Chefs einen Teil ihres Rüstzeugs erworben, andere suchen ihn für Beratungen auf. Im Gespräch erkärt der Experte, womit sich eine Führungsperson auseinandersetzen muss, weshalb er von Leadership-Kursen überzeugt ist – und wie er mit dem Problem renitenter Kursteilnehmender umgeht.
Was ist das häufigste Missverständnis betreffend Leadership?
Eric Lippmann: Leadership wird häufig mit Management verwechelt, wobei die Definition etwas unscharf ist. Beim Management geht es mehr um den betrieblichen Teil, die Hierarchie, das Fachwissen, die Hard Facts. Leadership dagegen beschreibt den psychologischen Teil der Führungsarbeit, hier sind Beziehungsgestaltung, Kommunikation und Führung auf allen Seiten gefragt. Also die Soft Facts.
Die Welt wird immer komplizierter, und damit auch gute Führungsarbeit. Pflichten Sie bei?
Es kommt darauf an, was man für Ansprüche hat. Wer meint, um gut zu führen, müsse man alles besser wissen, alles können, stets die Kontrolle bewahren – schafft einen Flaschenhalseffekt. Dann wird es schwierig in der heutigen Zeit. Versteht man Führung aber als Zusammenspiel, bei dem man ein Klima schafft, das die Leute zu Leistung anregt, wird man eher Erfolg haben und auch weniger einsam sein. Heute beruht Erfolg zumeist auf guter Teamarbeit. Auch diese Art der Führungsarbeit ist anspruchsvoll aufgrund der Dynamik und der Komplexität der Materie.
Wie schafft man es, ein gutes Klima zu schaffen?
Dazu braucht es vor allem einen Vertrauensvorschuss. Fehlt die Vertrauensbasis, gerät man leicht ins Kontrollieren, dann wird es schwierig.
Wer gut führen will, muss sich mit sich selber auseinandersetzen. Lautet die Kernfrage einer jeden Führungskraft also «Wer bin ich?»?
Etwas entscheidender oder genauer wäre: «Was gebe ich auf, wenn ich in eine Führungsrolle komme beziehungsweise weiter hierarchisch aufsteige? Was ist mir wichtig?» Meine Erfahrung ist: Wenn sich jemand über längere Zeit verleugnen und aufgeben muss, kommt es meist nicht gut. Menschen leiden darunter, so entstehen psychische Probleme.
Mehr als durch die 24-Stunden-Erreichbarkeit?
Das ist auch ein wichtiger Punkt heutzutage. Aber ich glaube, es kommt eher zu Burn-outs, wenn man sich verbiegen muss, die Sinnhaftigkeit nicht sieht und die Selbstwirksamkeit fehlt. Wenn Menschen hingegen Sinn und Wirkung in ihrer Tätigkeit sehen, dann sind sie oft bereit, sehr viel zu geben. Man sieht es bei den «Hochleistungsmenschen», sie erbringen erstaunliche Leistungen, da sie in ihren Aufgaben aufgehen. Dort spielen Arbeitspensum und Erreichbarkeit kaum eine Rolle.
Ist es absehbar, auf welche Weise künstliche Intelligenz Führungsarbeit verändert?
Da habe ich meine Hypothesen. KI kann einerseits Erleicherung schaffen, etwa wenn man Daten aufbereiten oder einen Vortrag vorbereiten muss. Wer nicht gerne schreibt und formuliert, kann diese Aufgaben ebenfalls leichter an eine KI delegieren.
Und andererseits?
Durch die gewonnene Effizienz können auch die Erwartungen steigen, man muss noch schneller liefern. Entscheidender erscheint mir aber eine andere Entwicklung.
Nämlich?
Die Frage: Kann man den Daten und Fakten noch trauen? Man muss die Fähigkeit und Bereitschaft haben, die kritische Zusatzschlaufe einzulegen und KI-Resultate nochmals zu untersuchen. Man kann zwar auch diese Rückfrage an die KI delegieren. Das ersetzt aber nicht unser eigenes, kritisches Denken. Und vor allem ersetzt es nicht unsere emotionale Intelligenz. Einfach gesagt: KI unterstützt teilweise unseren IQ, nicht aber unseren EQ.
Gehört dazu die Frage, welche Intention hinter einer ausgespuckten Information stecken könnte?
Auch, und das führt eben zur Frage: Wie kann ich das, was ich hier habe, als Laie noch kritisch hinterfragen? Dies wird entscheidend vor dem Hintergrund, dass wir immer mehr in unseren Bubbles leben, in denen Informationen unkritisch geteilt werden und sich festigen. Innerhalb dieser Blasen droht uns das eigene kritische Denken abhandenzukommen. Das Thema des selbstständigen kritischen Denkens wird wichtiger werden.
Steuern wir in Richtung einer Aufklärung 2.0?
Vielleicht …