Digitalisierung, KI und Transparenz: Wie der KMU-Verwaltungsrat zukunftsfähig wird

Neue gesetzliche Vorgaben, rasante Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz und steigende Cyber-Risiken verändern die Anforderungen an den Schweizer KMU-Verwaltungsrat grundlegend. Das traditionelle «Buddy-System» und das reine Verlassen auf altbewährte Netzwerke stossen hier an ihre Grenzen. Um den gesetzlichen Aufsichts- und Steuerungspflichten gerecht zu werden, brauchen Verwaltungsräte technologische Mündigkeit, Transparenz und frische Impulse – Qualitäten, die Fachhochschul-Absolventinnen und -Absolventen als solide Grundlage mitbringen können.


Vom statischen Kontrollorgan zum digitalen Navigator

Der Verwaltungsrat einer Schweizer Aktiengesellschaft trägt gemäss Art. 716a OR die unübertragbare und unentziehbare Verantwortung für die Oberleitung der Gesellschaft, die Festlegung der Organisation sowie die Ausgestaltung des Rechnungswesens und der Finanzkontrolle. Was früher vor allem Bilanzen, Budgetkontrollen und Strategieworkshops umfasste, erfordert heute ein deutlich breiteres Spektrum.

In einer zunehmend datengetriebenen Wirtschaft erstreckt sich die Oberaufsicht des Verwaltungsrats zwingend auch auf digitale Strategie und Prozesse, Datenschutz und technologische Risiken. Wer als Verwaltungsrätin oder Verwaltungsrat neue Technologien wie generative KI, Agentic AI oder Cloud-Architekturen nicht versteht, kann seiner Sorgfalts- und Überwachungspflicht im Risikomanagement nur noch eingeschränkt nachkommen. Der Verwaltungsrat wandelt sich damit vom reinen Wächter zum digitalen Treuhänder und Navigator des Unternehmens.


Künstliche Intelligenz und Cyber-Sicherheit im KMU-Board

Die jüngste Vergangenheit zeigt eindrücklich, wie KI-gestützte Cyberangriffe an Dynamik und Raffinesse gewinnen. Sicherheitslücken in weitverbreiteten Technologien wie PHP und Java, Angriffe auf Kryptobörsen und die zunehmende Bedrohung von Unternehmen und Institutionen verdeutlichen, dass Cybersicherheit längst zu einer zentralen strategischen Verantwortung des Verwaltungsrats geworden ist.

Die Realität in den Schweizer KMU-Gremien zeigt allerdings noch ein zwiespältiges Bild: Gemäss Untersuchungen – wie der repräsentativen Studie «SwissVR Monitor II/2024» von Deloitte, swissVR und der HSLU – befassen sich zwar rund 70 Prozent der KMU-Verwaltungsräte mit Generativer KI, jedoch nutzen 55 Prozent solche Tools im eigenen Mandat selten oder nie. Lediglich 43 Prozent der Gremien geben an, über ausreichendes Fachwissen zu verfügen, und drei Viertel (75 %) erhalten kein regelmässiges Reporting der Geschäftsleitung über den KI-Einsatz im Betrieb.

Dabei gehört die Steuerung von KI- und Cyber-Risiken unmissverständlich auf die Traktandenliste des obersten Organs:

  • KI- und Data-Literacy: Der Verwaltungsrat muss kein Software-Entwickler sein, aber die logischen Grundlagen, Chancen (z. B. Effizienzgewinne, Automatisierung) und Risiken (z. B. Halluzinationen, Datenabfluss, Bias) beurteilen können.

  • Proportionale KI-Governance: Anstelle unüberschaubarer Bürokratie braucht das KMU eine pragmatische «AI Policy» und ein verhältnismässiges Risikoregister. So viel Regelwerk wie nötig, so viel unternehmerische Agilität wie möglich.

  • Cyber-Resilienz und Datenschutz: Durch das revidierte Datenschutzgesetz (revDSG) steht der Verwaltungsrat in der Pflicht, die Einhaltung von Datensicherheit und Vertraulichkeit im Internen Kontrollsystem (IKS) zu verankern.



Neue Sorgfaltspflicht: Das Schweizer Transparenzregister (TJPG)

Neben der digitalen Transformation fordert auch der Gesetzgeber erhöhte Aufmerksamkeit. Per 1. Oktober 2026 ist das Bundesgesetz über die Transparenz juristischer Personen und die Identifikation der wirtschaftlich berechtigten Personen (TJPG) in Kraft getreten.

Mit diesem Gesetz schafft die Schweiz ein zentrales Transparenzregister zur Bekämpfung von Geldwäscherei. Für KMU-Verwaltungsräte entstehen daraus konkrete Aufgaben:

  • 1. Identifikations- und Überprüfungspflicht: Gesellschaften (AG und GmbH) müssen die wirtschaftlich berechtigten Personen (tatsächliche Kontrollverhältnisse) ermitteln, belegen und stets aktuell halten.

  • 2. Meldepflicht an das Register: Die Angaben müssen über die zentrale Plattform EasyGov an das vom Bundesamt für Justiz (BJ) geführte Transparenzregister gemeldet werden.

  • 3. Verantwortung beim Präsidium/VR: Gesetzlich ist das oberste Leitungsorgan dafür verantwortlich, dass diese Meldungen und allfällige Mutationen fristgerecht vorgenommen werden.


Diese Pflichten verdeutlichen einmal mehr, dass Corporate Governance im KMU kein theoretisches Konstrukt ist, sondern direkte rechtliche und organisatorische Konsequenzen für die Verwaltungsratsmitglieder hat.


Warum FH-Absolventinnen und -Absolventen im Board gefragt sind

Trotz dieser steigenden Komplexität werden in Schweizer KMU immer noch rund 88 Prozent der Verwaltungsratsmandate über informelle, persönliche Netzwerke vergeben – wie eine repräsentative Studie der Universität Zürich (Quelle: Masterarbeit von Pascal Sieder, betreut von Dr. Christoph Wenk Bernasconi, Executive Education UZH) zur Evaluierung und Besetzung von VR-Positionen belegt. Das führt oft zu homogen zusammengesetzten Gremien, in denen ähnliche Profile sitzen und kritische «blinde Flecken» unbeachtet bleiben.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, braucht es eine bewusste Öffnung der Gremien. Bereits 2008 untersuchte ich in meiner Masterarbeit an der Kalaidos Fachhochschule Schweiz (betreut von Dr. Christian Huldi) die Prozesse bei der Neubesetzung von KMU-Verwaltungsräten. Die damalige Erkenntnis bildet das Fundament von VRMandat.com: Die Selektion von Verwaltungsratsmitgliedern muss transparent, kompetenzbasiert und für jedes KMU einfach zugänglich sein.

Hier kommen die Absolventinnen und Absolventen der Schweizer Fachhochschulen ins Spiel:

  • Hohe Praxisorientierung: FH-Alumni verbinden wissenschaftliches Fundament direkt mit operativer Führungserfahrung im Berufsalltag.

  • Technologische Mündigkeit: Sie bringen natürliches Verständnis für Digitalisierung, KI, moderne Geschäftsmodelle und agile Arbeitsweisen mit.

  • Unabhängige Sichtweise: Als externe Verwaltungsratsmitglieder stellen sie die richtigen Fragen, fordern die Geschäftsleitung als konstruktive Sparringpartner heraus und bringen zusätzliche Expertise in traditionsreiche Gremien.



Fazit: Gute Governance sichert die Zukunftsfähigkeit

Ein moderner KMU-Verwaltungsrat ist kein Honorar-Gremium für Bekannte, sondern das zentrale strategische Steuerungsorgan der Unternehmung. Wer Digitalisierung, KI-Governance, Cyber-Sicherheit und regulatorische Pflichten wie das Transparenzregister proaktiv anpackt, schützt das Unternehmen vor Risiken und schafft nachhaltigen Mehrwert für Eigner, Kunden und Mitarbeitende.

Die Kooperation von VRMandat.com und FH SCHWEIZ zeigt, welches enorme Potenzial in der Schweizer FH-Community steckt. Nutzen wir diese Chance, um die Schweizer KMU-Landschaft mit kompetenten, diversen und unabhängigen Verwaltungsräten fit für die Zukunft zu machen.

Dominic Lüthi

Dominic Lüthi ist Executive MBA FH (Kalaidos Fachhochschule Schweiz), Wirtschaftsinformatiker, VR-Dozent und Mitglied in verschiedenen Vorständen.

2012 gründete er mit VRMandat.com die erste digitale Schweizer Vermittlungsplattform für Verwaltungsräte und Beiräte in KMU. Er ist langjähriges Mitglied von FH SCHWEIZ.