Der Verwaltungsrat einer Schweizer Aktiengesellschaft trägt gemäss Art. 716a OR die unübertragbare und unentziehbare Verantwortung für die Oberleitung der Gesellschaft, die Festlegung der Organisation sowie die Ausgestaltung des Rechnungswesens und der Finanzkontrolle. Was früher vor allem Bilanzen, Budgetkontrollen und Strategieworkshops umfasste, erfordert heute ein deutlich breiteres Spektrum.
In einer zunehmend datengetriebenen Wirtschaft erstreckt sich die Oberaufsicht des Verwaltungsrats zwingend auch auf digitale Strategie und Prozesse, Datenschutz und technologische Risiken. Wer als Verwaltungsrätin oder Verwaltungsrat neue Technologien wie generative KI, Agentic AI oder Cloud-Architekturen nicht versteht, kann seiner Sorgfalts- und Überwachungspflicht im Risikomanagement nur noch eingeschränkt nachkommen. Der Verwaltungsrat wandelt sich damit vom reinen Wächter zum digitalen Treuhänder und Navigator des Unternehmens.
Die jüngste Vergangenheit zeigt eindrücklich, wie KI-gestützte Cyberangriffe an Dynamik und Raffinesse gewinnen. Sicherheitslücken in weitverbreiteten Technologien wie PHP und Java, Angriffe auf Kryptobörsen und die zunehmende Bedrohung von Unternehmen und Institutionen verdeutlichen, dass Cybersicherheit längst zu einer zentralen strategischen Verantwortung des Verwaltungsrats geworden ist.
Die Realität in den Schweizer KMU-Gremien zeigt allerdings noch ein zwiespältiges Bild: Gemäss Untersuchungen – wie der repräsentativen Studie «SwissVR Monitor II/2024» von Deloitte, swissVR und der HSLU – befassen sich zwar rund 70 Prozent der KMU-Verwaltungsräte mit Generativer KI, jedoch nutzen 55 Prozent solche Tools im eigenen Mandat selten oder nie. Lediglich 43 Prozent der Gremien geben an, über ausreichendes Fachwissen zu verfügen, und drei Viertel (75 %) erhalten kein regelmässiges Reporting der Geschäftsleitung über den KI-Einsatz im Betrieb.
Dabei gehört die Steuerung von KI- und Cyber-Risiken unmissverständlich auf die Traktandenliste des obersten Organs:
Neben der digitalen Transformation fordert auch der Gesetzgeber erhöhte Aufmerksamkeit. Per 1. Oktober 2026 ist das Bundesgesetz über die Transparenz juristischer Personen und die Identifikation der wirtschaftlich berechtigten Personen (TJPG) in Kraft getreten.
Mit diesem Gesetz schafft die Schweiz ein zentrales Transparenzregister zur Bekämpfung von Geldwäscherei. Für KMU-Verwaltungsräte entstehen daraus konkrete Aufgaben:
Diese Pflichten verdeutlichen einmal mehr, dass Corporate Governance im KMU kein theoretisches Konstrukt ist, sondern direkte rechtliche und organisatorische Konsequenzen für die Verwaltungsratsmitglieder hat.
Trotz dieser steigenden Komplexität werden in Schweizer KMU immer noch rund 88 Prozent der Verwaltungsratsmandate über informelle, persönliche Netzwerke vergeben – wie eine repräsentative Studie der Universität Zürich (Quelle: Masterarbeit von Pascal Sieder, betreut von Dr. Christoph Wenk Bernasconi, Executive Education UZH) zur Evaluierung und Besetzung von VR-Positionen belegt. Das führt oft zu homogen zusammengesetzten Gremien, in denen ähnliche Profile sitzen und kritische «blinde Flecken» unbeachtet bleiben.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, braucht es eine bewusste Öffnung der Gremien. Bereits 2008 untersuchte ich in meiner Masterarbeit an der Kalaidos Fachhochschule Schweiz (betreut von Dr. Christian Huldi) die Prozesse bei der Neubesetzung von KMU-Verwaltungsräten. Die damalige Erkenntnis bildet das Fundament von VRMandat.com: Die Selektion von Verwaltungsratsmitgliedern muss transparent, kompetenzbasiert und für jedes KMU einfach zugänglich sein.
Hier kommen die Absolventinnen und Absolventen der Schweizer Fachhochschulen ins Spiel:
Ein moderner KMU-Verwaltungsrat ist kein Honorar-Gremium für Bekannte, sondern das zentrale strategische Steuerungsorgan der Unternehmung. Wer Digitalisierung, KI-Governance, Cyber-Sicherheit und regulatorische Pflichten wie das Transparenzregister proaktiv anpackt, schützt das Unternehmen vor Risiken und schafft nachhaltigen Mehrwert für Eigner, Kunden und Mitarbeitende.
Die Kooperation von VRMandat.com und FH SCHWEIZ zeigt, welches enorme Potenzial in der Schweizer FH-Community steckt. Nutzen wir diese Chance, um die Schweizer KMU-Landschaft mit kompetenten, diversen und unabhängigen Verwaltungsräten fit für die Zukunft zu machen.
Dominic Lüthi ist Executive MBA FH (Kalaidos Fachhochschule Schweiz), Wirtschaftsinformatiker, VR-Dozent und Mitglied in verschiedenen Vorständen.
2012 gründete er mit VRMandat.com die erste digitale Schweizer Vermittlungsplattform für Verwaltungsräte und Beiräte in KMU. Er ist langjähriges Mitglied von FH SCHWEIZ.